Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, einen Riesenkalmar – das schwerste bekannte wirbellose Tier der Welt – eindeutig in seinem natürlichen Lebensraum zu filmen. Die spektakulären Aufnahmen wurden nun offiziell von Wissenschaftler*innen bestätigt, wie ein Forschungsinstitut gestern mitteilte. „Ein ziemlich cooles Tier“, bemerkte Wissenschaftlerin Kathrin Bolstad mit einem Lächeln. Solch eines gehört folgerichtig unbedingt in unsere Rubrik COOL ZU WISSEN.
Die geheimnisvolle, größtenteils durchsichtige Kreatur, etwa einen Fuß lang, mit acht leuchtend orangefarbenen Armen und zwei langen Tentakeln, glitt durch die pechschwarze Tiefe des Ozeans – begleitet von einem geisterhaft schimmernden, selbst erzeugten Licht.
Bei dem Exemplar handelt es sich um einen jugendlichen Riesenkalmar – ein selten beobachtetes Tiefseewesen, das im ausgewachsenen Zustand mehr als 450 Kilogramm wiegen kann. Die Aufnahmen stammen von einer Expedition im März in der Nähe der Südlichen Sandwichinseln im Südatlantik, nordöstlich der Antarktis und östlich der Spitze Südamerikas. Anders als der etwas leichtere, aber vermutlich längere Koloss-Kalmar, der weltweit in der Tiefsee vorkommt, ist der Riesenkalmar ausschließlich in antarktischen Gewässern beheimatet.
„Dieses Filmmaterial zeigt, wie wenig wir bislang von den großartigen Bewohnern des Südlichen Ozeans gesehen haben“, sagte Jyotika Virmani, Geschäftsführerin des Schmidt Ocean Institute, das das Forschungsschiff für die Expedition bereitgestellt hatte. Die Mission war Teil der Ocean Census, einem groß angelegten Projekt, das von Hunderten Wissenschaftler*innen getragen wird und neue Arten dokumentieren soll.
Der Kalmar in seiner natürlichen Umgebung
Bei der Bestimmung des Tieres half die Kopffüßer-Expertin und außerordentliche Professorin Kathrin Bolstad von der Auckland University of Technology in Neuseeland. Sie erklärte, dass Riesenkalmare bisher lediglich in der Nähe der Meeresoberfläche beobachtet wurden – etwa bei der Jagd oder wenn sie zufällig in Fischernetze gerieten. Noch nie zuvor sei jedoch ein Exemplar in den typischen Tiefen seines eigentlichen Lebensraums eindeutig gefilmt worden.
Der Jungkalmar wurde in fast 600 Metern Tiefe aufgenommen. Forschende gehen davon aus, dass erwachsene Tiere noch viel tiefer leben. Zwar war bereits im vergangenen Jahr ein Riesenkalmar in der Tiefsee gefilmt worden, konnte aber nicht eindeutig identifiziert werden, so Bolstad. Diesmal jedoch seien in den Aufnahmen des Schmidt Ocean Institute klare Erkennungsmerkmale sichtbar – eine Kombination aus Haken und Saugnäpfen, die nur beim Riesenkalmar vorkommt.
Tiefsee-Kalmar-Experte Steve O’Shea zeigte sich erfreut: „Es ist schön, dass der Riesenkalmar endlich lebendig und auf nicht-invasive Weise dokumentiert werden konnte – und nicht wie früher tot auf einem Trawlerdeck oder zerrissen in einem Netz.“
Gigant mit leuchtenden Augen
Seit 1925 bekannt
Die moderne Welt wurde erstmals 1925 auf die Existenz des Riesenkalmars aufmerksam, als Teile eines Exemplars – darunter zwei Arme – im Magen eines Pottwals gefunden wurden. Seitdem fasziniert das Tier immer wieder durch Spuren seiner Existenz: verdauten Schnäbeln in Walmägen, Narben von Saug- und Hakententakeln an Pottwalen – Zeichen einer uralten Auseinandersetzung in der Tiefe, wie Bolstad erklärt.
Gelegentlich werden auch ganze Riesenkalmare geborgen, etwa durch Fischereifahrzeuge. Das bislang schwerste bekannte Exemplar – ein erwachsener Kadaver – wird im Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington ausgestellt. Es wog über 450 Kilogramm und gilt damit als das schwerste bekannte wirbellose Tier.
Wie viele seiner Verwandten kann der Riesenkalmar vermutlich seine Körperfarbe verändern – von fast durchsichtig bis zu rötlichen Tönen, so Bolstad. Seine riesigen Augen hingegen sind nicht durchsichtig, weshalb er sie mit biolumineszenten Organen tarnt, die das Licht der Wasseroberfläche nachahmen und ihn vor Fressfeinden von unten schützen.
Die Augen eines ausgewachsenen Riesenkalmars – etwa fußballgroß und die größten im gesamten Tierreich – haben sich vermutlich entwickelt, um Feinde wie den Pottwal in der Dunkelheit frühzeitig zu erkennen. „Wir gehen davon aus, dass der Kalmar den Wal aus etwa der gleichen Entfernung sehen kann, aus der dieser ihn mithilfe seines Sonars ortet – einschließlich der Biolumineszenz, die der Wal bei seinem Tauchgang auslöst“, erklärte Bolstad.
(RP)
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