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Vespa Vasic: „Am schlimmsten waren die Ärzte!“

Die 30-jährige Schauspielerin ist fast blind. Ihr Wunsch: Mehr empathische Mediziner und Rollenangebote, bei denen nicht ihre Behinderung im Fokus steht. Ein Interview von ROLLINGPLANET-Redakteurin Anke Sieker. (Teil 1)

Schauspielerin Vespa Vasic
Was wir unter anderem wissen wollten: Verbessert sich Vespa Basics Sehvermögen wirklich, wenn sie seitlich schaut? (Foto: Gianni Plescia)

Bereits als 10-Jährige spielte die gebürtige Starnbergerin mit serbischen Wurzeln ihre erste Hauptrolle, im ARD-Fernsehfilm „Ein Vater für Klette“. Dem jungen Talent wurde eine verheißungsvolle Schauspielkarriere vorausgesagt. Bis eine zunehmende Sehbehinderung die Pläne von Vespa Vasic heftig durcheinanderwirbelte und sie vor neue Herausforderungen stellte. ROLLINGPLANET veröffentlicht dieses Interview in zwei Folgen.

„Mit zehn Jahren wurden meine Augen schlechter.“

Im Dezember waren Sie als blinde Fußballerin Sandra in der Episode „Ausgebremst“ der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ zu sehen. Werden wir Sie jetzt häufiger in der Sachsenklinik treffen?

Das war tatsächlich eine einmalige Geschichte, nachdem ich ganz frisch in die Berliner Agentur „Rollenfang“ – eine Agentur für Menschen mit Beeinträchtigungen – aufgenommen wurde. Als Kind war ich noch in einer anderen Schauspielagentur, zu der Zeit hatte ich meine Sehbehinderung aber noch nicht. Doch im Alter von zehn Jahren wurden meine Augen schlechter, die Schule bekam mehr Priorität und auch die Angebote wurden weniger. Also gingen meine Agentur und ich getrennte Wege, ich spielte längere Zeit keine Fernseh-Rollen mehr und legte den Fokus fortan mehr auf das Theater.

Sie teilen auch in Wirklichkeit Sandras Schicksal, haben heute nur noch ein Sehvermögen von 10 Prozent. Mögen Sie mir etwas über Ihren Krankheitsverlauf erzählen?

Ich habe mit zehn Jahren die Diagnose „Morbus Stargardt“ bekommen. Diese Krankheit kann frühestens im Alter von zehn Jahren, aber auch deutlich später ausbrechen, und bei mir ist es tatsächlich sehr früh der Fall gewesen. Das Ungewöhnliche daran ist, dass man es vorher weder weiß noch erkennt. Es handelt sich dabei um einen Gendefekt, der entsteht, wenn zwei defekte Gene zusammenkommen. Irgendjemand in meiner Familie muss die Krankheit also mal gehabt haben, aber es war uns nicht bekannt. Weil ein Teil meiner Familie in Serbien gelebt hat und diese Menschen dort Bauern auf dem Land waren, hatten sie bestimmt nicht die Möglichkeiten, um das irgendwie zu diagnostizieren. Womöglich konnten sie nicht mal lesen. Auf jeden Fall wussten wir nichts von einem früheren Krankheitsfall. Ich war ursprünglich ein putzmunteres, scheinbar gesundes Kind, und keiner wusste, dass die Krankheit in mir schlummerte.

„Es war ein schleichender Prozess.“

Erinnern Sie sich noch, wie es anfing?

Es war ein sehr schleichender Prozess, der damit begann, dass sich bei mir mit neun Jahren das Sehvermögen etwas verschlechterte. Ich saß damals in meiner Klasse noch ganz hinten und konnte irgendwann nicht mehr so gut lesen, was an der Tafel stand. Als Kind hinterfragst du das ja noch nicht, sondern gehst davon aus, dass es alle so sehen. Dementsprechend habe ich meine Probleme auch niemandem erzählt. Bis meiner Mama auffiel, dass ich die Hausaufgaben zunehmend schluderig erledigte, nicht mehr auf die Linien geschrieben habe und auch entfernte Dinge, die sie mir zeigte, nicht mehr erkennen konnte. Da wurde meine Mutter wachsam. Wir haben etliche Ärzte konsultiert, die erstmal nichts feststellen konnten, bis meine Krankheit irgendwann an der Charité diagnostiziert wurde. Das Ganze zog sich über ein Jahr hin, bis wir Gewissheit hatten. Im Allgemeinen entwickelt sich die Krankheit so, dass sie sich verschlechtert, aber in sehr langsamen Schüben, zwischendurch kann sie auch stagnieren. Das war auch bei mir der Fall, doch danach verschlechterte sich der Zustand leider wieder.

Stimmt es, dass dabei auch das Farbensehen vermindert ist?

Ja, wobei das bei mir, glücklicherweise, nicht der Fall ist. Ich kann noch ziemlich gut alle Farben erkennen.

Ihr ungewöhnlicher Name stammt also aus dem Serbischen?

Ja, meine Eltern stammen beide aus Serbien. Vespa ist jedoch ein italienischer Name.

Am Set: Schauspielerin Vespa Vasic hat ein Sehvermögen von nur zehn Prozent.

Am Set: Schauspielerin Vespa Vasic hat ein Sehvermögen von nur zehn Prozent. (Foto: privat)

Wie haben Sie Ihre Beeinträchtigung damals im Laufe der Zeit empfunden – in der Schule, mit den Freundinnen oder in der Freizeit? Haben Sie zunehmend darunter gelitten?

