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Prothesen von 3 Frauen sind für Vogue kein Hindernis. Ist das glaubwürdig?

Mit beiden Beinen fest im Leben – in ihrer neuesten Ausgabe wirbt der arabische Ableger des Hochglanz-Modemagazins für mehr Inklusion und präsentiert die Geschichte von drei außergewöhnlichen Frauen. Von ROLLINGPLANET-Redakteur Fabian Fuchs

Die Prothesenträgerinnen Dareen Barbar, Rania Hammad und Zainab Al-Eqabi posieren für ein Foto.
(Foto: Instagram/rania__hammad)

Die arabische Vogue widmet die aktuelle Juli/August-Ausgabe vollständig Menschen, die nicht die typischen Model-Kriterien erfüllen. Das Ziel: Inklusion im Mode-Business und mehr Body Positivity für alle.

Chefredakteur Manuel Arnaut begründet seine Entscheidung im Editorial: Durch die jahrelange Gehirnwäsche der Medien- und Modeindustrie habe sich das schlanke Idealbild fest in den Köpfen verankert – je dünner eine Frau sei, desto attraktiver wirke sie. Man wolle ein Statement setzen, dass jeder Mensch schön ist. Ob muskulös, kurvig oder mit körperlicher Behinderung. Wie glaubwürdig das ist, sei jedem selbst überlassen – schließlich gehört die Vogue schon seit Jahrzehnten zu jenen Publikationen, die Frauen ihr Ich-muss-perfekt-sein-Selbstbildnis zu erklären versuchen.

Besonders beeindruckt war Arnaut von den inspirierenden Geschichten dreier Frauen mit Amputation, die wir Ihnen in diesem Artikel vorstellen.

Zainab Al-Eqabi: Die Moderatorin

 

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Die 30-jährige Irakerin verlor ihr Bein im Alter von sieben Jahren. Im Garten ihres Elternhauses in Bagdad lauerte ein Blindgänger, bei der Explosion wurden neben Al-Eqabis Bein und Hand auch ihre Schwester und ihr Vater schwer verletzt. Die Auswirkungen waren gravierend, eine Gewebenekrose bildete sich. Kurz darauf folgte die Amputation des Beines des jungen Mädchens.

„Mein Vater hat mir immer gesagt, dass er will, dass ich stark und von niemanden abhängig bin. Er war besorgt darüber, dass ich in einer Gesellschaft aufwachse, in der ständig meine Leistungsfähigkeit in Frage gestellt wird. Er ermutigte mich dazu, mich niemals unterschätzen zu lassen.“,

erinnert sie sich.

Sie lebte ihr Leben weiter und studierte Pharmazie, dennoch war sie unzufrieden mit der Situation. Der Auslöser für ihr Umdenken: Sie erkannte, dass das Thema „Amputation“ noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, die komischen Blicke ihrer Kommilitonen wegen ihres hinkenden Ganges trafen sie. Al-Eqabi wollte etwas dagegen unternehmen. Sie erstellte die Facebook-Seite „Disabled and Proud“ und teilte dort Erlebnisse aus ihrem Alltag. „Ich wollte damit die Barriere zwischen mir und der Gesellschaft niederreißen“, sagt sie.

Später hing sie ihren Job als Apothekerin an den Nagel und widmete sich einer Karriere als Sportlerin. Mit Erfolg: Sie hat bereits zwei Triathlons in ihrer Wahlheimat – den Vereinigten Arabischen Emiraten – abgeschlossen. Ihr Ehrgeiz blieb nicht unentdeckt: Der deutsche Prothesenhersteller Ottobock machte sie zu seiner Markenbotschafterin. Auch anderweitig setzt sie sich in der Öffentlichkeit für eine bessere Zukunft ein: Als erste TV-Moderatorin mit Amputation im Mittleren Osten präsentiert sie das Format „Yalla Banat“ (deutsch: „Kommt schon, Mädels“), welches die Probleme von jungen Menschen in der Region und wie sie gelöst werden können thematisiert.

