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Gesundheit & Medizin

Wie ein Landarzt vor 225 Jahren die Impfforschung revolutionierte

Mit einem riskanten Versuch weist der Engländer Edward Jenner 1796 erstmals die Wirksamkeit der Immunisierung nach. Im Jahr 2021 steht aus Sicht von Experten im Gegensatz zu damals nicht nur der Gesundheitsschutz im Vordergrund. Von Christoph Meyer

Ärztin zieht Spritze mit Impfstoff auf
(Foto: Shutterstock)

US-Gründervater Thomas Jefferson, die Oberhäupter der nordamerikanischen Ureinwohner und sogar Napoleon verehrten ihn: Vor 225 Jahren erbrachte der englische Landarzt Edward Jenner den ersten Nachweis für die Wirksamkeit des Impfens. Seitdem wurden Millionen von Menschenleben auf diese Weise gerettet.

Der englische Landarzt Edward Jenner in einer zeitgenössischen Darstellung.

Der englische Landarzt Edward Jenner in einer zeitgenössischen Darstellung. (Foto: picture alliance/dpa)

Der Ansatz von Jenner: Ein Mensch wird mit einer harmlosen Krankheit infiziert, und erwirbt dabei Immunität gegen einen verwandten Erreger. Damals war es wohl eine Infektion mit Kuhpocken, die vor den Pocken schützte. Der Begriff Vakzin ist vom lateinischen Vacca (Kuh) abgeleitet.

Am 1. Juli 1796 infizierte der Landarzt aus dem englischen Berkeley den achtjährigen James Phipps mit Pockenviren, nachdem er ihm einige Wochen vorher Kuhpockenviren verabreicht hatte. Der Versuch war riskant – doch er gelang. Phipps erwies sich als immun gegen die gefürchtete Krankheit.

Grundprinzip bis heute unverändert

Ähnlich funktionieren Impfstoffe noch heute, wie der Direktor des Jenner-Instituts an der Universität Oxford, Adrian Hill, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erläutert. Doch sie werden gezielt dafür konstruiert und sind darauf optimiert, wenige Nebenwirkungen zu haben und bestmöglich zu schützen. Hill und seine Kollegen haben den Astrazeneca-Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt, der auf einen Erkältungsvirus bei Schimpansen als Träger für genetisches Material des Coronavirus zurückgreift. „Wir machen uns das Immunsystem eines Menschen zunutze, um ihn zu schützen“, so Hill.

Professor Sir Adrian Hill, Direktor des Jenner-Instituts an der Universität Oxford, forscht unter anderem an einem Malaria-Impfstoff.

Professor Sir Adrian Hill, Direktor des Jenner-Instituts an der Universität Oxford, forscht unter anderem an einem Malaria-Impfstoff. (Foto: John Cairns/dpa)

Die Erkenntnis, dass eine wissentlich herbeigeführte Infektion zur Immunität gegen Krankheiten führen kann, ist schon sehr alt. Die sogenannte Variolation wurde wohl schon im mittelalterlichen China durchgeführt. Dabei wurden gesunden Menschen kleine Mengen des Inhalts von Pockenpusteln in eine herbeigeführte Wunde gerieben. Die Hoffnung war, dass sie eine milde Form der Krankheit entwickelten und für die Zukunft immun sein würden. Doch nicht immer ging das gut – nicht wenige erkrankten schwer und manchmal konnten dadurch ganze Ausbrüche einer Krankheit versehentlich ausgelöst werden.

Im Westen lange unbekannt, gelangte die Methode der Variolation im 18. Jahrhundert vom Osmanischen Reich aus nach England. Jenner erkannte, dass sie verbessert werden konnte und hatte mit einer Melkerin, die sich bei ihren Kühen mit den harmlosen Kuhpocken angesteckt hatte, eine Quelle für sein Experiment gefunden. In einer Hütte hinter seinem Haus, die er „Tempel der Vaccinia“ taufte, eröffnete er die erste Impfklinik und machte die Methode weltweit bekannt. „Sie haben eine der größten Geißeln der Menschheit ausgelöscht“, würdigte ihn Thomas Jefferson später.

Impfung ließ Pocken verschwinden

Doch bis die Pocken tatsächlich ausgerottet waren, sollte es noch mehr als 180 Jahre dauern. Im Jahr 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation WHO eine weltweite Impfkampagne. Viele Menschen tragen davon noch immer die typische Narbe am Oberarm. 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgestorben. Heute werden nur noch wenige lebende Pockenviren im Labor zu Forschungszwecken aufbewahrt.

Im Rahmen der WHO-Kampfkampagne wurde 1967 auch im staatlichen Gesundheitsamt Regensburg die Pockenschutzimpfungen überprüft und das Ergebnis durch den Arzt im Impfschein vermerkt.

Im Rahmen der WHO-Kampfkampagne wurde 1967 auch im staatlichen Gesundheitsamt Regensburg die Pockenschutzimpfungen überprüft und das Ergebnis durch den Arzt im Impfschein vermerkt. (Foto: dpa)

Doch trotz des Siegeszugs gegen die Pocken gibt es noch immer viele weitere Infektionskrankheiten, die jährlich Millionen von Toten fordern. Zu den schlimmsten Killern gehören Tuberkulose, Malaria und HIV/Aids, gegen die noch immer keine weithin erhältlichen und effektiven Impfstoffe zur Verfügung stehen.

Hill und seine Kollegen haben zwar einen Malaria-Impfstoff entwickelt, der mit über 75 Prozent Wirksamkeit den WHO-Standards entspricht. Doch bevor er flächendeckend zum Einsatz kommen wird, dürfte es noch Jahre dauern. Es ist ein langwieriger Zulassungsprozess erforderlich, für den es großangelegte Studien braucht.

Zweierlei Maß bei Zulassung und Finanzierung

Angesicht der Geschwindigkeit, mit der die Coronavirus-Impfstoffe im vergangenen Jahr zugelassen wurden, findet Hill das unangemessen. In Afrika seien im vergangenen Jahr vier Mal so viele Menschen an Malaria gestorben als an Covid-19, sagt er. Trotzdem behandle man die Krankheit nicht mit der gleichen Dringlichkeit. „Was ist der Unterschied in der Wichtigkeit, wenn ein Kind an Malaria stirbt und ein Erwachsener an Covid-19?“ Doch die Arzneimittelbehörden neigten eben dazu, konservativ zu sein, seufzt der Professor. Man sei im Gespräch – Ausgang offen.

Neben den zähen Zulassungsverfahren sind vor allem mangelnde Gelder für die Entwicklung von Impfstoffen und fehlende Produktionskapazitäten dafür verantwortlich, dass es nicht schneller vorangeht.

„Wenn man wüsste, dass man einen Tuberkulose-Impfstoff für 100 Dollar pro Dosis verkaufen kann, würden es alle großen Pharmakonzerne heute schon machen“,

sagt Hill. Die Forschung stehe in Konkurrenz zu anderen, weniger tödlichen Leiden. Doch die tödlichsten Infektionskrankheiten treten vor allem in weniger finanzkräftigen Entwicklungsländern auf.

Impf-Pionier Edward Jenner war nie daran gelegen, mit seiner Entdeckung Geld zu verdienen. „Er wollte einfach, dass die Leute darüber Bescheid wissen und wollte es weitergeben“, sagte Owen Gower, der Leiter des Museums Dr. Jenner’s House im ehemaligen Wohnhaus des Landarztes in Berkely der BBC. Jenner hatte den unbedingten Willen, so viele Menschenleben wie möglich zu retten.

(RP/dpa)

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