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Vespa Vasic: „Als Mutter spiele ich selbst nicht mehr die erste Geige“

Teil 2 unseres Interviews mit Schauspielerin Vespa Vasic über die Geburt ihrer Tochter und Pläne für die Zukunft. Von ROLLINGPLANET-Autorin Anke Sieker

Im Alter von zehn Jahren wurde bei Schauspielerin Vespa Vasic „Morbus Stargardt“ diagnostiziert. Heute ist sie selbst Mutter einer Tochter.
Im Alter von zehn Jahren wurde bei Schauspielerin Vespa Vasic „Morbus Stargardt“ diagnostiziert. Heute ist sie selbst Mutter einer Tochter. (Foto: privat)

Bereits als 10-Jährige spielte die gebürtige Starnbergerin mit serbischen Wurzeln ihre erste Hauptrolle, im ARD-Fernsehfilm „Ein Vater für Klette“. Dem jungen Talent wurde eine verheißungsvolle Schauspielkarriere vorausgesagt. Bis eine zunehmende Sehbehinderung die Pläne von Vespa Vasic heftig durcheinanderwirbelte und sie vor neue Herausforderungen stellte. ROLLINGPLANET veröffentlicht dieses Interview in zwei Folgen. Zurück zu Teil 1: Vespa Vasic: „Am schlimmsten waren die Ärzte!“

Auch Fahrradfahren wurde mir verboten

Können Sie Fahrradfahren?

Ja, aber auch da haben die Ärzte damals gesagt, dass ich es nicht dürfe. Ich fahre also nur in meinem Bezirk auf kleinen Straßen und dem Fahrradweg, wo ich mich auskenne, und ich lege allein auch keine großen Strecken zurück. Seit einer Weile können mein Mann und ich aber auch längere Radausflüge machen, weil ihm seine Eltern ihr Tandem geschenkt haben. Das ist superschön.

Was ist Ihr langfristiges Berufsziel?

Ich kann mir gut eine Mischung aus der Schauspielerei und der Theaterpädagogik, wobei ich selbst Gruppen anleite, vorstellen. Ich habe aber noch keine konkrete Vorstellung.

Es heißt, die Produktion von „In aller Freundschaft“ hatte sich mehr Diversität gewünscht. Schauspieler mit Einschränkungen sollten selbstverständlicher werden. Das hört sich ja sehr positiv an. Stellen Sie auch allgemein fest, dass Menschen mit Behinderungen heutzutage mehr Akzeptanz finden?

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg – der ist aber sehr lang. Schön ist auf jeden Fall, dass inzwischen eine größere öffentliche Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderungen hergestellt wird. In der Film- und Fernsehbranche gibt es einerseits diejenigen, die die Entscheidungen treffen, wie die Produzenten und Regisseure, die ihre Schauspieler auswählen. Andererseits gibt es die Zuschauer und gewisse Sehgewohnheiten. Und auch die müssen an das Thema herangeführt werden.  Ich möchte nicht auf meine Behinderung reduziert werden. Das klappt natürlich nur, wenn die Branche bereit ist, mutig zu sein und die Gesellschaft in ihrer Vielfalt abzubilden.

Daher würde ich mir wünschen, dass noch mehr Angebote gemacht werden. Aber ich glaube, wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Ich würde mir natürlich wünschen, dass ich früher oder später nicht nur Angebote hinsichtlich meiner Sehbehinderung bekäme, sondern eine ganz normale Rolle mit einem alltäglichen Konflikt angeboten bekäme, wobei die Sehbehinderung nur zweitrangig wäre. An dem Punkt sind wir noch nicht angekommen. Im Moment steht noch die Behinderung im Fokus. Ich möchte aber nicht darauf reduziert werden.

Stimmt es, dass sich Ihr Scharfsehvermögen verbessert, wenn Sie seitlich schauen?

Ja, es ist ein Nebeneffekt dieser Sehbehinderung, dass ich leicht an Leuten vorbeischaue, wenn sie zu weit weg sind. Ich mache es nicht bewusst, dass ich seitlich schaue, sondern meine Augen reagieren so, um die Sicht scharfzustellen. Letztlich schaffen sie es aber nicht. Sind Leute nur 30 Zentimeter entfernt, kann ich ihnen auch in die Augen schauen.

Was ist Ihre momentane Diagnose? Könnte sich Ihr Zustand möglicherweise verschlechtern, vielleicht aber auch verbessern? Gibt es Heilungschancen und mögliche Therapien?

Vor zwei Jahren gab es noch keine Therapiemöglichkeiten. Das Problem einer Behinderung ist, dass sie als Behinderung und nicht als Krankheit angesehen wird, es deshalb keine Chancen auf Heilung gibt. Es gab insofern bislang keine Therapien, weil die Gelder dafür fehlten, auch weil die Krankheit zu selten vorkommt. Ein Hoffnungsschimmer ist jedoch, dass seit eineinhalb Jahren dahingehend geforscht wird und ich vielleicht hoffen kann, dass man mir früher oder später helfen kann. Das kann sicherlich dauern, aber zumindest gibt es Bemühungen.

„Ich mache das Beste aus meiner Situation“

Sie scheinen ein sehr positiver Mensch zu sein. Wie erhalten Sie sich Ihre Positivität?