Zainab Al-Eqabi auf Instagram: https://www.instagram.com/zainab.aleqabi/

Dareen Barbar: Die Sportlerin

Die Athletin und Mutter von zwei Kindern aus dem Libanon verlor ihr Bein im Alter von 15 Jahren. Die Ursache: Ein seltener bösartiger Knochentumor (Osteosarkam). Für die heute 43-Jährige brach damals eine Welt zusammen. Basketball – ihren Lieblingssport – musste Barbar aufgeben. Eine sehr schwierige Zeit folgte.

Der vom Krieg zerstörte Libanon war kein gutes Umfeld für Menschen mit Amputation, erinnert sie sich. So sei es schwer gewesen, medizinische und karitative Hilfe in ihrer Situation zu finden. Es gab keinen Strom. Beschwerlich waren auch die Stufen in den 6. Stock zur Wohnung ihrer Eltern mit schwerer Prothese. Noch schlimmer empfand sie aber, wie die Menschen mit ihrer Behinderung umgingen.

„Ich war enttäuscht von den Reaktionen der Welt um mich herum – die Fragen, die Blicke, das Mitleid.“

Doch Barbar gab nicht auf und erreichte Dinge, von denen sie damals nicht zu träumen wagte: Als erste Frau mit Prothese in der Arabischen Welt bewältigte sie einen Triathlon. Sie ist die erste Markenbotschafterin mit Behinderung von Adidas im Mittleren Osten. Und sie hält sogar einen Weltrekord im Wall-Sitting.

Was sie aus heutiger Sicht ihrem 15-jährigen Ich sagen würde: „Sei geduldig, kümmere dich nicht darum, was andere sagen und glaube an dich selbst.“

Heute arbeitet Barbar unter anderem als Motiviationscoach und treibt ihre Sportkarriere voran.

Dareen Barbar auf Instagram: https://www.instagram.com/dareen.barbar/

Rania Hammad: Die Designerin

 

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Die studierte Modedesignerin und gebürtige Ägypterin wurde 2018 in London von einem Zug erfasst. Sie und ihr ungeborenes Kind überlebten nur knapp den Unfall. Mehr als 30 Operationen folgten.

Auch Hammad machte Erfahrungen mit negativen Reaktionen, besonders haben sie die Erlebnisse in Australien getroffen, wo sie eine Operation durchführen ließ.

„Die Menschen bezeichneten mich als ‚Freak‘ und Eltern sagten zu ihren Kindern ‚Schau sie nicht an‘. Ich fühlte mich wie eine Aussätzige.“, erinnert sie sich.

Die junge Frau ließ sich nicht demotivieren, studierte und startet einen Account auf Instagram, um den Leuten zu zeigen, dass manche Individuen anders aber trotzdem gleichwertig sind. Ihre Studienwahl – Mode und Design – traf sie aus Frust über die Modeindustrie.

„Ich würde mich freuen, wenn die Industrie inklusiver wäre, besonders im Hinblick auf Foto-Shootings, so wie wir es bereits bei Models mit verschiedenen Kleidergrößen gesehen haben. Lass uns Mode für Menschen mit Behinderung machen und mehr Models mit Behinderung engagieren. Es wird die Menschen ermutigen, ihren Körper zu lieben.“

Hammad schämt sich nicht mehr für ihren Körper und rät anderen Betroffenen, es ihr gleich zu tun. Man solle seinen Makeln mit Selbstbewusstsein begegnen und sich für niemanden, außer für sich selbst, ändern. „Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels.“

Rania Hammad auf Instagram: https://www.instagram.com/rania__hammad

(RP)

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

1 Kommentar

1 Comment

  1. A. Weishaupt

    10. August 2021 um 17:15

    Ich habe den Artikel gelesen und finde zunächst mal positiv,daß überhaupt Gehandicapte Werbung mit Mode machen können .
    Das muß natürlich alles anlaufen—klar—-aber dann sollte dieses Thema keine Schlagseite,sondern Normalität sein .Ist das denn so befremdlich,daß auch Gehandicapte gerne modisch gekleidet sind ???
    Sollen Beinamputierte immer nur die speziell dafür angefertigte Hosen anziehen,die eher an Arbeitskleidung für den Bau erinnern?
    Ich hoffe jedenfalls,daß das jetzt mal anläuft und bald nicht mehr als Besonderheit zu betrachten ist .

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