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Lego: Keine Spende für barrierefreie Minirampen

Stufen machen eine Shoppingtour für Rollstuhlfahrer zur Herausforderung. Betroffene bauen mobile Minirampen aus Legosteinen, die sie kostenlos Ladenbesitzern zur Verfügung stellen. Die kreative Idee findet immer mehr Anhänger. Doch warum will Lego diese Aktion nicht unterstützen? Wir haben das Unternehmen gefragt. Von ROLLINGPLANET-Autorin Bettina Maier

Toller Blickfang: Ladeninhaberin Anna Froelian (l.) freut sich über die praktische Legorampe von Tina Peter, mit der sie ihren Kundinnen und Kunden einen barrierefreien Zugang ermöglichen kann.
Toller Blickfang: Ladeninhaberin Anna Froelian (l.) freut sich über die praktische Legorampe von Tina Peter, mit der sie ihren Kundinnen und Kunden einen barrierefreien Zugang ermöglichen kann. (Foto: privat)

Die kleine Stufe vor der Boutique, das Treppchen ins Café – als Christina Peter vor vier Jahren noch gehen konnte, hatte sie wie die meisten Menschen keine Ahnung, wie viele Stufen eine Stadt hat. Heute ist die 46-Jährige wegen einer Erbkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen und stößt regelmäßig auf Barrieren, die sie allein nicht überwinden kann. Bei solchen Hürden sinken Kaffeedurst und Shoppinglaune schnell.

„Ich möchte mir keine Gedanken machen, wie ich in ein Geschäft komme, nicht ständig Fußgänger fragen müssen, ob sie mich ankippen, sondern einfach hineinfahren können“,

sagt sie. Viele Ladenbesitzer hätten entweder überhaupt keine Rampe oder eine viel zu schwere, die weit in den Gehweg ragt. Also baut sich Tina Peter ihre Lösung selbst: Rampen aus Legosteinen, die sie kostenfrei zur Verfügung stellt. Ihre Idee klingt einfach und praktisch: Morgens beim Aufsperren wird das rutschfeste Modell aufgestellt, abends wieder reingeholt. „Das Ding ist bombenfest“, betont sie. „Sogar ein Lastwagen ist schon darübergefahren.“

Ohne private Spenden geht es nicht

Etwa 16 Stunden arbeitet Tina Peter an einem Rampenpaar und verbaut gut 2400 Lego, individuell angepasst an die Höhe der jeweiligen Stufe. Jeden Stein verklebt sie einzeln mit Silikon und befestigt abschließend eine rutschfeste Gummimatte, die dafür sorgt, dass die Rampe selbst bei strömendem Regen hält. Sie macht das alles unentgeltlich, ist jedoch auf Legospenden angewiesen. Denn allein die Materialkosten belaufen sich auf rund 120 Euro.

„Meist bekomme ich 50 Jahre alte Lego, die die Leute im Keller oder auf dem Dachboden haben“,

erzählt sie. Dass viele von selbst nicht mehr ineinander haften, ist kein Problem, sie werden einfach umso sorgfältiger geklebt. Bis zu zwölf Zentimeter hohe Stufen können mit der Legorampe überwunden werden, was auch für Menschen mit Rollator oder Eltern mit Kinderwagen eine Erleichterung ist. Doch vor allem möchte Tina Peter mit den bunten Hinguckern auf vorhandene Missstände in Sachen Barrierefreiheit aufmerksam machen. Denn nicht nur alte Häuser, auch viele Neubauten haben immer noch Stufen, die eigentlich keiner braucht. „So sieht man erst einmal, wo überall Hindernisse sind!“

Die Rampen werden für jede Treppe individuell angefertigt und können bis zu zwölf Zentimeter überwinden.

Die Rampen werden für jede Treppe individuell angefertigt und können bis zu zwölf Zentimeter überwinden. (Foto: privat)

Der Anfang war schwierig

Die Idee zu den Rampen hatte die Münchnerin aber nicht selbst, ein Facebook-Freund machte sie auf die Initiative von Rollstuhlfahrerin Corina Huber aus Bielefeld aufmerksam. Tina Peter ließ sich die ausführliche Bauanleitung, die es inzwischen auch auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch gibt, schicken und legte los.

