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Gesundheit & Medizin

Was Sie vielleicht schon immer mal über Phantomschmerzen wissen wollten

Davon gehört hat wohl schon fast jeder. Doch wieso kann ein Teil des Körpers, der nicht mehr da ist, Terror machen? Was sind die Ursachen, und gibt es Therapiemöglichkeiten? Von ROLLINGPLANET-Autorin Daniela CarbonEla

Eine Frau in Unterwäsche sitzt auf einem Würfelkissen, ihr rechter Unterschenkel ist amputiert, sie trägt eine Prothese. Ihr Oberschenkel ist vernarbt.
Am rechten Unterschenkel amputierte Frau (das Foto zeigt nicht die Autorin; Symbolfoto: Shutterstock)

Unsere Autorin weiß, wovon sie schreibt – Daniela CarbonEla ist beinamputiert.

Was ist Phantomschmerz?

Als Phantomschmerz bezeichnet man die Schmerzen in einem Teil des Körpers, der nicht mehr da ist. Wie zum Beispiel ein Stechen/Kribbeln von den Zehen, obwohl das Bein amputiert wurde. Phantomschmerzen können bei jeder noch so „kleinen“ Amputation vorkommen – ein Finger, eine Zehe, sogar bei einem Zahn oder dem Blinddarm.

Dieser Schmerz kann sich bei Jedem ganz unterschiedlich anfühlen: Brennen, Stechen, Reißen, Kribbeln, Quetschen, Zucken, Spannungsgefühl bis hin zum Jucken.

Was sind die Ursachen für Phantomschmerzen?

Die Forscher sind sich noch nicht ganz einig, woher die Phantomschmerzen eigentlich kommen. Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass das Gehirn eine „Karte“ vom Körper hat, und wenn diese nicht mehr mit dem Körperbild zusammenpasst, werden Schmerzwellen ausgesandt.

Des Weiteren wird vermutet, dass es eine Art „Schmerzgedächtnis“ gibt. Das heißt man gewöhnt sich an chronische Schmerzen und bekommt sie noch schwerer weg. Stellen, die man vor der Amputation deutlich gespürt hat (z.B. aufgrund von Schmerzen), fühlt man auch nach dem Eingriff intensiver.

Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass sich das Gehirn reorganisieren kann, wenn ein sensorischer Input ausfällt, wie z. B. bei einer Amputation. Ganz vereinfacht physiologisch erklärt, gelangt ein sensorischer (= Wahrnehmung der Sinnesorgane) Input über afferente Nervenbahnen schlussendlich im Gehirn auf den sogenannten Gyrus postcentralis. Was nach einer griechischen Spezialität klingt, ist in Wahrheit eine Windung, die sich im Großhirn hinter der Zentralfurche befindet, und Signale aus den Extremitäten und dem übrigen Körper aufnimmt. Dort gibt es verschiedene Areale mit bestimmten Zellgruppen für die bewusste Wahrnehmung eines Schmerzreizes in einem ganz genau definierten Hautareal, und zwar NUR für dieses.

Sprich auf diesem Gyrus gibt es ein Areal, was z.B. nur zuständig ist für den linken Fuß. Daneben befindet sich das Areal vom linken Bein, daneben befindet sich das Areal für die linke Hand usw. Wenn ein Areal z.B. aufgrund einer Amputation des linken Unterschenkels nicht mehr aktiviert wird, beginnt ein regelrechter Kampf zwischen den Arealen auf dem Gyrus postcentralis.

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Esoteriker sagen wiederum, man spürt das Bein, weil die Seele im Gegensatz zum Körper noch „ganz“ ist. Es gibt noch viel mehr Theorien über Phantomschmerzen (und fast jährlich werden neue aufgestellt). Und auch wenn in dem Bereich viel geforscht wird – 100%ig bewiesen werden konnte bisher noch nichts davon.

Der Phantomschmerz kann verschiedene Stufen erreichen, vom einfachen „Phantomgefühl“ (man spürt die Gliedmaßen, als ob sie da wären, hat aber keine Schmerzen) bis zum periodischen oder dauerhaften Phantomschmerz, der nur mit Medikamenten im Zaum gehalten werden kann.

Stress, Kälte, Wetterveränderungen, Narben, Wasserlassen, Stuhlentleerung und Geschlechtsverkehr können dabei eine Rolle spielen und Phantomschmerzen auslösen.

Bei manchen Menschen verschwinden die Phantomschmerzen nach ein paar Jahren einfach bzw. klingen auf ein erträgliches Maß ab. Einige schaffen es, sie durch verschiedene Therapien in den Griff zu bekommen. Andere leiden leider das ganze Leben daran. Man kann jedoch definitiv sagen, dass eine Therapie viel wahrscheinlicher von Erfolg gekrönt ist, wenn man sie positiv angeht.

Welche Therapieansätze gibt es?

