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Wie ich als Mensch mit Behinderung BDSM lebe

Ganz allgemein: Hier geht es nicht um Moral, sondern um eine Passion. Ganz praktisch: Wie funktioniert Bondage bei Spastiken? Von ROLLINGPLANET-Kolumnist Chris S.

Kolumne Chris BDSM
Auch ein Mensch mit Behinderung kann dominant sein. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Für diejenigen, die bereits Erfahrungen mit BDSM gemacht haben, ist dieser erste Absatz zugegebenermaßen wahrscheinlich reichlich langweilig. Nichtsdestotrotz möchte ich erst mal ein paar grundlegende Dinge erklären.

Der Begriff BDSM setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen seiner zugrunde liegenden Teilaspekte Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism zusammen. Dies bedeutet Fesselung und Disziplinierung, Beherrschung und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus. Die besagten Teilaspekte dienen der Differenzierung, allerdings überschneiden sich diese in der Realität sehr häufig.

Bewusstes Machtgefälle

Egal welche Varianten von BDSM bevorzugt werden, sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Die beteiligten Personen begeben sich immer bewusst in ein Machtgefälle. Eine Person gibt einen Teil ihrer Autonomie auf und übergibt sie der anderen Person. Das Wichtigste ist, dass BDSM immer in gegenseitigem Einverständnis und absolut freiwillig von mündigen Menschen in einem vorher speziell besprochenen Rahmen praktiziert wird. Seit 1990 fassen die Anhänger von BDSM diese Grundprinzipien unter der Abkürzung SSC zusammen. Das bedeutet „safe, sane and consensual“, also „sicher, mit klarem Verstand und in gegenseitigem Einverständnis“. Diese Einvernehmlichkeit dient dazu, BDSM ethisch und rechtlich von Machtmissbrauch und Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung abzugrenzen.

Ein anderer Verhaltenskodex wird RACK genannt, was für „risk-aware consensual kink“ steht und so viel bedeutet wie „risikobewusstes einvernehmliches sexuelles Handeln“. Dessen Anhänger möchten die Eigenverantwortung der beteiligten Personen bezüglich des Risikopotenzials stärker in den Vordergrund stellen.

Im Rahmen von BDSM könnten folgende Straftatbestände relevant werden: sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen, Beleidigung, Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, schwere Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Die Ausübung im gegenseitigen Einverständnis ist in Deutschland in der Regel nicht strafbar. Die Einwilligung aller beteiligten Personen ist also oberstes Gebot, allerdings kann eine Einwilligung nur erfolgen, wenn ein Mensch genügend Informationen und die geistigen Fähigkeiten besitzt, um abzuschätzen, was ihn erwartet. Die Möglichkeit, gegebenes Einverständnis widerrufen zu können, muss ebenfalls stets vorhanden sein. Hierzu dient in der Regel ein vorher vereinbartes Codewort, das sogenannte Safeword.

Das sollte reichen, um einen gewissen Überblick zu bekommen und um zu verstehen, worum es hier im weiteren Verlauf gehen wird.

Auch ein Mensch mit Behinderung kann dominant sein

Das Wichtigste sollten wir gleich zu Beginn festhalten: Eine Behinderung zu haben und BDSM zu mögen und zu betreiben ist kein Widerspruch! Ein Mensch mit einer Behinderung kann ebenso sadistisch oder masochistisch, ebenso dominant oder devot sein wie ein Mensch ohne Handicap, wir sprechen hier ja immerhin von charakterlichen Eigenschaften und die sind nun wahrlich nicht an eine Situation gebunden, die durch eine Behinderung entsteht.

Bondage bei Spastiken

Bondage Rollstuhl

Behinderung und BDSM schließen sich nicht aus. (Foto: privat)

Einzelne BDSM-Praktiken können für gewisse Behinderungen auch durchaus entspannende Aspekte bieten und dazu beitragen, dass sich die Person besser auf die Situation einlassen kann, hier wäre speziell Bondage in Verbindung mit Spastiken zu erwähnen. Durch gezielten Sinnesentzug, beispielsweise durch das Verbinden der Augen und einen zusätzlichen Kopfhörer, ist es in manchen Fällen durchaus möglich, dass unsensible Stellen eines Körpers besser wahrgenommen werden können. Man kann BDSM auch dazu nutzen, eigene Ängste zu bekämpfen, zum Beispiel die Angst vor Nadeln. Hierfür sollte die Person, die den dominanten Part übernimmt, aber über eine gewisse Erfahrung verfügen.

Das heißt natürlich nicht, dass jetzt jeder Mensch mit einer Spastik gleich anfangen soll, BDSM zu betreiben. Es ist eine Vorliebe, die man hat oder eben nicht hat. Und wie ihr an meinen Beispielen sehen könnt, ist eine Behinderung nicht zwingend ein Ausschlusskriterium für BDSM, allerdings kann sie natürlich Grenzen setzen – was eine großartige Überleitung zum nächsten Punkt darstellt, rein zufällig natürlich.

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Kennt euren Körper und eure Grenzen

Ich benutze mich selbst einfach mal als Beispiel. Ich bin ein Switch, das bedeutet, ich kann sowohl die Rolle des Doms als auch die Rolle des Subs besetzen. Meine Dominanz ist ebenso ausgeprägt wie meine Unterwürfigkeit und mein Masochismus, allerdings ist mein Sadismus vergleichsweise unterentwickelt. Ich ziehe keinen sexuellen Reiz daraus, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen.

Alles ist möglich

Eine Zeit lang beschäftigte mich die Frage, warum mein Sadismus im Vergleich zu den anderen Eigenschaften so gering ausfällt. Ich kam zu dem Entschluss, dass meine Vorliebe sich meinen körperlichen Gegebenheiten angepasst hatte. Mein Körper gibt mir zum Beispiel nicht die Möglichkeit, eine Peitsche zu heben oder Klammern anzulegen. Ich kann unter Umständen diese Bereiche an eine dritte Person delegieren, allerdings muss es dafür erst mal eine dritte Person geben und auch dabei hält sich mein Vergnügen in überschaubaren Grenzen. Es gibt selbstverständlich auch Menschen in ähnlichen Situationen, die durchaus sadistisch sind und diesen Sadismus eben durch dritte Personen ausleben oder andere Möglichkeiten dafür gefunden haben, das möchte ich auch nicht bestreiten.

Es gibt auch Fälle, bei denen sich der Körper erogene Zonen schafft, die in der Regel eher ungewöhnlich sind. Robin Wilson-Beattie berichtete beispielsweise davon, dass sie nach ihrer OP eine neue erogene Zone an ihrem Nacken entdeckte und dass die Stimulation dieses Punktes für einen Orgasmus ausreichen würde. Die Körper von Menschen mit einem Handicap sind in der Regel stark an ihre jeweilige Situation angepasst und das bezieht auch die Sexualität mit ein. Bei einigen sind es kleine Berührungen, wie das Massieren der Daumen, die große Gefühle auslösen können, andere brauchen eben stärkere Reize.

Chris (31) ist ein Münchner Kindl und lebt in der „Weltstadt mit Herz“. Seine Krankheit trägt den Namen SMA (Spinale Muskelatrophie) Typ 2. Chris ist Transmensch und pansexuell und schreibt bevorzugt über die Themen Dating, Liebe, Sex, BDSM oder Tantra. sexabled.de

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