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Kassandra Wedel und der steinige Weg einer Gehörlosen zur Traumkarriere

Die Münchnerin kann tanzen, schauspielern, Gedichte vortragen und spannend erzählen. Nur hören kann sie nicht und genau darin sahen viele Menschen ein Problem. Sie musste erhebliche Widerstände meistern, um Schauspielerin zu werden. Von Cordula Dieckmann

Kassandra Wedel
Schauspielerin Kassandra Wedel ist seit einem Unfall in ihrer Kindheit gehörlos. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

„Du hast keine Chance.“ Ein Satz, den Kassandra Wedel nie akzeptieren wollte. Unbeirrt machte sie sich die gehörlose Münchnerin daran, ihren Traum von einer Karriere als Tänzerin und Schauspielerin zu verwirklichen.

„Ich dachte mir, wenn jeder sagt, du hast keine Chance, dann kämpfe ich dafür, dann zeige ich es euch“,

erzählt sie. Nun gehört die fröhliche und redegewandte 38-Jährige zum Ärzteteam der ARD-Vorabendserie „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“, donnerstags um 18.50 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek. Ihren Start als Neurochirurgin Dr. Alicia Lipp am fiktiven Johannes-Thal-Klinikum im thüringischen Erfurt hatte Wedel am 9. Juni, ihre nächste Folge „Rückläufig“ kommt am 30. Juni.

„Chirurgie war natürlich ein tolles Thema. Man muss visuell sehr gut Feinheiten erkennen und operieren können und die Behinderung wird zur Seite gestellt, die wird nicht beachtet“, sagt Wedel. Nur heile Welt gibt es aber auch dort nicht. „Klar sind da Barrieren in so einem Krankenhaus.“ Allein, weil nicht alle Menschen die Gebärdensprache beherrschen. „Trotzdem haben wir überlegt, wie können wir diese Barriere abbauen für Dr. Lipp in diesem Rahmen?“ Das habe auch für die Dreharbeiten gegolten. „Einige Personen am Set haben sogar ein paar Sätze in Gebärdensprache gelernt“, lobt Wedel.

Kassandra Wedel als Dr. Alica Lipp

Neuzugang bei „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“: Kassandra Wedel übernimmt die Rolle der gehörlosen Dr. Alica Lipp. (Foto: ARD/Jens-Ulrich Koch)

Rollen ohne Reduzierung auf Behinderung

Elisabeth Kaufmann vom Deutschen Gehörlosen-Bund in Berlin spricht von einem Meilenstein. Bisher sei tauben Schauspielerinnen und Schauspielerin kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ähnlich sieht es Jens Handler von der Deutschen Gesellschaft der Hörbehinderten in Rendsburg: Die Sichtbarkeit von Menschen mit Hörbehinderungen in den Medien steige langsam an, sei aber in der Regel sehr oberflächlich.

Handler spricht von „Inspiration Porn“: „Menschen werden gerne als ‚inspirierend‘ dargestellt, weil sie ihr Leben ‚trotz ihrer Behinderung so gut meistern‘.“ Eine Variante sei eine Nebenrolle, über die etwa das Kompetenzspektrum einer Hauptrolle erweitert werde, etwa weil diese plötzlich fließend gebärden könne.

Wedel kritisiert auch den oscarprämierten Netflix-Film „Coda“ über eine 17-Jährige, die als einzige in ihrer Familie hören kann und mit ihrer Liebe zur Musik bei Eltern und Bruder auf Unverständnis stößt. „Für mich zeigen Filme wie ‚Coda‘ immer noch, was Gehörlose nicht können.“ Die Rolle reduziert auf die Taubheit.

„Man ist die taube Mutter und die Tochter macht Karriere. Warum kann nicht die taube Mutter Karriere machen?“,

fragt Wedel. Es sei längst Zeit für neue Geschichten. Da könne auch das Thema der Gehörlosigkeit behandelt werden. „Aber es soll nicht nur darum gehen, was wir alles nicht können, sondern darum, was wir können.“

Tanzen war ihr Ausgleich

Die 38-Jährige beschreibt einen schwierigen Weg, seit sie als kleines Kind durch einen Unfall ihr Gehör verlor. In der Schule habe sie fast nichts verstanden, weil kaum ein Lehrer Gebärdensprache konnte. Die Folge: Entsetzliche Langeweile und das Gefühl, als begriffsstutzig zu gelten.

„Wir können alle so viel mehr, eigentlich sind wir alle auf Augenhöhe. Aber wenn andere uns nicht so sehen, dann werden uns Barrieren in den Weg gestellt.“

Wedel kompensierte Schulfrust mit Tanzen. „Ich habe den Ausgleich gebraucht, um alles zu bewältigen. Das war meine kleine Zuflucht“, erinnert sie sich. „Ohne Tanz hätte ich die Schule nicht geschafft. Die Kunst hat mir einen Raum gegeben, mich selber neu zu verhandeln.“

Heute unterrichtet Wedel selbst hörende und gehörlose Kinder als Tanzlehrerin im HipHop. Sie erlebt die Musik durch den Rhythmus der Bassklänge und tanzt auch zu Klassik. Auch Gebärdensprachpoesie liegt ihr am Herzen, der sie mit fließenden, graziösen Handbewegungen Ausdruck verleiht. „Es ist eine wunderschöne Sprache“, schwärmt sie. Visuelle Klänge zum Sehen und Hören. Raum für diese Kunstform sieht sie am Theater. Das sei neugieriger und experimentierfreudiger, als der Film. „Dann vergessen die Leute einfach, wer hörend oder gehörlos ist. Das ist einfach nur eine Performance, die beeindruckend ist.“

(RP/dpa)

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