Spiegeltherapie

Spiegeltherapie ist die meistgenannte Therapieform für Phantomschmerzen bei Menschen mit Gliedmaßenamputationen. Dabei stellt man sich einen großen tragbaren Spiegel z.B. zwischen die Beine – und zwar so, dass sich die Seite mit dem noch vorhandenen Bein spiegelt. Man konzentriert sich nur auf das Spiegelbild, während man einfache Kreis- oder Tippbewegung mit dem Bein macht. Dadurch soll dem Gehirn suggeriert werden, dass noch beide Seiten vorhanden sind und somit keine Schmerzausschüttung notwendig ist.
Es hilft nicht bei akuten Schmerzen, kann aber in der Langzeitbehandlung die Schmerzen sehr verringern oder vertreiben.

TENS & Neuromodulation

TENS steht für transkutane (über die Haut empfangene) elektrische Nervenstimulation.
 Es werden zwei bis vier Elektroden auf die Haut geklebt. Zwischen diesen strömt elektrische Spannung, die ein Kribbeln oder Pochen auslöst. Kann etwas unangenehm sein, aber nicht schmerzhaft. Hilft auch wenn man es bei akuten Phantomschmerzen benutzt und lindert sofort die Schmerzen. Auch für Menschen, die chronische Schmerzen haben, kann durch das TENS eine Minderung des Schmerzlevels erreicht werden. Dafür ist allerdings eine regelmäßige Verwendung mehrmals die Woche notwendig.

Ähnlich wie die Anwendung der Tens-Geräte funktioniert auch die Neuromodulation. Hierbei werden die Elektroden neurochirurgisch als dauerhafte Lösung implantiert.

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Akkupunktur
Im Rücken einer Frau stecken Akupunktur-Nadeln

Akupunktur-Behandlung (Foto: Shutterstock)

Akupunktur ist eine bekannte Therapie gegen alle Schmerzen, nicht nur Phantomschmerzen. Je nachdem wo die Schmerzen sitzen, werden kleine Nadeln in die Haut (meistens ins Ohr) gesteckt. Der Vorgang ist nicht schmerzhaft, kurz wie eine Spritze. Dabei gibt es 2 verschiedene Akupunkturvorgehen: die eine ist mit sogenannten „Dauernadeln“ im Ohr (werden für ca. 1 Woche gesetzt). Das andere Vorgehen ist mit den „normalen“ Akupunkturnadeln, die man am Körper gesetzt bekommt und die dann nur ca. 20 Minuten im Körper bleiben, bis sie vom Arzt entfernt werden.

Wärmetherapie

Wärmetherapie erfolgt mit Pflastern, die mit Capsaicin-Extrakt (der Schärfe aus Chili) bestrichen sind. Im Gegensatz zur Capsaicin-Salbe, die man in der Apotheke bekommt, dürfen die Pflaster nur in Anwesenheit eines Arztes angelegt werden, da sie sehr viel kräftiger sind. Die Hautpartien, an denen die Pflaster aufliegen, werden durch die Schärfe auch sehr rot und empfindlich – ähnlich wie bei einem schweren Sonnenbrand. Entscheidet man sich für diese Therapie, sollte man eine gegebenenfalls nötige nachfolgende Regenerationszeit mit einberechnen.

Lasertherapie

Dabei wird die betreffende Region mit einem milden Laser bestrahlt, der bis in die unteren Regionen eindringt. Dadurch wird die Durchblutung angeregt und die Schmerzerzeugung verringert.
Ablenkung

Wenn man sich komplett in die Arbeit/in ein Hobby stürzt (sollte allerdings hohe Konzentration erfordern), dann werden die Schmerzen eine Zeit lang ausgeblendet. Leider kommen sie dann oft nach Beendigung der Tätigkeit wieder.

Die Schmerztherapie mit Medikamenten

Zur Phantomschmerz-Therapie werden ähnliche Medikamente wie bei anderen neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) eingesetzt, die die Funktion des zentralen Nervensystems beeinflussen. Dazu gehören u.a.:

  • Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Lyrica – bei elektrisierenden, stechenden und einschießenden Schmerzen)
  • Antidepressiva (z.B. bei dumpfen Dauerschmerzen, brennenden Schmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsproblemen) // ANM.: LINK ZU “ANTIDPRESSIVA” FUNKTIONIERTE NICHT MEHR
  • Opiate (z.B. Morphium, Tramal – allgemein bei Phantomschmerzen, sie werden der Schmerzintensität individuell angepasst)
  • Schmerzpflaster (z. B. „Versatis 5% Lidokain“ Pflaster)
  • Pflanzliche Schmerzmittel (z. B. THC)

Der Erfolg einer medikamentösen Therapie ist allerdings begrenzt. Außerdem sollte sich der Patient vor der Einnahme ausführlich von seinem Arzt beraten und aufklären lassen, da bei Schmerzmitteln deutliche Nebenwirkungen auftreten können.

(RP)

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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