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Scharfe Kritik an schulischer Inklusion in Rheinland-Pfalz

Um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Land ist es schlecht bestellt. Ein Befund des Wissenschaftszentrums Berlin bestätigt nun den Eindruck der Eltern.

Schülerinnen und Schüler verfolgen in der Förderschule am Donnersberg den Unterricht.
Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) kritisiert, dass Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland ist, in dem kein flächendeckender inklusiver Unterricht vorgesehen ist. (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Die Vorgaben der Vereinten Nationen zum gemeinsamen Unterricht von jungen Menschen mit und ohne Behinderung werden nach Einschätzung von Wissenschaftlern in Rheinland-Pfalz nicht erfüllt. Zwölf Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention sagte Michael Wrase vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) am Freitag, „dass Inklusion in Rheinland-Pfalz faktisch nicht stattfindet“. Das Bildungsministerium in Mainz will sich die Studie des WZB „genau ansehen“.

Schwerpunkt- oder Förderschule

Eltern von Kindern mit einer Behinderung haben in Rheinland-Pfalz die Wahl zwischen einer von 299 Schwerpunktschulen, in der drei bis vier Schüler und Schülerinnen „mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ gemeinsam mit anderen unterrichtet werden, und 131 Förderschulen, wo ausschließlich Schülerinnen und Schüler mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“ unterrichtet werden. Nur 29 Prozent der Regelschulen in Rheinland-Pfalz bieten wenigstens einem Kind oder Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen Schulplatz – was weit unter dem bundesweiten Durchschnitt von 68 Prozent liegt (Stand 2018).

„Die Eltern sind sehr dankbar, dass ihre Alltagserfahrung fachwissenschaftlich untermauert wird“,

sagte am Freitag die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen (GLGL), Christine König, zu den Ergebnissen der Studie. Die Eltern stünden vor dem Dilemma, ihr Kind auf eine „schlecht ausgestattete Schwerpunktschule“ zu schicken oder auf eine Förderschule – dort gebe es kompetente Lehrer, „aber da ist das Kind separiert“. Sie verstehe alle Eltern, die sich deswegen für die Förderschule entschieden, wo es keine Inklusion gebe.

Schwerpunktschulen seien nur sinnvoll, wenn es eine besondere Ausrichtung gebe, etwa für die Unterrichtung von autistischen Kindern, sagte der Bildungsjurist Wrase. In Rheinland-Pfalz aber seien Schwerpunktschulen vor allem dort angesiedelt, wo es einen hohen Anteil von Hartz-IV-Beziehern gebe.

„Schwerpunktschulen sind Soziale-Brennpunkt-Schulen – das ist ganz klar gegen das Ziel der UN Behindertenrechtskonvention.“

An Standorten mit sozialen Problemen erhielten auch vermehrt Kinder mit sich daraus ergebenden Auffälligkeiten „das Label Behinderung oder sonderpädagogischer Förderbedarf“.

Exklusionsquote steigt

Die sogenannte Exklusionsquote, das ist der Anteil der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen, die eine Förderschule ohne Inklusion besuchen, ist in Rheinland-Pfalz im Unterschied zu fast allen anderen Bundesländern von 2009 bis 2018 sogar gestiegen, um 0,4 Prozentpunkte auf 4,2 Prozentpunkte. „Über 70 Prozent verlassen die Förderschule ohne berufsqualifizierenden Abschluss“, sagte Wrase.

Die Kritik wird von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) geteilt, die von einem „beschämenden und alarmierenden Fazit für die rheinland-pfälzische Bildungspolitik“ sprach. Der Fachkräftemangel an Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen verschärfe die Situation zusätzlich.

„Selbst wenn die Landesregierung zeitnah eine weitere, dringend benötigte Fakultät für Sonderpädagogik in Koblenz installieren sollte, werden mindestens weitere sechs Jahre vergehen, bis die ersten Lehrkräfte in den Schulen ankommen“,

erklärte der Landesvorsitzende Klaus-Peter Hammer. Die GEW kritisiert, dass das „politische Festhalten an der Doppelstruktur von Schwerpunkt- und Förderschulen ziemlich in Zement gegossen“ sei.

„Schülerinnen und Schüler mit und ohne Handicap sollen mit und voneinander lernen“, sagte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) zu den Ergebnissen der WZB-Studie. Im Frühjahr 2020 habe das Ministerium eine Lenkungsgruppe eingesetzt, „die sich genau darum kümmert und die sich selbstverständlich auch die Ergebnisse der WZB-Studie genau ansehen wird“.

„Für uns steht die Beratung der Eltern und Kinder im Vordergrund“, sagte Hubig. Daher wurden bislang 32 Förderschulen zu „Förder- und Beratungszentren“ entwickelt, die eng mit allgemeinen Schulen zusammenarbeiten. Dies könne ein Mittel für einen Übergang in ein inklusives Schulsystem sein, sagte Wrase. Erforderlich dafür sei aber eine grundsätzliche Entscheidung, das System aus Schwerpunkt- und Förderschulen im Sinne der UN-Konvention zu transformieren.

(RP/dpa/lrs)

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1 Kommentar

1 Comment

  1. Mamay Claudia

    21. September 2022 um 11:34

    Es geht nicht um Neuerfindung von Beratungzentre oder ob genügend Sonderpädagogen da sind. Es geht doch vielmehr um den Mensch-Lehrer und Mensch-Schüler in all seiner Individualität und darin Förderung und Begleitung. Aber genau hier liegt das Problem. Es arbeiten zuviel Erwachsene in diesen Schulen ohne Herz. Hier geht es um Macht und Bestimmerrolle.
    Ich könnte dazu jetzt ein Buch schreiben über Missstände an Förderschulen…..ich bin Heilpädagogin und begleite diese Kinder und Familien….ABER mit blutet das Herz diese herzenzunfähigen Pädagogen dort zu sehen……Kind spricht nicht hat aber Talker….darf ihn aber nicht mit in diese Schule bringen……ich könnte ….. Claudia Mamay

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