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Kristina Vogel: „In die Medienwelt muss man erst einmal reinkommen“

Die querschnittsgelähmte Ex-Weltmeister ist diesmal als ZDF-Expertin bei den Olympischen Spielen dabei. Der Terminkalender ist randvoll. Die Ausnahmesportlerin über den Alltag im TV-Business, Ehrlichkeit und Ambitionen. Von Stefan Tabeling

Kristina Vogel bei der Arbeit: Für das ZDF kommentiert sie das Sport-Event in Japan.
Kristina Vogel bei der Arbeit: Für das ZDF kommentiert sie das Sport-Event in Japan. (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Wenn Kristina Vogel ihren neuen Arbeitsplatz bei den Olympischen Spielen einnimmt, ist der Andrang riesengroß. Hier ein Smalltalk mit alten Bahnradgrößen, da eine Anfrage oder ein Autogrammwunsch. „Die Kollegen fluchen schon“, scherzt die 30-Jährige, die sich auch unter ihrer Schirmmütze und hinter der Maske nicht verstecken kann. Vogels neuer Platz ist im Velodrom von Izu bei den Olympischen Spielen auf der Tribüne. Als ZDF-Expertin kommentiert die Rekord-Weltmeisterin die Bahnrad-Wettbewerbe.

Das Know-how hat sie schließlich. Zweimal Olympiasiegerin, elfmal Weltmeisterin. Wäre 2018 ihr schlimmer Trainingsunfall nicht gewesen (Anm.d.Red.: Frau Vogel ist in Cottbus schwer gestürzt und seitdem querschnittsgelähmt), hätte sie vermutlich auf dem Holzoval in Izu um weitere Medaillen gekämpft. Im Rampenlicht ist sie geblieben. „Es macht Spaß, es ist cool. In die Medienwelt muss man erst einmal reinkommen“, berichtet Vogel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur über ihre neuen Erfahrungen. Im Vorfeld hatte sie bereits die Serie „Vogel-Perspektive“ mit Sportlern gedreht. Den TV-Job werde sie auch nach den Spielen fortsetzen.

Verhältnis zu Emma Hinze

Der Terminkalender ist dicht getaktet. Vogel ist ständig unterwegs, auch im Rollstuhl. Nach ihrem Schicksalsschlag – die Sprint-Olympiasiegerin von Rio ist von der Brust abwärts querschnittsgelähmt – hat sie ihr Leben mit beeindruckendem Lebensmut komplett umgekrempelt. Bei der Bundespolizei ist sie inzwischen Trainerin, unter anderem von Jungstar Lea Sophie Friedrich, die in Japan zusammen mit Dreifach-Weltmeisterin Emma Hinze Silber im Teamsprint gewonnen hatte. „Sie war eine Riesen-Sportlerin, mental megastark und auch taktisch gut“, beschrieb Friedrich in der Vergangenheit ihr Vorbild.

Emma Hinze gratuliert dem chinesischen Team.

Zu Emma Hinze (Mitte) hat die ehemalige Weltmeisterin mittlerweile einen Draht gefunden. (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Vogel bietet auch Hinze gerne Unterstützung an, weiß aber auch:

„Es ist schwierig für eine Ex-Weltmeisterin und eine neue Weltmeisterin eine Beziehung zueinander finden, ohne das es irgendwie belehrend oder von oben herab ist. Allmählich bekomme ich da zu Emma auch eine Beziehung.“

Die Erfurterin spricht Missstände auch als Expertin schonungslos an. So sieht sie den Bund Deutscher Radfahrer schlecht aufgestellt. Ein zweiter Bundestrainer für die Taktik fehle.

Vielleicht wäre das mal ein Job für Vogel. Aktuell hat sie aber andere Aufgaben. In Japan ist ihre Schwester Sabine ständig als helfende Hand an ihrer Seite. „Ich bin mit Bibi auch schon nach Australien geflogen“, erzählt Vogel. Ihre Schwester habe zwar nicht so viel Kraft wie ihr Freund Michael Seidenbecher, aber eine gute Technik.

Barrierefreiheit in Japan

In Japan komme sie gut zurecht. Sie sei überrascht gewesen, wie barrierearm das Land sei.

„Und wenn irgendeine Barriere kommt, hat man 20 Japaner drumherum, die helfen wollen. So wie die Kultur halt ist“,

schwärmt Vogel. „Ich fühle mich hier megawohl.“ Beim Handball sei sogar ein Extra-Weg für Rollstuhlfahrer erschaffen worden.

So erlebt Vogel nach zwei Teilnahmen als Sportlerin (zweimal Gold, einmal Bronze) Olympia in einem anderen Job. „Es ist schön, mal eine andere Seite zu sehen. Es ist sehr, sehr geil. Vielleicht nehme ich auch andere Geschichten ein bisschen mehr wahr“, sagt die frühere Ausnahmesprinterin, wenngleich sie auch früher mit Miriam Welte als personifiziertes Olympia-Lexikon auf dem Zimmer nichts verpasst habe.

Der Bundestag muss warten

Wenn ihr TV-Job in Japan erledigt ist, stehen zwei Tage Sightseeing auf dem Programm. Schwester Bibi muss schon eine Liste erstellen. Wenn es dann zurückgeht, ist der Plan auch schon wieder dicht gefüllt. Die Hochzeitsfeier von Roger Kluge, eine AIDA-Kreuzfahrt auf der Ostsee, ein TV-Dreh für Löwenzahn und danach zurück zur Bundespolizei. Ab Oktober will sie auch noch das Trainer-Diplomstudium in Köln beginnen. Da erübrigt sich die Frage nach einer paralympischen Karriere.

Schließlich ist sie auch noch als Kommunalpolitikerin im Stadtrat von Erfurt gefragt. Eine Anfrage zur Kandidatur für den Bundestag hat sie aber abgelehnt. „Man kann sich auch politisch engagieren ohne im Bundestag zu sein“, sagt Vogel. Aber aufgeschoben sei nicht aufgehoben. Vielleicht mal Kanzlerin? „Das kann ich später machen“, scherzt Vogel, begibt sich an ihren Platz und geht auf Sendung.

(RP/dpa)

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