„Heute rennen mir die Leute die Türe ein, vor eineinhalb Jahren wurden mir dagegen viele Steine in den Weg gelegt“,

erzählt sie. „Monatelang klapperte ich die Geschäfte ab und habe regelrecht gebettelt, eine Rampe bauen zu dürfen. Ein Geschäftshaus gehört meist zwei bis drei Eigentümern, stellt sich jemand quer, wird es schwierig.“ Doch als sie nach neun Monaten Akquise die erste Rampe auslieferte, kam der Stein ins Rollen. Um die zehn Exemplare hat sie bisher ausgeliefert, es gibt durchweg positive Reaktionen und viele Anfragen. Unter anderem ist ein Projekt im Haus der Kunst in München geplant, auch der VdK hat bereits Interesse angemeldet. Die Münchnerin ist sich sicher: „Über kurz oder lang werden die bunten Rampen in ganz Deutschland zu finden sein. Sie sehen super aus und zeigen, dass man als Rollstuhlfahrer willkommen ist.“

Lego möchte nicht unterstützen

Das Unternehmen Lego ist nicht in das Projekt involviert. Zwar gab es Kontakt wegen eines Lego-Imagefilms, in dem neben Tina Peter auch ein junger Mann zu sehen ist, der sich eine Armprothese aus Legosteinen baute, regelmäßige Spenden oder anderweitige Unterstützung gibt es jedoch nicht.

Auf Anfrage von ROLLINGPLANET teilt das Unternehmen mit:

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„An die Produkte und Dienstleistungen sowie an die unternehmerische Verantwortung der LEGO Gruppe sind stets viele Erwartungen geknüpft. (…) Die LEGO Gruppe möchte (…) den Kindern ein Spielzeug geben, das sie gleichzeitig fördert und fordert (…). Wie Sie sich sicher vorstellen können, erhält die LEGO GmbH täglich viele Anfragen für neue Gemeinschaftsprojekte. So gern das Unternehmen in vielen Fällen auf diese Anfragen eingehen würde, ist die LEGO GmbH dennoch dazu gezwungen, aus den vielen Briefen und Mails eine Auswahl zu treffen. Deshalb hat sich die LEGO GmbH dazu entschieden, als Unternehmen ganzheitlich die SOS-Kinderdörfer zu unterstützen und sich auf die bestehenden Projekte zu konzentrieren. Darüber hinaus hat die LEGO GmbH momentan leider keine Möglichkeiten, andere vielversprechende Projekte und Ideen zu fördern.”

Auch von den Herstellern Hasbro, Simba Dickie und Mattel kamen Absagen beziehungsweise keine Antworten auf unsere Nachfrage.

Wer vor seinem Haus oder Geschäft Barrieren beseitigen möchte, Ideen für Kooperationen hat, privat Lego spenden oder selbst eine Rampe bauen will, kann Tina Peter per Mail erreichen: tina.peter.7574@gmail.com

Inspirationen und Anregungen rund um die bunten Eyecatcher bietet auch die „Lego-Oma“ Rita Ebel aus Hanau, die auf Facebook mit einem persönlichen Blog rund um die mobilen Rampen zu finden ist. www.facebook.com/dielegooma

Kritik
Kritik kommt von Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. In seinem Blogbeitrag schreibt er über die Legorampen-Aktion: „Vor Jahren hatte ich einmal damit gebastelt. Doch eine nachhaltige Lösung sind sie nicht. Darauf waren sie auch nie angelegt. Daher distanziere ich mich von diesen Fürsorgekampagnen – denn sie lenken von den eigentlichen Herausforderungen ab. (…) Es muss darum gehen, die Barrierefreiheit als Grundrecht einzufordern, statt ehrenamtlich mit Lego zu basteln!“

(RP)

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