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Oswald Utz: „Schließen sich Arbeitsmarkt und Inklusion vielleicht sogar gegenseitig aus?“

Der Münchner Behindertenbeauftragte berichtet im Gespräch mit ROLLINGPLANET-Autorin Fabienne Haugg über die aktuelle Situation in der bayerischen Landeshauptstadt. Vieles davon dürfte auch für andere Orte zutreffen.

Viel zu tun: Als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter kümmert sich Oswald Utz bereits in der fünften Amtszeit um die Belange von behinderten Menschen in München.
Viel zu tun: Als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter kümmert sich Oswald Utz bereits in der fünften Amtszeit um die Belange von behinderten Menschen in München. (Foto: privat)

Oswald Utz (56) ist mit der Glasknochenkrankheit geboren, Vater von zwei Töchtern, seit über 30 Jahren Wahlmünchner und in seiner fünften Amtszeit Behindertenbeauftragter der Stadt. Nach wie vor gibt es für ihn viele Baustellen und jede Menge zu tun, beispielsweise wenn es um barrierefreie Wohnungen gibt: Eine solche zu finden „gleicht einem Out-of-order-Projekt“, sagt Utz.

„Es müsste eindeutig härtere Vorgaben und Gesetze geben“

2013 hat der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Regierungserklärung das Ziel vorgegeben, Bayern bis 2023 im öffentlichen Raum und im gesamten ÖPNV barrierefrei zu machen. Werden wir dieses Ziel in zwei Jahren erreichen?

Leider erscheint diese Aussage völlig illusorisch. In München werden wir dieses Ziel keinesfalls bis zum veranschlagten Zeitpunkt erreichen. Doch fairerweise muss ich Herrn Seehofer zugestehen, dass allein durch das Ausrufen seines Vorhabens viele Prozesse hinsichtlich Barrierefreiheit in Bewegung geraten sind, die vorher eher stillstanden. Als „Sorgenkinder” würde ich die Bereiche Gesundheitswesen und Privatwirtschaft bezeichnen. Hier fehlt der Druck seitens des Gesetzgebers und es müsste eindeutig härtere Vorgaben und Gesetze geben.

2019 wurde der zweite Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention für München verabschiedet und Themen wie „Teilhabe“ und „Barrierefreiheit“ in den Vordergrund gestellt. Wie ist der heutige Stand der Dinge?

Wir haben Maßnahmen entwickelt, die unsere Bürgerinnen und Bürger künftig auch in ihrem Alltag spüren werden. Ein Beispiel sind die besseren Beförderungsmöglichkeiten in München. Im Oktober 2020 hat die Stadt der Öffentlichkeit zwei inklusive Taxen vorgestellt, die eine Beförderung im Rollstuhl an sieben Tagen die Woche, rund um die Uhr, ermöglichen. Vorher waren Menschen mit Behinderung an dieser Stelle auf Sonderfahrdienste angewiesen. Dies durchbrechen wir in München ganz bewusst. Ein großer Schritt in die richtige Richtung!

Eine weitere Maßnahme betrifft das Münchner U-Bahn-System. Hierfür wurde ein neues Leitsystem entwickelt, damit sich alle Menschen, auch diejenigen mit kognitiven Einschränkungen oder blinde und sehbehinderte Menschen besser, leichter und schneller zurechtfinden können.

Wie bewerten Sie die Gesamtsituation öffentlicher Verkehrsmittel in München?

Wir kommen voran. In München nähern wir uns dem Thema Barrierefreiheit im Nahverkehr von verschiedenen Seiten. Sukzessive werden beispielsweise an den Busstationen die Bordsteine und in den U-Bahnhöfen alle Bahnsteige erhöht werden, um den Einsteige-Vorgang zu erleichtern.

Ein großes Problem stellen nach wie vor die Straßenbahnen dar. Zwar sind diese mit einem Hublift ausgestattet, trotzdem ist das Einsteigen häufig nicht ohne Hilfe möglich. Da Münchens Nahverkehrssystem erst über die Jahre gewachsen ist, können manche „Fehler“ nicht mehr nachträglich behoben werden. So etwa die Breite der Gleise.

Eine schöne Entwicklung zeigen die Buslinien, die allesamt mit Sprachsteuerung, Bildschirmen für Weganzeigen und Klapprampen ausgestattet sind. Unterstützung erhalten wir erfreulicherweise auch von der Verkehrsgesellschaft. Mein Ziel ist es, dass Jeder die öffentlichen Verkehrsmittel ohne fremde Hilfe nutzen kann.

Oswald Utz wurde mit der Glasknochenkrankheit geboren und sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl.

Oswald Utz wurde mit der Glasknochenkrankheit geboren und sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. (Foto: privat)

Daneben sind besonders auch barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Toiletten für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen wichtig. Gängige (Behinderten-)WCs sind für sie aber oft nicht benutzbar …
Lange Zeit wurden innerhalb der Stadt insgesamt weniger Toiletten für den öffentlichen Raum geplant. Dieses Vorhaben hat sich glücklicherweise geändert und es werden wieder neue, zusätzliche Toiletten gebaut. Wo Platz vorhanden ist, werden zum Teil auch „Toiletten für Alle“ eingebaut. Dabei handelt es um extra groß geschnittene Toilettenräume, die mit einer Liege und sogar einem Liftsystem ausgestattet sind. Der Zugang wird über den Euroschlüssel gewährt.

