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Bis ans Ende der Welt

Mein Rückgrat

Skoliose und die Folgen einer Operation – ROLLINGPLANET-Kolumnist Walter B., ein Polionaut mit einst krummem Rücken, berichtet über ein kleines Wunder.

Walter B. (Foto: Privat)
Walter B. (Foto: Privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Ich habe ein starkes Rückgrat, bilde mir darob aber nichts ein. Denn ich habe es mir nicht im eigentlichen Sinn erobert, erkämpft oder abverdient. Sondern es wurde mir in gewisser Art geschenkt, ja, aufgedrängt. Und wenn ich heute auch froh bin, dass ich ein so starkes Rückgrat habe – ohne dieses würde ich wohl schon nicht mehr leben –, so hätte ich in jener Zeit, in meinem fünfzehnten Lebensjahr, als es mir verliehen wurde, liebend gerne darauf verzichtet. Viele Schmerzen wären mir damals erspart geblieben. Denn mein Rückgrat wurde in jener Zeit chirurgisch mit einer metallenen Stange verstärkt. Und das kam so:

Eine der übelsten Folgen der Polio-Erkrankung ist nämlich „der krumme Rücken“, medizinisch: das Skoliose. Da oft auch die Stützmuskeln der Wirbelsäule von der Kinderlähmung betroffen sind, verliert diese ihren Halt und sackt zusammen, das heisst, sie bildet mit der Zeit von hinten gesehen einen deutlichen Bogen, wenn nicht gar eine Schlaufe nach links oder rechts, fast so wie ein Fluß, der mäandriert. Und mit der Wirbelsäule verformt sich auch der Brustkorb. Für die inneren Organe wird es so enger und enger. Auch für die Lunge, so dass Atemprobleme entstehen können. Oder die Lunge wird anfällig für Entzündungen.

„Später kam ein Stützkorsett dazu, das ich tagsüber trug, und zwar den ganzen Tag, bis es wieder Zeit war, ins Bett – in die Gipsschale – zu gehen.“

Für mich als kleines Kind bedeutete dies, dass ich nachts in einer Gipsschale auf dem Rücken liegend schlafen musste. Später kam ein Stützkorsett dazu, das ich tagsüber trug, und zwar den ganzen Tag, bis es wieder Zeit war, ins Bett – in die Gipsschale – zu gehen. Mein Körpergewicht war unter strenger Kontrolle, da jedes Kilogramm zuviel sich negativ auf das Skoliose auswirkte. Da ich gerne ass und auch gerne an Gewicht zulegte, wurde ich schon als kleiner Junge auf Diät gesetzt. Dies wiederum hatte dramatische Folgen, im Sozialen ebenso wie in meiner inneren Landschaft: Im Schulheim Rossfeld hatte ich in der Familiengemeinschaft mit den anderen Kindern wegen der Diät eine Sonderstellung. Nicht dass ich ein Außenseiter gewesen wäre. Offenbar war ich nicht zum Außenseiter geboren. Zu sehr interessierten mich die anderen. Zu leicht fiel mir auch der Austausch mit ihnen. Aber als Außenseiter gefühlt habe ich mich durch diese kulinarische Sonderbehandlung sehr wohl – mit dramatischen Folgen bis heute für meine Seelenlandschaft: Täler entstanden und schroffe Felsen. Mauern wurden in die Landschaft gezogen, die so keinen Sinn machten, weil sie hier unnötigerweise einen Durchgang versperrte und da fehlte, wo wirklicher Schutz nötig gewesen wäre. Der weite Horizont meiner inneren Landschaft als Kind begann sich durch diese Zerklüftungen zu verengen.

Die Operation

Als ich fünfzehn war, wurde entschieden, dass ich am Rücken operiert werden sollte. Der bekannte Orthopäde Professor Erwin Morscher hatte damals die Methode des Harrington-Stabes aus den Vereinigten Staaten nach Europa gebracht. Dieser Stab wurde nach alter Knochenschlossermanier von hinten an die Wirbelsäule angebracht, so dass der Abschnitt, der von der Skoliose betroffen war, gestützt wurde. Die Operation dauerte vier Stunden, die Genesung etwa ein halbes Jahr.

