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Von Brailleschrift bis E-Book: Wie funktioniert Literatur-Zugang für blinde Menschen?

Es gibt Grund zur Hoffnung. Ab 2025 muss die Buchbranche einen barrierefreien Zugang zu Produkten und Dienstleistungen wie E-Books, E-Reader oder Webshops bieten. Von ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert

ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert sitzt vor einem PC und arbeitet.
ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Bücher in Blindenschrift sind ein sperriges Gut. Wenn der Postbote mir einen Thomas-Mann-Klassiker anliefert, hat er schon mal fünf Versand-Koffer mit neun schweren, großen Bänden dabei. Die Bücher erhalte ich aus speziellen Büchereien für blinde Menschen. Sie sind unter anderem in Marburg, Leipzig und Zürich. Das Ausleihen läuft ausschließlich über den Postweg.

Während bei Thomas Mann die Chancen noch hoch sind, dass es die Werke in Braille gibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei zeitgenössischer Literatur, bei Fachbüchern tendiert sie gegen null. Von den knapp 90.000 jährlich in Deutschland erscheinenden Büchern werden nur rund 500 in die von Louis Braille erfundene Punktschrift übertragen.

Häufig werden die Werke gekürzt

Hörbücher können eine Alternative sein. Auch hier gibt es Büchereien, die blinden und sehbehinderten Menschen Literatur anbieten (im DAISY-Format auf CD oder im Download). DAISY-Geräte oder -Software ermöglichen es den Nutzer*innen, in Büchern zu navigieren – von Seite zu Seite, Kapitel zu Kapitel, Ebene zu Ebene. Wenn ich mich daran erinnere, wie viel Zeit ich mit Spulen von Cassetten während meines Studiums verbracht habe, ist DAISY ein großer Fortschritt. Neben den Hörbüchereien ermöglicht auch der Hörbuch-Boom den Zugang zu aktueller Literatur. Der Haken: Häufig erscheinen – anders als in den Blindenhörbüchereien – die Werke nur gekürzt.

Und nicht zuletzt können eBooks für blinde Menschen einen Zugang schaffen. Über synthetische Sprachausgaben am Rechner, Tablet oder Smartphone können diese angehört werden. Sie können aber auch mit einer Braillezeile – einem Gerät, das den Bildschirminhalt zeilenweise in Blindenschrift ausgibt – gelesen werden. So ist die Kindle-App für iPhone zugänglich. Mit ihr kann ich zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung lesen. Das ist bemerkenswert, weil Tageszeitungen bis vor wenigen Jahren für blinde Menschen weitgehend unzugänglich waren. Insgesamt bietet die Digitalisierung das Potenzial, alle Texte zugänglich zu machen. Nur leider fehlt es häufig an barrierefrei erstellten eBooks, Apps oder Websites, in denen vernünftig navigiert werden kann und in denen Grafiken über aussagekräftige Alternativtexte verfügen.

Es gibt aber Grund zur Hoffnung. Ab 28. Juni 2025 muss die Buchbranche Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Zugang zu ihren Produkten und Dienstleistungen wie E-Books, E-Reader oder Webshops bieten. Das gibt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz vor. Und die Branche macht sich bereits auf den Weg. So hat kürzlich eine Taskforce Barrierefreiheit im Börsenverein des Deutschen Buchhandels mehrere Leitfäden entwickelt, die jetzt abrufbar sind unter: www.boersenverein.de/barrierefreiheit. Darin finden sich konkrete Informationen, die bei der Umstellung zu beachten sind,
außerdem ein ausführliches Handbuch zum inklusiven Publizieren.

Ich freue mich schon jetzt auf die Umsetzung der Vorgaben durch die Verlage und somit auf viele schöne und barrierefreie Lesestunden auch in der Zukunft.

Heiko Kunert (45) ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist seit seinem sieben Lebensjahr blind, engagiert sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft und scheibt auf heikos.blog über Blindheit und das Leben.

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