Es war tatsächlich gar nicht schlimm, weil meine Sehschwäche damals noch minimal war und mich in meinem Alltag nicht eingeschränkt hat. Schwierig wurde es in der Schule irgendwann im Umgang mit Texten und Zahlen. Zwischen meinen Freunden, Freundinnen und mir spielte meine Sehbehinderung nie eine große Rolle.

Wie kann man sich Ihre Sicht heute vorstellen?

Ich vergleiche das ganz gerne mit folgender Situation: Wenn man auf der Autobahn fährt – wobei ich natürlich nicht Auto fahren darf – und weit in der Ferne große Schilder sieht. Und bei mir ist es so, dass ich die Umrisse der Schilder sehe, aber nicht, was draufsteht. Das sehe ich erst, wenn ich so nah dran bin, dass ich schon fast vorbeigefahren bin. Auch wenn etwas sehr klein und detailliert ist, kann ich Details nicht erkennen. Ich schneide mir also nicht selbst die Fingernägel. Dafür kann ich mich draußen relativ gut orientieren und bewegen. Ich konnte auch immer ohne Probleme tanzen, was ich sehr gerne mache.

Sie haben nie unter Ihrer Krankheit gelitten?

Nein. Ich erinnere mich nur an eine frühere Situation, in der ich einmal von drei Jungs gehänselt wurde. Das war in der siebten Klasse. Mit 13 können Kinder ja bekanntlich sehr eklig sein. Natürlich habe ich zuhause geweint, aber dadurch, dass ich mit diesen Jungen nichts weiter zu tun hatte, nahm dieses Erlebnis auch keine tragende Rolle ein.

„Meine Erfahrungen mit Ärzten waren teils traumatisch.“

Ihre Mutter hat Sie offensichtlich extrem darin bestärkt, selbstständig und eigenständig zu bleiben, keine Scheu zu haben und das Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Wie hat sie das geschafft?

Meine Mama und mein Papa leben getrennt, haben aber ein gutes Verhältnis zueinander. Mein Vater lebt in München, wir in Berlin, insofern hat meine Mutter dementsprechend die Erziehung allein übernommen. Sie ist eine sehr toughe Persönlichkeit. Es war ihr schon immer wichtig, dass ich schon früh selbstständig werde, auch kochen kann. Deswegen hat sie mich dahingehend immer bestärkt. Sie hat mich auch in meinem Traum, Schauspielerin zu werden, bestärkt. Ich stand ja schon mit elf Jahren vor der Kamera. Andererseits hat sie immer dafür gesorgt, dass ich auch bodenständig bleibe. Dafür bin ich ihr auch sehr dankbar.

In meinem privaten Bereich habe ich nie unter meiner Behinderung gelitten. Schwieriger waren dagegen zum Beispiel meine Erfahrungen mit Ärzten. Die waren zum Teil sogar traumatisch. Gerade, als meine Diagnose feststand, und man mich fragte: Was möchtest du denn später mal werden? und ich antwortete: Ich möchte Tänzerin werden, sagte die Ärztin, völlig unsensibel: Tja, das tut mir leid. Das kannst Du nicht werden. Dann fällst Du von der Bühne!

Haben Sie solche Situationen öfter erlebt?

Ja. Meine Mama ist daraufhin entsprechend aus der Haut gefahren und laut geworden. Erstaunlicherweise habe ich sowas häufiger erlebt, sodass ich sogar meine Untersuchungen abgebrochen habe und das Krankenhaus gewechselt habe. Deshalb fahre ich inzwischen für Kontrolluntersuchungen von Berlin nach Bonn, wo ich mit empathischen Ärzten zu tun habe. Ich finde, Ärzte sollten ihren Patienten Mut machen und ihnen Dinge menschlich vermitteln, statt sie zu desillusionieren. Das haben viele anscheinend verlernt. Einer der Gründe für mein Studium der Rehabilitationspädagogik waren unter anderem solche Ärzte.

Wer oder was hat Sie außer Ihrer Mutter bestärkt?

Das ist, neben meiner Mama, die glücklicherweise in der Nähe wohnt, auch mein Partner, der mich in vielen Dingen unterstützt und sehr bestärkt. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass ich eingeschränkt bin. Gerade bei schriftlichen Angelegenheiten bin ich auf Hilfe angewiesen. Momentan studiere ich ja noch Theaterpädagogik, hab das Studium auch soweit fertig und muss jetzt noch die Masterarbeit schreiben. Das ist natürlich nicht so einfach. Schon bei der Literatur ist es ein Riesen-Aufwand für mich, die Bücher allein in der Bibliothek zu finden. Gerade in der Phase, wo ich noch entsprechendes Material sammele, ist das sehr mühselig. Auch kann ich die Bücher nicht, wie meine Kommilitonen, querlesen. Bei mir dauert alles viel länger: Erst wird mir das Buch entweder von einer Studienassistenz oder einem Freund oder einer Freundin eingelesen, und danach höre ich es mir an. Das nimmt natürlich sehr viel Zeit in Anspruch.

Das hört sich anstrengend an! Wie ist das im Haushalt, zum Beispiel wenn Sie Gemüse schneiden möchten?

Das geht, weil ich viel ertasten kann. Beim Kochen habe ich keine Probleme, außer ich muss eine Vanilleschote aushöhlen und die genau in der Mitte aufschneiden. Im Alltag, habe ich das Gefühl, bin ich weniger eingeschränkt. Doch sobald ich mit Schrift oder Computern arbeite, wird es schwieriger.

Lesen Sie morgen Teil 2 und Schluss unseres Interviews: Vespa Vasic: „Als Mutter spiele ich selbst nicht mehr die erste Geige“ – über die Geburt ihrer Tochter und Wünsche für die Zukunft.

(RP)

 

 

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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