Brent Chapman, ein 33-jähriger Massagetherapeut aus North Vancouver, erlebte im Alter von 13 Jahren eine drastische Veränderung in seinem Leben. Während eines Basketballturniers nahm er zwei Ibuprofen-Tabletten ein und erlitt eine schwere allergische Reaktion, bekannt als Stevens-Johnson-Syndrom. Diese seltene Autoimmunerkrankung führte dazu, dass er ins Koma fiel. Als er einen Monat später erwachte, war er auf beiden Augen blind.

Trotz zahlreicher Operationen, darunter neun in den USA, Eingriffe mit Stammzellgewebe seiner Eltern und zwölf Hornhauttransplantationen, konnte sein Sehvermögen nicht wiederhergestellt werden. Manchmal hielten die Ergebnisse einige Monate an; einmal konnte er zwei Jahre lang teilweise sehen. Aber letztendlich verlor er immer wieder sein Sehvermögen. Eine deprimierende Achterbahn der Emotionen.

Zum ersten Mal in Kanada
Auch die 74-jährige Gail Lane aus Victoria hat schwierige Zeiten erlebt. Vor einem Jahrzehnt erblindete sie vollständig nach der Einnahme von Antiepileptika. Sie musste alltägliche Fähigkeiten wie Gehen, Anziehen, Essen und die Nutzung eines Mobiltelefons neu erlernen.
Chapman und Lane sind zwei von drei Patienten, die vergangene Woche kanadische Medizingeschichte schrieben. Sie unterzogen sich im Mount Saint Joseph Hospital in Vancouver (Kanada, zirka 45 Kilometer nordwestlich der Grenze zu den USA) einer Operation, bei der im zweiten Schritt ein eigener Zahn, ausgestattet mit einer Kunststofflinse, über ihren Augapfel genäht wird. Dies soll ihr Sehvermögen wiederherstellen. Leitender Arzt ist Dr. Greg Moloney. Zuerst berichtete darüber „Vancouver Sun“.
Letzte Hoffnung OOKP
Der Eingriff nennt sich Osteo-Odonto-Keratoprothese (OOKP), umgangssprachlich „Zahn-im-Auge“-Operation. Für Chapman, Lane und die dritte, nicht namentlich genannte Person bedeutet dies die letzte medizinische Hoffnung.
Das Verfahren eignet sich für Patienten, die an vorderer Augenblindheit leiden und bei denen herkömmliche Hornhauttransplantationen nicht erfolgreich waren. Die schwere Hornhautblindheit wird durch Narbenbildung, Autoimmunerkrankungen oder chemische Verletzungen verursacht. Wenn jedoch Netzhaut und Sehnerven noch gesund sind, kann die OOKP durch die Implantation einer optischen Linse innerhalb eines Zahns das Sehvermögen wiederherstellen – wenngleich es keine Erfolgsgarantie gibt.
Zwei Operationen

