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Kann BDSM die Situation von behinderten Menschen verbessern?

Eine Behinderung zu haben und harten Sex zu mögen ist kein Widerspruch. Warum dem so ist, erzählt ROLLINGPLANET-Kolumnist Chris S.

Chris
(Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Ein paar von euch kennen mich vielleicht schon, für alle anderen möchte ich mich erstmal vorstellen. Mein Name ist Chris, ich gehe mit großen Schritten auf die Dreißig zu, ich bin pansexuell, polyamor, ich bin ein Switch und bin trans. Abgesehen davon betreibe ich einen Blog namens Sexabled, welcher sich mit dem Thema „Behinderung und Sexualität“ auseinandersetzt, und ich habe selbst eine Behinderung. Die Krankheit hört auf den Namen „Spinale Muskelatrophie Typ 2“ kurz SMA, eine neurologische Erkrankung.

In diesem Artikel möchte ich, wie die Überschrift schon sagt, darüber sinnieren, ob BDSM dazu beitragen kann, unter gewissen Umständen die Situation von behinderten Menschen zu verbessern. Das klingt zugegebenermaßen etwas plakativ, ich werde hier sicher nicht behaupten, dass BDSM eine Art Alternative für eine Therapie oder eine Behandlung ist. Es geht mir dabei eher um Dinge wie ein gesteigertes Körpergefühl oder eine bessere Selbstwahrnehmung.

Bevor ich mit dem Thema beginne, ist es denke ich wichtig, euch ein paar allgemeine Informationen zu geben und einige Vorurteile aus der Welt zu schaffen. Das Wichtigste zuerst: Eine Behinderung zu haben und BDSM zu mögen und auszuleben ist kein Widerspruch! Auf meinem Blog habe ich dieses Thema bereits behandelt. „Das Leben findet einen Weg.“ sagte Jeff Goldblum in Jurassic Park, mit der BDSM-Neigung mit einer Behinderung ist es meiner Meinung nach ähnlich.

Der menschliche Körper ist ein Meisterwerk der Anpassung an seine Situation – in angenehmen Sachen wie der Sexualität nicht weniger als in anderen Lebenslagen. Es ist bekannt, dass der Körper sich erogene Zonen an ungewöhnlichen Stellen schafft, wenn es „nötig“ ist. Das könnte beispielsweise nach einem schweren Unfall der Fall sein, wenn die ursprünglichen erogenen Zonen nicht mehr spürbar sind.

Abgesehen davon gibt es aber auch die Aspekte der Selbstwahrnehmung und des Körpergefühls, welche man nicht vernachlässigen sollte, wenn es um Gesundheit geht. Denn die Ansicht, dass Körper und Geist als Einheit funktionieren, ist die grundlegende Annahme dieses Artikels.

Sex macht glücklich

Die allermeisten Menschen auf dieser Welt sind glücklich, wenn sie Sex hatten oder haben, manchmal mehr, manchmal weniger. Es geht aber nicht wirklich um Sex, jedenfalls nicht nach der typischen Definition. Eine bessere Beschreibung wäre „Intime Nähe macht glücklich.“.

Sind wir mit anderen Menschen intim, schütten wir Hormone aus. Diese Hormone lindern Schmerzen, machen glücklich und schaffen ein Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens. Die Frage ist jetzt, was definieren wir als intime Nähe? Was macht uns glücklich? Für viele Menschen und wahrscheinlich die meisten Leser*innen dieses Artikels, egal ob mit Behinderung oder „gesund“, ist die Antwort BDSM, egal in welcher Form es ausgeübt wird. Daraus kann man schließen, dass BDSM diese Personen glücklich macht und auch Schmerzen lindern kann, welche beispielsweise bei einer Behinderung auftreten. Klingt irgendwie seltsam, oder? Als ob man Schmerz mit Schmerz bekämpfen könnte, wenn man denn masochistisch bzw. sadistisch veranlagt ist. Frei nach dem Motto: „Dir tut der Rücken weh? Dann versohl ich dir den Hintern und es wird besser“. Unter gewissen Umständen ist das auch tatsächlich der Fall, das Ganze hängt nämlich unter anderem vom eigenen Körpergefühl ab.