„Bald schon ging ich dazu über, die Krankenschwestern mit Kinderzeichnungen zu bestechen, die einzige ‚Währung‘, die ich zur Verfügung hatte. Bald war ich bei allen hoch verschuldet…“

Als ich aus der Narkose aufwachte, war da zunächst nur der schale Geschmack im Mund und ein höchst empfindlicher Magen, der jederzeit bereit war sich umzustülpen, obschon er nichts enthielt. Links auf dem Tischchen ein eckiger Luftbefeuchter, der mir kühlen Wasserdampf ins Gesicht blies. Erst allmählich kam der Schmerz. Er sollte mich die nächsten Wochen begleiten. Das wirklich Schwierige daran: Ich durfte meinen Oberkörper unter keinen Umständen bewegen. Insbesondere Drehbewegungen waren aufs Schärfste verboten. Aber gerade von solchen Bewegungen versprach ich mir Linderung. Ich lag in einem Sandwichbett, das eine Umlagerung ermöglichte, indem eine zweite Matratze auf einfache Art montiert werden konnte. Mit einer flüssigen Drehung der beiden gegenseitig fixierten Matratzen – ich lag wie eine Schinkenscheibe dazwischen – konnte ich von der Rücken- in die Bauchlage gebracht werden, ohne dass mein Oberkörper irgendwelchen Scherkräften ausgesetzt war. Diese Umlagerung brachte auch jeweils für eine gewisse Zeit Linderung bei den Schmerzen. Entsprechend oft wünschte ich sie mir herbei. Bald schon ging ich dazu über, die Krankenschwestern mit Kinderzeichnungen zu bestechen, die einzige „Währung“, die ich zur Verfügung hatte. Bald war ich bei allen hoch verschuldet…

Ein besonderer Augenblick

Die Schmerzen waren die ersten Tage schier unerträglich und klangen danach langsam ab. Um in diesen schwierigen ersten Wochen, wo ich mich kaum bewegen durfte, den Kreislauf ab und zu in Schwung zu bringen, hatte ich schon vor der Operation gelernt, meine Fäuste rhythmisch zu ballen und wieder loszulassen. Das wirkte wie eine Pumpe für das Blut und war die einzige körperliche Betätigung in diesen ersten Wochen. Danach folgte eine Zeit von gut zwei Monaten, die ich liegend in einem Gips verbrachte. Bewegungen waren wieder erlaubt, aber durch den Gips natürlich eingeschränkt. Sitzen war verboten. Die Schmerzen waren verklungen. Was ich an dieser Zeit genoss: Die ganzen zwei Monate verbrachte ich zuhause und wurde von meiner Mutter umsorgt. Und ich musste nicht baden…

Der Wechsel zum Sitzgips war ein besonderer Augenblick. Als ich nach drei Monaten das erste Mal wieder aufsaß, wurde mir kurz schwarz vor den Augen. Das war in einem Hörsaal im Kinderspital Basel. Professor Morscher wollte diesen Moment seinen Studenten demonstrieren, war er doch besonders dramatisch – und der Erfolg seiner Bemühungen besonders augenfällig. Es wurden Fotos von meinem Rücken vor der Operation an die Wand projiziert. Jedermann konnte sich mit einem Blick auf meinen aktuellen nackten Rücken davon überzeugen, dass ich nun aufrecht saß, und das ganz ohne Korsett. Nicht nur die Studenten, auch ich war vom Resultat ziemlich angetan, wenn auch das Sitzen ganz neu erlernt werden musste. Zunächst wurde mir aber nochmals einen Gips verpasst – für weitere gut zwei Monate. Ich musste wieder zur Schule; baden lag immer noch nicht drin.

Heute bin ich froh, dass ich ein starkes und einigermaßen aufrechtes Rückgrat habe. Seit jenen Jugendjahren bin ich beschwerdenfrei – ohne Korsett und nächtlicher Gipsschale. Ein kleines Wunder – und ein Geschenk, das doch nicht ganz unverdient ist.

Unser Kolumnist Walter Beutler wurde 1956 in Basel geboren. Zwei Jahre später erkrankte er an Kinderlähmung und ist seither Rollifahrer. Zwar im Heim aufgewachsen, aber trotzdem kein Heimkind. Zwar ein Mensch mit Körperbehinderung, aber trotzdem nicht behinderter als die anderen auch. Der Schweizer veröffentlicht regelmäßig auf seinem Blog Walter B.s Textereien und auf ROLLINGPLANET.

Walter Beutler hat zudem das Buch „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt – Meine Reise durch Indien“ geschrieben. Sie können es im sozialen Buchshop BmitW (Bücher mit Wirkung) bestellen, der Vereine und gesellschaftliche Projekte unterstützt.

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