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Krüppel oder Depp? Es ist egal, wie ihr uns nennt

Fast immer müssen wir um Respekt und unsere Rechte kämpfen. Und wenn wir zum Bespiel unsere Sexualität ausleben möchten, werden wir meistens belächelt. Warum eigentlich? Von ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer

ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer
ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Früher sagte man Krüppel oder Depp und dachte sich nichts dabei. Ob man jetzt „Menschen mit Behinderung“, „Behinderte“ oder „behinderte Menschen“ zu uns sagt, ist egal. Es ändert ja eigentlich nichts an den wahren Problemen. Durch eine solche Ansprache werden wir auch nicht respektvoller behandelt als ohne.

Da liegt der Fehler. Man meint oft, dass es mit einer „netten“ Ansprache schon getan wäre. Mitnichten. Was bringt denn eine „nette“ Ansprache, wenn wir sonst respektlos behandelt werden oder einfach für dumm gehalten werden. Klar können geistig behinderte Menschen vielleicht nicht alles überblicken, nicht alles begreifen oder sich nicht so gut äußern. Aber sie sind trotzdem nicht blöd.

Mehr möchten wir fast nicht

Und wer als Körperbehinderter nicht aktiv sprechen kann, ist ebenfalls nicht dumm im Kopf. Ich kann zum Beispiel auch nicht sprechen, aber ich habe Fachabitur auf einer normalen Höheren Handelsschule in Hamburg gemacht und bin gelernter Bürokaufmann. Bin ich jetzt doof? Ich glaube nicht.

Deshalb täte mehr Respekt gegenüber uns gut. Auch Anerkennung unserer Rechte wäre toll. Mehr möchten wir fast nicht. Natürlich brauchen wir oft mehr Hilfe, auch finanzieller Natur. Aber was ist daran so schlimm? Haben wir dann kein Anrecht auf Respekt? Ihr „Nichtbehinderten“ (was ein schreckliches Wort) wollt ja auch Respekt, wenn ihr krank werdet oder durch einen Unfall plötzlich selber behindert werdet bzw. Hilfe braucht.

Sowas kann schnell gehen. Jedoch müssen wir fast immer um Respekt bzw. um unsere Rechte kämpfen. Warum eigentlich? Das frage ich mich oft. Wir haben schon genug Probleme im Leben wegen unserer Behinderungen. Jeder Tag ist eine Herausforderung für uns. Auch wenn es nur Alltag ist, etwa ein schnelles Brötchen mit einer Hand zu schmieren… Da bekommen wir Hilfe, aber um unsere Rechte müssen wir immer noch kämpfen? Sowas müsste doch nicht sein, oder?

Der Weg in die Altersarmut

Wer von uns einen „Assistenzbedarf“ hat (wieder so ein Wort!), darf nun 50.000 statt 25.000 € ansparen, ohne Abzug vom Sozialamt. Das ist zwar schon besser als in der Vergangenheit, aber auch so können wir immer noch nicht gut für das Alter vorsorgen. Und das bedeutet oft Altersarmut. Wieso überhaupt? Klar müssen wir für unsere Hilfe vom Staat auch einen Anteil leisten. Das steht außer Frage, aber wer von uns verdient denn schon so viel wie ein „nichtbehinderter“ Mensch.

Das sind nur ein paar Glückliche. Viele bekommen nur ein „Taschengeld“ für acht Stunden Arbeit wie in den Behindertenwerkstätten, oder sie sind arbeitslos wie ich. Da können wir sowieso nicht für das Alter vorsorgen. Und unsere Rente wird auch lächerlich sein.

Was nützt uns hier die „nette“ Ansprache? Nichts! Ansonsten werden wir doch eindeutig schlechter behandelt als „Nichtbehinderte“. Wir brauchen eine Arbeit, ein angemessenes Gehalt, mehr Respekt, mehr Rechte und mehr Selbstbestimmung. Eine „nette“ Ansprache reicht wirklich nicht aus. Das sehe ich auf jeden Fall so.

Behinderte sind sowieso asexuell?

Auch wenn ich mich wiederhole, ist es doch wichtig zu sagen, dass wir mehr wollen als eine „nette“ Ansprache. Leider wird es oft infrage gestellt, obwohl die Gesellschaft angeblich so tolerant ist. Aber wenn wir zum Bespiel unsere Sexualität ausleben möchten, wird es meistens belächelt. Klar haben manche „Nichtbehinderte“ hier auch Probleme, aber es gibt bei uns immer noch zum Teil die Meinung, dass wir als Behinderte sowieso asexuell wären und keine Bedürfnisse in die Richtung hätten. Das ist dummes Zeug. Natürlich gibt es Menschen, die keine sexuellen Bedürfnisse haben, aber das kann auch unter „Nichtbehinderten“ vorkommen.

Jedoch eine Behinderung mit Asexualität gleich zu setzen ist frech und falsch. Wir sind schließlich auch Menschen mit allen Bedürfnissen. Außerdem sind wir nicht krank, sondern „nur“ behindert. Denn eine Behinderung ist für mich keine Krankheit. Eine Grippe ist eine Krankheit. Ich fühle mich auf jeden Fall nicht krank. Aber das wird oft anders gesehen.

Lorenz(o) Mayer (45) kommt aus Alveslohe in Schleswig-Holstein, ist teilweise spastisch gelähmt und kann nicht sprechen. Auf seinem Blog Lorenzos Welt schreibt er über die allgemeinen Dinge der Welt und setzt sich für Inklusion und Barrierefreiheit ein.

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