42 ist nicht die Antwort auf alles – manchmal tut’s auch ein Seil

Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, bedienen wir uns eines zugegebenermaßen oft herangezogenen Beispiels. Nehmen wir an, wir haben einen Spastiker, der eine eigentlich erfüllte Beziehung mit seiner Lebensgefährtin führt. Es gibt nur eine Sache, die den beiden Probleme bereitet, nämlich der Sex. Die Spastiken sind extrem stark und er fürchtet sich davor, seine Freundin beim Sex zu verletzen, beispielsweise durch einen unabsichtlichen Schlag. Der Druck, der durch diese Vorstellung entsteht, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Er setzt sich so sehr unter Druck, dass genau das passiert. Die Angst vor der Situation führt letztendlich zur Vermeidung der Situation. Was also ist die Lösung, wie erlöst man das Pärchen von dieser Angst? Die Antwort ist Bondage. Durch das Fesseln bauen wir ein Körpergefühl von Druck auf. Dieser physische Druck kann den psychischen Druck lösen, denn er befreit ihn aus der Verantwortung. Die Fesseln verhindern, dass es zur befürchteten Situation kommt und er seine Partnerin verletzt.

Wenn wir uns von diesem viel erwähnten Beispiel entfernen wollen, plaudere ich einfach ein wenig über ein persönliches Erlebnis. Ein Mann, mit dem ich vor einiger Zeit ein paar kleinere Abenteuer hatte, fragte mich einst, welchen Sinn es machen würde, wenn ich gefesselt werde, mein Körper wäre ja schon ein Gefängnis und weglaufen könnte ich ja ohnehin nicht. Diese Feststellung ist, realistisch betrachtet, absolut korrekt – und trotzdem falsch. Ja, ich könnte mich nicht wirklich wehren oder weglaufen. Ja, mein Körper setzt mir viele Grenzen. Nein, mein Körper ist deswegen kein Gefängnis, ich erfreue mich an ihm im Rahmen meiner Möglichkeiten. Nein, ich lasse mich nicht fesseln, um Freiheit zu verlieren, sondern um Freiheit zu erleben. Ich liebe BDSM, weil es mir half, meine Grenzen zu erkennen.

Für behinderte Menschen ist es im Besonderen wichtig, die Grenzen des eigenen Körpers zu erkunden und dadurch besser – oder überhaupt erst – kennen zu lernen. Auch hierbei kann eine ausgelebte BDSM-Neigung hilfreich sein. Durch das gezielte Setzen von Reizen, wie zum Beispiel über Hitze, Kälte, Reizstrom, Spanking oder Nadeln kann man versuchen, gewisse Körperstellen besser spürbar zu machen, oder lernen, Schmerz besser zu differenzieren oder zu ertragen.

Es gibt allerdings auch noch einen anderen Punkt, der mit diesem Thema in Verbindung steht, nämlich eine positive Körpereinstellung.

Das Körperbild

Ein positives Körperbild ist wichtig, für jeden von uns. Ich könnte hier jetzt über die frühkindliche Entwicklung schreiben, aber das lasse ich lieber. Stattdessen stelle ich folgende Behauptungen auf. Erstens: Menschen mit einem positiven Körperbild sind tendenziell gesünder als Menschen mit einem negativen Körperbild. Zweitens: BDSM kann die Entwicklung des positiven Körperbilds fördern. Zwei gewagte Thesen, oder? Nicht? Okay, dann mache ich einfach mal weiter.

