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Kunerts Perspektiven

Politik auf Twitter: Ein Bild sagt weniger als 1.000 Worte

US-Präsident Joe Biden twittert seine Botschaften mit Alternativtexten für blinde und sehbehinderte Menschen. Doch wie sieht es in Deutschland aus? ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert hat sich die Accounts der drei Kanzlerkandidat*innen angeschaut – hat eine*r die Nase vorn?

ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert sitzt am PC und arbeitet.
ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Spätestens seit Donald Trump hat sich herumgesprochen, dass Twitter ein idealer Ort für Politikerinnen und Politiker ist. Ungefiltert können sie dort ihre Botschaften unters Volk bringen. In kurzen, knappen Worten und mit GIFs, Videos und Bildern.

Während ich als blinder Mensch die geposteten Tweet-Texte von Abgeordneten und Regierungschefs noch eigenständig lesen kann – sie werden mir mit Hilfe einer Screenreader-Software und einer künstlichen Sprachausgabe vorgelesen -, ist es spätestens bei den Fotos vorbei mit der digitalen Teilhabe. Dabei bietet Twitter eine Funktion an, die es Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht, ihren geposteten Fotos einen Alternativtext hinzuzufügen. Hierbei handelt es sich um eine kurze Bildbeschreibung, die den sehenden Nutzer*innen nicht ausgegeben wird, die aber vom Screenreader erkannt und mir somit vorgelesen wird.

Joe Bidens Signal: Ich poste hier auch für euch!

Als die US-Präsidentschaft von Donald Trump auf Joe Biden überging, änderte sich nicht nur der Ton in den getwitterten Botschaften enorm, sondern es zogen auch die Alternativtexte für blinde und sehbehinderte Menschen ins Weiße Haus ein.

Die Alternativtexte lauten schlicht „President Biden and Dr. Fauci elbow bump“ oder „President Biden walks at the Coast Guard Acedemy’s commencement“. Auch wenn nicht alle Bilder des US-Präsidenten auf Twitter einen Alternativtext haben und so der Verdacht nahe liegt, dass nicht alle Mitarbeitenden im Social-Media-Team des Präsidenten beim Posten an diese Funktion denken, so ist es dennoch bemerkenswert, wenn ein so relevanter Account – mit über elf Millionen Follower*innen – die Alternativ-Text-Funktion nutzt und so blinden und sehbehinderten Menschen signalisiert: „Ich poste hier auch für euch.“

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Und wie sieht es in Deutschland aus?

Stellt sich die Frage: Wie ist das eigentlich hier in Deutschland? Passend zur anstehenden Bundestagswahl habe ich mir einmal die Twitter-Accounts der drei Kanzler-Kandidat*innen angeschaut.

CDU-Chef Armin Laschet

In seinem Twitter-Profil finden sich leider keine Alternativtexte. Stattdessen liest meine Sprachausgabe bei den einzelnen Posts nur den eigentlichen Text des Tweets vor, danach sagt sie nur „Bild“ oder „3 Bilder“. Ich weiß daher nicht, was auf diesen zu sehen ist, ob dort ergänzende Infos versteckt sind, zum Beispiel in Form eines fotografierten Textes, oder ob das Foto eventuell eine Botschaft über die Bildsprache transportiert.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz

Das Gleiche gilt für den Twitter-Account des SPD-Kanzlerkandidaten und Bundesfinanzministers Olaf Scholz: Auch hier, neben den Botschaften in Textform, Bilder ohne Alternativtext. Ich kann auch hier aus dem Zusammenhang nur vermuten, was sich auf den Fotos befindet. Nie weiß ich, ob mir eine wichtige Botschaft entgeht.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN

Bei Annalena Baerbock sieht es da bei vielen Tweets anders aus. Die Kanzlerkandidatin und Co-Vorsitzende der Grünen twittert immer häufiger mit Bildbeschreibung. Diese fallen häufig bemerkenswert ausführlich aus. Zum Beispiel heißt es dann „Annalena Baerbock (rechts) und John Kerry (links) stehen auf dem Dach der US-Botschaft in Berlin. Im Hintergrund sieht man die Reichstagskuppel. Beide gucken in die Kamera und tragen Masken.“

Fazit

Während Armin Laschet und Olaf Scholz, besser wohl deren Social-Media-Teams, offenbar noch nie von der Funktion der Bildbeschreibung gehört haben – oder falls doch, ignorieren sie diese Option -, scheint es im Team von Annalena Baerbock ein Bewusstsein dafür zu geben. Das ist positiv.

Bis aber Barrierefreiheit in den sozialen Medien und in der politischen Kommunikation zum Standard gehört, ist es noch ein sehr weiter Weg.

Heiko Kunert (45) ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist seit seinem sieben Lebensjahr blind, engagiert sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft und scheibt auf heikos.blog über Blindheit und das Leben.

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