Ich glaube, ich bin von Natur aus eher ein optimistischer Typ. Und es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig, als das Beste aus meiner Situation zu machen. Dadurch dass ich auch nicht so viele niederschmetternde Erlebnisse hatte, zumindest in den letzten Jahren nicht, habe ich auch nicht das Gefühl, dass meine Behinderung für mich so eine große Rolle spielt. Ich habe auch ein sehr schönes soziales Umfeld, das mich sehr bestärkt.

Dazu hat sicherlich auch ein erfreuliches Ereignis beigetragen: Sie sind vor vier Monaten, Ende Dezember, Mutter einer kleinen Tochter geworden…

Und sie macht mich natürlich auch sehr glücklich. Ich habe gar keine Zeit mehr für schlechte Laune.

Ist sie ein Wunschkind?

Ja, total!

„Als Mutter spiele ich selbst nicht mehr die erste Geige“

Wie hat Ihre neue Rolle als Mutter Sie verändert?

Was sich ganz drastisch verändert hat, ist, dass man selber nicht mehr die erste Geige spielt, sondern es jetzt ein anderes Wesen gibt, bei dem es mir viel wichtiger ist, meine ganze Energie zu investieren, damit es ihm gut geht. Denn dann geht es auch mir gut. Es ist so ein neues Gefühl von Verbundenheit, eine andere Art von Beziehung – die ich so vorher noch nicht kannte und die wunderschön ist. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man mit so einem kleinen Wesen zusammenwächst und es auch ganz schnell vermisst.

Empfinden Sie als Mutter alltägliche Situationen als schwieriger? Zum Beispiel in den Bus zu steigen oder Treppen hinunterzugehen?

Ich würde sagen, da spielt mir Corona gerade in die Karten, sodass ich gar keine Chance habe, mich aufzuregen, weil ich tatsächlich seitdem weder Bus noch U-Bahn in Berlin gefahren bin, sondern alles Mögliche zu Fuß erledige. Oder meine Mutter fährt mich mit ihrem Auto. Was noch gewöhnungsbedürftig ist: Mit dem Kinderwagen muss ich jedes Mal checken, wie hoch der jeweilige Bürgersteig ist.

Sind aufgrund Ihrer Augenkrankheit andere Sinne bei Ihnen ausgeprägter?

Das wurde ich schon häufiger gefragt. Ich weiß tatsächlich durch mein Rehabilitationsstudium, dass sich die anderen Sinne erst richtig ausprägen, wenn ein Sinn kaum noch funktioniert. Und da ich noch sehr viel über das Visuelle mache, kann ich nicht behaupten, dass etwas stärker ausgeprägt ist. Allerdings stelle ich fest, dass ich sehr sensibel bin, was den Geruchssinn betrifft und lande zum Beispiel bei den Windeln meiner Tochter häufiger einen Treffer als mein Mann. Dadurch dass ich generell ein auditiver Mensch bin und viel Radio, Hörbücher und Podcasts als Informationsquelle nutze, höre ich, glaube ich, auch ganz gut.

Das heißt, Sie und Ihr Partner Paul sind verheiratet?

Ja, ganz frisch sogar. Wir haben uns noch vor der Geburt unserer Tochter, Anfang Dezember, getraut.

Wie lange kennen Sie sich schon?

Wir haben uns vor 13 Jahren auf seiner Homeparty kennengelernt.

Ist er auch Schauspieler?

Nein, ein ganz bodenständiger Ingenieur. Eigentlich sind wir sehr unterschiedlich: Ich bin im kreativen Bereich verankert, während er im wissenschaftlichen Bereich tätig ist. Ich bin der emotionale Mensch, er eher der rationale Typ – aber so ergänzen wir uns auch ganz gut.

„Das Coronavirus soll den Koffer packen und verschwinden!“

Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?

Ich tanze wie gesagt wahnsinnig gerne. Und ich koche auch sehr gerne. Momentan kommt das aber leider etwas zu kurz

Ihre Pläne und Wünsche für die Zukunft?

Gegenwärtig wünsche ich mir, dass wir alle gesund bleiben und dass das Coronavirus samt aller Mutationen seine Koffer packt und verschwindet, weil es ihm hier auf unserem Planeten zu ungemütlich wird. Ganz im Ernst hoffe ich, dass wir als Gesellschaft sowohl die psychisch-sozialen als auch die wirtschaftlichen Folgen gut überstehen. Für die Zukunft wünsche ich mir, meinen Platz in der Berufswelt zu finden und hoffe, dass potentielle Arbeitgeber mich als Person kennen- und schätzen lernen und meiner Sehbeeinträchtigung offen gegenüberstehen. Denn nur so kann der Gedanke von Inklusion und Diversität auch gelebt werden.

Welchen Herausforderungen würden Sie sich gerne noch stellen?

Als eine aktuelle Herausforderung empfinde ich das Beenden meines Abschlusses. Schließlich fehlt mir ja nur noch die schriftliche Masterarbeit. Doch derzeit stehen die Bedürfnisse unserer kleinen Tochter erst einmal im Vordergrund.

Vielen Dank für das Interview.

(RP)

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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