Die Operation besteht aus zwei Phasen.
Im ersten, etwa sechs Stunden dauernden Eingriff wird ein Zahn des Patienten (typischerweise ein Eckzahn) extrahiert, geformt und mit einer Linse versehen. Der Zahn wird dann für bis zu drei Monate in die Wange des Patienten eingenäht, um das Wachstum von Gewebe darum herum zu ermöglichen. Gleichzeitig wird ein Hautlappen aus der Innenseite der Wange entnommen und über das Auge des Patienten genäht.
In der zweiten, ebenfalls etwa sechs Stunden dauernden Operation wird der Zahn aus der Wange entfernt. Anschließend werden die beschädigte Iris und Linse des Auges entfernt, und der Zahn mit der Kunststofflinse wird auf den Augapfel genäht. Der zuvor entnommene Hautlappen wird über das Auge gelegt, wobei ein kleines Loch für die Linse bleibt. Am Ende hat der Patient ein rosafarbenes Auge mit einem kleinen schwarzen Kreis, durch den er sehen kann.
Körper stößt Zahn nicht ab
Hornhautspezialist Dr. Greg Moloney, Ophthalmologe und Chirurg am Mount Saint Joseph Hospital in Vancouver, erlernte diese Technik in Australien und brachte sie nach Kanada. Ein Zahn, so erklärt er den ungewöhnlichen Eingriff, enthalte Dentin, das ideal ist, um eine Kunststofflinse aufzunehmen, ohne dass der Körper sie abstößt. Er und sein medizinisches Team führten sieben solcher Operationen in Australien durch.
Aufgrund der Komplexität des Verfahrens, so Moloney, wird die Operation in der Regel nur an einem Auge durchgeführt. Außerdem warnt er in einem Interview mit dem kanadischen Radiosender CBC, dass das Verfahren nicht ohne Risiken sei: „Bei jeder Augenoperation besteht die Möglichkeit, dass wir eine Infektion einführen.“ Dann könnten die mühsamen Eingriffe vergebens sein.
Kaum bekannte Operationsmethode
Moloney betont: „Es ist eine seltene Operation, von der die meisten Menschen noch nie gehört haben – selbst wenn sie Augenchirurgen sind.“ Dennoch wird das Verfahren seit Jahrzehnten in mindestens zehn Ländern mit hoher Erfolgsquote durchgeführt. Eine Studie aus Italien aus dem Jahr 2022 ergab, dass 27 Jahre nach der Operation fast alle Patienten noch sehen konnten (siehe Info-Box unten).
„Das Risiko-Nutzen-Verhältnis für diese Patienten, wenn sie überhaupt kein Sehvermögen haben, ist es unserer Meinung nach wert“, sagt Moloney.
Chapman äußerte sowohl Hoffnung als auch Vorsicht bezüglich des Eingriffs. CBC zitiert ihn: „Wenn ich das Sehen zurückbekomme, wäre es wie ein großer Rausch. Würde ich es wieder verlieren, wäre es herzzerreißend, und ich würde in eine Depression verfallen.“ Worte, die niemand verwundern dürften. Seine Entscheidung, die OOKP auszuprobieren, wurde durch Gespräche mit anderen Patienten beeinflusst, die von positiven Ergebnissen berichteten.
Im Mai stehen für die drei Patienten in Kanada die nächsten Operationen an. Chapman sagt: „Ich stelle mir vor, wieder Basketball zu spielen, Körbe zu werfen. Ich möchte auch mehr reisen und die Welt sehen.“
Osteo-Odonto-Keratoprothese (OOKP)
Die Osteo-Odonto-Keratoprothese (OOKP) ist eine hochspezialisierte chirurgische Methode, die zwar wenig bekannt ist, aber seit über fünf Jahrzehnten zur Behandlung schwerster Hornhauterkrankungen eingesetzt wird.
Eine italienische Studie mit der Analyse von 958 Patienten ergab, dass 78 % der Behandelten am Ende des Beobachtungszeitraums eine Sehschärfe von mindestens 20/400 erreichten, wobei 91,2 % zumindest vorübergehend von der Operation profitierten.
Die durchschnittliche anatomische Erfolgsrate, gemessen am Erhalt der Prothese, lag bei beeindruckenden 88,25 %. Eine weitere Studie mit 181 Patienten zeigte eine anatomische Erfolgswahrscheinlichkeit von 85 % über einen Zeitraum von 18 Jahren. Diese Ergebnisse bestätigen die langfristige Stabilität und Wirksamkeit der OOKP.
Komplikationen und Herausforderungen
Trotz der hohen Erfolgsraten können Komplikationen auftreten. Zu den häufigsten gehören:
- Lamina-Resorption: Der Abbau des implantierten Zahn-Knochen-Materials kann zu strukturellen Problemen führen.
- Glaukom: Ein erhöhter Augeninnendruck ist eine häufige Begleiterscheinung nach der Operation.
- Infektionen: Sowohl sterile Keratolysen als auch infektiöse Keratitiden wurden in bis zu 50 % der Fälle berichtet.
(RP)
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