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GESTERN
Die berührendsten Erinnerungen an Weihnachten stammen aus meiner Kindheit: glitzernder Tand am Baum, der Duft von Kerzenlicht und abgebrannten Streichhölzern im Weihnachtszimmer. Die Geschenke unter dem Baum strahlten einen himmlischen Zauber aus, der später der Habgier zum Opfer fiel. Wir vier Kinder, Papa und Mama waren um das strahlende Tännchen versammelt. Die Feier folgte einem festen Protokoll, orchestriert von unserer Mutter:
1. Gesang:
Wir Kinder sangen aus voller Kehle und mit falscher Stimme, sodass bald eine herzerweichende Katzenmusik erklang, von einer Kleinkinderschar mit einigem Enthusiasmus vorgetragen. Später, mit zunehmendem Alter, waren wir von der eigenen Stimme peinlich berührt, sodass wir nur zaghaft mitsangen, wenn unser Vater „Oh du fröhliche“ anstimmte. Auch er kein Stimmwunder. Eisern hingegen Frau Mama, die auch hier das Heft nicht aus der Hand gab.
2. Weihnachtsgeschichte:
In jungen Jahren empörte uns die Kaltherzigkeit der biblischen Menschen gegenüber der werdenden Mutter, die Jesus zur Welt bringen wollte. Wir begriffen schon damals, dass Menschen herzlos sein können – ja, dass das offenbar ein verbreitetes Phänomen ist. Umso sympathischer erschienen uns die Hirten – und der Esel sowieso. Später, nachdem wir dieselbe Weihnachtsgeschichte immer und immer wieder gehört hatten, mal in dieser, mal in jener Version, langweilten wir uns jeweils zu Tode. Und als wir auf die Pubertät zusteuerten, gähnten wir demonstrativ.
3. Dann wieder Gesang:
Siehe oben.
4. Schließlich die Bescherung:
Zunächst Ausdruck reinster Liebe und Zuwendung, vermischt vielleicht bei den Eltern mit häuslichem Sinn fürs Praktische, wenn sie uns eine neue Hose oder einen mit Namen versehenen Serviettenring schenkten. Später verflog auch hier der Zauber kindlicher Unschuld. Die Bescherung wandelte sich immer mehr in eine Päckchenschlacht, bei der die Fetzen flogen. Bei diesem Programmpunkt waren wir Kinder einige Jahre lang kaum mehr im Zaum zu halten, bis wir für Geduld und Taktgefühl wieder zugänglich wurden.
HEUTE
Und heute? Abgesehen davon, dass es die Familien zusammenbringt – im sogenannt trauten Kreise – scheint mir das Weihnachtsfest weitgehend sinnentleert, ja pervertiert, indem das Fest der Liebe in ein Fest des Konsums verwandelt wurde, getrieben von einem freien, aber unersättlichen Markt, der zum Jahresende seine Bilanz aufhübschen will.
Man müsste dem Fest einen neuen Sinn geben. Vielleicht so: In der dunkelsten Zeit des Jahres erscheint ein helles Licht, kein äußerlich gleißendes, sondern ein sanft leuchtendes, innerliches Licht, das man durchaus Liebe nennen darf. Und diese Liebe ist nur echt, wenn es tätige Liebe ist – eine Liebe, die weit über den trauten Kreis hinausgeht und sich vielleicht explizit dem Fremden zuwendet. Sie ist befreit vom religiösen Firlefanz, wurzelt aber in einer spirituellen Tiefe, die universell ist und aus der letztlich alle Religionen schöpfen.
Das wäre ein Licht, das sich weit über die Weihnachtszimmer hinaus ausbreitet, das vor keiner Grenze – weder einer sozialen noch einer politischen – haltmacht. Ein Licht in einer an Dunkelheit nicht armen Zeit.
Walter Beutler
Unser Kolumnist wurde 1956 in Basel geboren. Zwei Jahre später erkrankte er an Kinderlähmung und ist seither Rollifahrer. Zwar im Heim aufgewachsen, aber trotzdem kein Heimkind. Zwar ein Mensch mit Körperbehinderung, aber trotzdem nicht behinderter als die anderen auch. Der Schweizer veröffentlicht regelmäßig auf seinem Blog Walter B.s Textereien und auf ROLLINGPLANET.
Walter Beutler hat zudem das Buch „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt – Meine Reise durch Indien“ geschrieben.
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(RP)
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