Für viele Fans des Musicals und Befürworter inklusiver Besetzungen war die 97. Oscarverleihung gestern Nacht in Los Angeles eine Enttäuschung: „Wicked“ startete zwar als einer der Favoriten für die wichtigsten Preise der Filmbranche und erhielt zehn Nominierungen (darunter als „Bester Film“), gewann aber nur in den beiden Kategorien „Bestes Kostümdesign“ und „Bestes Szenenbild“.
„Im Rollstuhl auf dem Roten Teppich: Oscar-Star ist nach Unfall gelähmt – besonderer Auftritt“ – so lesen wir es heute in vielen Medien. Gemeint ist Marissa Bode, eine der Darstellerinnen von „Wicked“. Bode ist die erste Schauspielerin in der langen Geschichte des Musicals, die im echten Leben im Rollstuhl sitzt – genau wie ihre Figur in der Erzählung. Und dass das im Jahr 2025 noch eine Schlagzeile ist, sagt viel über unseren ROLLINGPLANETen aus.
„Wicked“ ist eine queere Coming-of-Age-Geschichte, die sich um die Außenseiterin Elphaba dreht – eine junge Frau mit grüner Haut, die nie in die Norm passt und für ihre Andersartigkeit verurteilt wird. Ihre intensive, oft als subtextuell romantisch interpretierte Beziehung zu Glinda stellt das klassische Gut-Böse-Schema infrage und zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen Identität und Selbstwahrnehmung formen. Das Musical feiert Individualität, Selbstakzeptanz und die Kraft von Außenseitern, sich gegen ein System zu behaupten, das sie nicht versteht – ein starkes Symbol für queere und nonkonforme Communities. Und das erst recht in den Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump gegen Diversität wütet.
(„Wicked“ bedeutet auf Deutsch „böse“, „schurkisch“ oder „heimtückisch“, kann aber je nach Kontext auch „verrucht“, „frech“ oder umgangssprachlich sogar „cool“ bedeuten. Im Musical-Titel spielt es auf die Wahrnehmung von Elphaba als „böse Hexe“ an, hinterfragt jedoch, was wirklich „böse“ ist.)
Reale Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen
@marissa_edob Representation is important but that’s not the only thing that will save the disabled community. I need a lot of y’all (non-disabled people) to do the work. To dissect and unlearn your own ableism. Listen to disabled people. Follow other disabled people outside of just me. Read up on the disability rights movement/watch the documentary Crip Camp! I understand no one likes feeling like they’re being scolded. But true progress never comes with comfort. And that’s ok. #wicked #nessa ♬ original sound – Marissa
Marissa Bode, die in der Verfilmung des Musicals die Rolle der Nessarose – der jüngeren Schwester von Elphaba – spielt, äußerte sich kürzlich besorgt über Kommentare und Witze, die sich auf die Behinderung ihrer Figur beziehen. In einem fünfminütigen TikTok-Video erklärte Bode, dass es zwar völlig in Ordnung sei, eine fiktive Figur nicht zu mögen, sie jedoch aggressive Kommentare und Witze über Nessaroses Behinderung als zutiefst unangenehm empfinde, da Behinderung keine Fiktion sei.
Bode, die seit einem Autounfall im Alter von elf Jahren gelähmt ist, betonte: „Am Ende des Tages bin ich, Marissa, die Person, die immer noch behindert ist und im Rollstuhl sitzt.“ Sie wies darauf hin, dass solche Kommentare nicht nur verletzend sind, sondern auch reale Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen haben können.
Sie äußerte zudem ihre Sorge, dass jüngere Menschen im Internet durch solche Kommentare Schaden nehmen könnten, und hob hervor, dass eines der Hauptthemen von „Wicked“ die Fähigkeit ist, einander zuzuhören und zu verstehen. Sie hoffe, dass die Zuschauer diese Botschaft aufnehmen und in die Praxis umsetzen.
„Eine der lehrreichsten und schönsten Erfahrungen“
Als vor drei Jahren bekannt wurde, dass Bode eine Rolle in „Wicked“ übernehmen würde, sagte diese in einem Interview mit dem Magazin Diva: „Diese Repräsentation nicht nur für Menschen mit Behinderungen, sondern speziell für behinderte People of Color zu sein, ist unglaublich aufregend und surreal.“ Sie hob zudem hervor, wie barrierefrei das Wicked-Set gestaltet wurde, da es gezielt für Rollstuhlfahrer konzipiert worden sei.
Am Set stand ihr die Inklusionskoordinatorin Chantelle Nassari zur Seite, die selbst einen Rollstuhl nutzt. Sie inspizierte die Drehorte im Vorfeld, um potenzielle Hindernisse zu identifizieren und sicherzustellen, dass Bode sich problemlos am Set bewegen konnte.
Regisseur Jon M. Chu betonte die Bedeutung dieser Maßnahmen und beschrieb den Prozess der Barrierefreiheitsanpassung als „eine der lehrreichsten und schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe“.
Die 24-Jährige Bode wurde in dem Dorf Mazomanie (1700 Einwohner) im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Sie ist offen homosexuell und seit September 2023 mit ihrer Partnerin Lauren Brooks liiert.
(RP)
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