Am Sonntag fand die Veranstaltung „Inklusion und Vielfalt erleben in Lüneburg“ statt. In der Ankündigung dazu hieß es:
„Beschwingt von melodischen Klängen lädt Lüneburg am zweiten Erlebnis-Sonntag des Jahres zum Tag der Straßenmusik – zum Verweilen und Zuhören, zum Genießen, Mitsingen und Tanzen ein. Am 4. Mai sind die Gassen gefüllt mit vielfältigen musikalischen Darbietungen von lokalen Künstler*innen, so dass die Innenstadt zur großen Bühne wird. Auf Plätzen und in verschiedenen Straßen erklingen mitreißende und abwechslungsreiche Melodien von Musiker*innen und Bands aus Lüneburg und Umgebung. (…)
Zentrales Augenmerk liegt an diesem Tag auf Inklusion und Barrierefreiheit. Barrierefreiheit ist essenziell, damit alle gleichberechtigt am Leben teilhaben können. Jedoch bestimmen immer noch viele Barrieren den Alltag. Über 25 Organisationen beteiligen sich mit Informationsständen und Aktionen. Sie wollen auf Barrieren im Alltag aufmerksam machen und über die Wichtigkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben informieren.
Auf dem Marktplatz warten interessante Gespräche und es gibt Beratung und Unterstützung in Hülle und Fülle. Auf der Bühne wird an diesem Tag Vielfältiges geboten. Zusätzlich werden Mitmach-Aktionen der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg und reichhaltige Informationen rund um das Thema Inklusion und Vielfalt angeboten. Gefördert wird der Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung durch Aktion Mensch.“
Kritik an der Veranstaltung
Aktivist*innen der anti-ableistischen Aktion Lüneburg mochten sich dieser euphorischen Ankündigung nicht anschließen. „Weg mit ableistischen Strukturen – für selbstbestimmtes Leben!“ stand auf dem Banner der Aktivist*innen. Mit einem Megafon und Flugblättern (siehe Info-Kasten unten) klärten sie über die Hintergründe ihres Protests auf und kamen ins Gespräch mit Besucherinnen des Festes. Ihr Protest kam laut den Aktivist*innen bei den Besucher*innen gut an.
Die Kritik richtete sich gegen die Veranstaltung der Marketing GmbH. Die Aktivist*innen kritisieren die Verwendung des Begriffes „Inklusion“, obwohl keine Betroffenen und ihre Selbstvertretungsorganisationen eingeladen wurden, sondern stattdessen Organisationen der Behindertenhilfe, die ihrer Meinung nach Exklusion auf struktureller Ebene fördern und aufrechterhalten.
„Wenn Parallelwelten wie Förderschulen, Werkstätten für Behinderte, Heime gefördert und aufrechterhalten werden, ist das keine Inklusion, sondern Segregation. Diese Sonderwelten verstoßen gegen unsere Grundrechte aus der UN-Behindertenrechtskonvention. Darin ist explizit eine Deinstitutionalisierung hin zur Ermöglichung von selbstbestimmtem Leben, zum Beispiel mit persönlicher Assistenz, gefordert. Es gibt durchaus auch im Einzelfall gute Initiativen bei den Organisationen der Behindertenhilfe. Das ändert am strukturellen Ableismus, den wir anprangern, jedoch nichts. Nichts über uns ohne uns! Weg mit Parallelwelten!“, erklärte Cécile Lecomte, eine an der Aktion beteiligte Rollstuhlfahrerin.
Die anti-ableistische Aktion Lüneburg lädt zudem zur Teilnahme an der morgigen Demonstration zum Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in Hamburg (Spielbudenplatz) um 18 Uhr ein. Auf der Demonstration wird es zahlreiche Redebeiträge von behinderten Menschen geben.

A title
Image Box text
Inhalt des Flugblatts der anti-ableistischen Aktion Lüneburg, das am Sonntag auf dem Marktplatz verteilt wurde
Am 5. Mai ist der Europäische Protesttag für Gleichstellung und gegen Diskriminierung behinderter Menschen. Der heutige „Aktionstag Inklusion und Vielfalt“ steht in diesem Zusammenhang.
Aber was sieht man hier bei dieser Veranstaltung?
Die Behindertenhilfe stellt sich gut dar. Aber Selbstvertretungsorganisationen, in denen BEHINDERTE MENSCHEN SELBST DAS SAGEN HABEN, sind kaum zu sehen.
Die Organisationen der Behindertenhilfe sind in Wirklichkeit aber nicht die Unterstützer behinderter Menschen. Sie setzen sich nicht für die Wahrung der Rechte behinderter Menschen und für unsere Menschenrechte ein.
Sie schmücken sich mit dem Wort „Inklusion“, obwohl sie in Wirklichkeit oft für das Gegenteil stehen. Werkstätten für behinderte Menschen, Behindertenheime, Förderschulen und andere Sondereinrichtungen führen dazu, dass behinderte Menschen getrennt von nichtbehinderten Menschen leben, arbeiten, lernen und wohnen – meist unter schlechteren Bedingungen. Der nichtbehinderte Teil der Bevölkerung bemerkt das noch nicht einmal, weil unsere Welten getrennte Sonderwelten sind.
Dafür stehen die Organisationen der Behindertenhilfe – meistens für das Gegenteil von Inklusion.
Die Organisationen der Behindertenhilfe sind Teil der ableistischen Strukturen dieser Gesellschaft. Doch sie bekommen den größten Teil der Gelder, mit denen eigentlich behinderte Menschen und ihre Rechte unterstützt werden sollen.
Wenn behinderte Menschen nur dafür genutzt werden sollen, dass andere ein gutes Geschäft machen oder sich gut fühlen, weil sie an einem bestimmten Tag lächelnd an behinderte Menschen gedacht haben, dann hilft uns das nicht. Wir behinderte Menschen haben Rechte. Durch die Behindertenrechtskonvention und das Grundgesetz sind Teilhabe und Barrierefreiheit unser Recht, kein freiwilliges Almosen.
Doch Inklusion stellt im Kapitalismus eine Illusion dar.
Wir sind keine Bittsteller*innen.
Wir brauchen gleiche Rechte und faire Chancen – an jedem Tag!
Ableismus kommt aus dem Englischen „to be able“ und betont die Ungleichbehandlung, Grenzüberschreitungen, Diskriminierungen und stereotypen Zuweisungen, die Menschen wegen ihrer Behinderung erfahren. „Ableismus geht noch über Behindertenfeindlichkeit hinaus. Mit ihm lassen sich nicht nur behindertenfeindliche, diskriminierende Einstellungen und Handlungen fassen (im Englischen auch ‚disablism‘ genannt; Goodley, 2014), sondern auch die strukturelle Grundlage, auf der sie entstehen (Campbell 2009, S. 5 f.; Goodley, 2014, S. 78).“ (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)
(RP/PM)
zur startseite