Das Körperbild ist ein psychologisch-phänomenologisches Konstrukt, welches sich überwiegend auf mentale Einstellungen fokussiert. Es besteht aus folgenden Punkten: Körperbewusstsein, Körperausgrenzung, Körpereinstellung und Überzeugungen. Den Punkt der Körperausgrenzung hatten wir bereits, er bezieht sich auf die Grenzen des eigenen Körpers. Zur Körpereinstellung kommen wir jetzt, sie bezieht sich beispielsweise auf das Aussehen bzw. die Attraktivität und auf die Bewertung durch andere.

Mir geht es hierbei eher um die eigene Wahrnehmung, weniger um die Bewertung durch andere Menschen. Zum einen weil ich glaube, dass eine positive Wahrnehmung des Ichs Menschen grundsätzlich anziehender macht, zumindest solange sie im Rahmen bleibt und nicht in Arroganz abdriftet. Zum anderen weil ich ebenso der Meinung bin, dass man sich über die Bewertung von anderen Menschen grundsätzlich zu viele Gedanken macht.

Chris nackt und gefesselt in einem Sessel.

(Foto: privat)

Der Weg zur positiven Körpereinstellung kann durchaus schwierig sein, immerhin haben die meisten Menschen die eine oder andere Problemzone, zumindest denken sie es. Für einige behinderte Menschen ist ein positives Körperbild ebenfalls schwierig zu erreichen, gerade bei Erkrankungen, die den Körper stark verändern oder wenn die Entwicklung degenerativ verläuft. Trotz einer Erkrankung kann der Weg zu besagtem positiven Körperbild über die Sexualität führen. Denn, wie oben bereits erwähnt: Sex macht glücklich. Hierbei stehen vor allem die Aspekte der Achtsamkeit und des Vertrauens im Vordergrund, welche sich besonders im BDSM und im Tantra wiederfinden.

Eine erfüllte Sexualität ist wichtig, um sich selbst attraktiv zu fühlen. Dabei soll die Sexualität aber nicht nach dem Prinzip der unendlichen Steigerung im Sinne von „fester, geiler, stärker“ stattfinden. Stattdessen muss sie, um zu dieser persönlichen Entwicklung beitragen zu können, Verspieltheit, Lebendigkeit und Kreativität lehren. Genau das ist es, wozu BDSM in der Lage ist. Im Fluss einer Session sind die körperlichen Grenzen zwar weiterhin vorhanden, allerdings sind sie bei weitem weniger spürbar, was durch die völlige Vertiefung in diese Situation zustande kommt. Dadurch nehmen wir uns anders wahr und verändern gegebenenfalls unser Körperbild zum Positiven.

BDSM lehrt uns Achtsamkeit, Verbundenheit, Vertrauen und es lehrt uns Kontakt herzustellen, allerdings nicht nur zu unserem Gegenüber, sondern auch zu uns selbst. Mein eigenes Körperbild ist überaus positiv, versteht mich nicht falsch, ich bin sicher nicht perfekt oder halte mich für das Kind von Adonis und Aphrodite. Ich weiß aber, dass ich mich nicht für meinen Körper schämen muss und dass ich mich durchaus als sexy empfinden darf, auf meine eigene Art und Weise. BDSM war mein Weg zu diesem Selbstverständnis. Es fordert uns auf, zu lernen und den eigenen Weg zu finden. Allerdings muss es deswegen nicht der Weg für jeden Menschen sein. Für den Fall, dass es nicht euer Weg ist, was ich ehrlich gesagt ein wenig bezweifle, wenn ihr dieses Magazin lest, geht los und findet euren eigenen. Welcher Weg es dann wird ist eigentlich egal, solange ihr den Weg mit ganzem Herzen geht.

Chris (31) ist ein Münchner Kindl und lebt in der „Weltstadt mit Herz“. Seine Krankheit trägt den Namen SMA (Spinale Muskelatrophie) Typ 2. Chris ist Transmensch und pansexuell und schreibt bevorzugt über die Themen Dating, Liebe, Sex, BDSM oder Tantra. sexabled.de

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