Doch um die Infrastruktur weiter zu verbessern, spielt auch die Privatwirtschaft eine entscheidende Rolle. Museen, Schwimmbäder, Stadtbüchereien aber auch Gaststätten müssen über eine behindertengerechte Toilette verfügen. Der nächste Schritt wäre dann, diese mit dem Euroschlüssel auszustatten. Glücklicherweise stoßen wir hier vermehrt auf große Offenheit.

„Wir versuchen, in die unterschiedlichsten Bereiche hineinzuwirken“

Wie gestaltet sich die Situation bezüglich barrierefreien Wohnens in München?

Eine barrierefreie Wohnung in München zu finden gleicht eher einem „Out-of-order-Projekt“. Als Stadt haben wir lediglich Einfluss auf die geförderten Wohnungen. Doch viele Menschen mit Behinderung verfügen über keinen derartigen Anspruch und müssen auf den privaten Wohnungsmarkt zurückgreifen. An dieser Stelle habe ich auch Initiativen ergriffen und mit Haus,- Grund,- und Mieterverbänden verhandelt. Leider ohne großen Erfolg.

Aufgrund der hohen Nachfrage sehen die meisten Eigentümer keine Notwendigkeit darin, ihre Wohnungen umzubauen und/oder gesondert auf die Barrierefreiheit hinzuweisen.

Stichworte „Inklusion“ und „Recht auf Teilhabe“. Welche städtischen Angebote der Unterstützung gibt es?

Wir versuchen, in die unterschiedlichsten Bereiche hineinzuwirken. Es existiert ein Fonds, der Zuschüsse für Veranstaltungen aller Art gewährleistet. Freiwillige Leistungen sollen so gut wie möglich unterstützt und gefördert werden. Veranstalter bekommen Hilfen an die Hand, um Events barrierefrei umsetzen zu können. Es gibt Schulungsmaßnahmen wie Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen, für die sich die Stadt einsetzt. Regelangebote sollen möglichst so umgebaut werden, dass auch Menschen mit Handicaps daran teilhaben können.

Ein Teil öffentlicher Zuschüsse sollte an das Thema Teilhabe und Barrierefreiheit geknüpft werden. Nach dem Motto „je erreichbarer und nutzbarer für alle Menschen, desto höher der Zuschuss“. Doch auch durch kleinere Maßnahmen, wie durch das Umgestalten der Homepage oder die Aufbereitung der Informationskanäle kann man für Menschen mit Handicaps einen besseren Zugang schaffen. Hier geht es auch um die große Gruppe an Menschen mit kognitiven Einschränkungen, für die Stufen kein Hindernis darstellen.

„Viele Menschen ohne Behinderung scheinen den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr zu genügen“

Wie gestaltet sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt? Gibt es derzeit überhaupt vakante Arbeitsplätze für Menschen mit eingeschränkter Mobilität?

Trotz des wirtschaftlichen Booms vor Corona ist die Arbeitslosenrate bei Menschen mit Behinderung auf hohem Niveau gewesen. Es steht die Frage im Raum, ob ein Mensch mit Behinderung auf dem neoliberalen Arbeitsmarkt überhaupt noch eine Chance hat. Schließen sich Arbeitsmarkt und Inklusion vielleicht sogar gegenseitig aus? Doch auch viele Menschen ohne Behinderung scheinen den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr zu genügen. Die Rede ist von einer „Gesellschaft im Burnout“. Anhand der Krankenkassenzahlen scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass immer mehr Menschen am Arbeitsplatz erkranken und arbeitsunfähig werden. Was fehlt ist ein gesamtheitlicher neuer Ansatz.

Das „Zwei-Sinne-Prinzip“ gilt als wichtige Barriere-Regel für den öffentlichen Raum, für Gebäude oder Websites. Erzählen Sie uns mehr darüber?

Dieser Maßstab behandelt eine ganz wichtige Vorgabe und wird beispielsweise in den Stadtbussen angewandt. Haltestellen werden sowohl visuell angezeigt als auch akustisch angesagt. Es gilt, mindestens zwei Sinne gleichzeitig zu bedienen. Webseiten sollten über eine gute Sprachausgabe für blinde Menschen und über ausreichende Untertitel und Gebärdensprachvideos für gehörlose Menschen verfügen. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen bedarf es Übersetzungen in die sogenannte „leichte Sprache“, die ganz nebenbei bemerkt auch Menschen hilft, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind. Mehrsprachige Informationen sind gerade während einer Pandemie unerlässlich. Es ist nicht verwunderlich, wenn Regeln, die nicht verstanden wurden, nicht eingehalten werden!

München im Jahre 2021 – eine kurze Zusammenfassung. Welches sind für Sie die ausdrucksstärksten Veränderungen? Worauf dürfen sich die Münchnerinnen und Münchner freuen?

Eines der größten Themen ist und bleibt die Corona-Pandemie. Ich achte sehr darauf, dass die Auswirkungen der Sparmaßnahmen auf Menschen mit Behinderung so gering wie möglich ausfallen. Doch vollständig abwenden lassen sie sich wohl leider nicht. Positiv hervorzuheben ist, dass die Frage der Verantwortung und Mitbestimmung in München eindeutig geklärt ist. „Nichts über uns ohne uns!“

Vielen Dank, Herr Utz, für das Interview.

(RP)

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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