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John McFall: Ein kleiner Schritt für einen Menschen – aber ein riesiger Sprung für die Inklusion?

Er ist Paralympics-Sprinter, Arzt – und nun auch Raumfahrtpionier: Der Brite John McFall wurde als erster Mensch mit körperlicher Behinderung von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) für ein Astronautenprogramm ausgewählt. Jetzt könnte sogar ein Flug zur ISS – oder zum Mond – bevorstehen. Von Thomas Bätzner

John McFall (r.) bei einer ESA-Übung (Foto: Novespace/​ESA)

Als Neil Armstrong 1969 seinen Fuß auf den Mond setzte, sprach er die berühmten Worte: „That’s one small step for (a) man, one giant leap for mankind.“ (Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.) Mehr als fünfzig Jahre später bekommt dieser Satz eine neue Bedeutung. Denn mit John McFall hat die Europäische Weltraumorganisation ESA den ersten Menschen mit körperlicher Behinderung in ihr Astronautenprogramm aufgenommen. Für ihn persönlich ist es ein neuer Schritt – für viele andere ein großer Sprung in Richtung einer inklusiveren Gesellschaft.

Vom Schicksalsschlag zum Vorbild

John McFall wurde 1981 in Frimley, Großbritannien geboren. Als sportbegeisterter Teenager träumte er zunächst nicht von Raumfahrt, sondern von einem Leben voller Bewegung und Geschwindigkeit. Doch mit 19 Jahren veränderte ein Motorradunfall in Thailand alles: Er verlor sein rechtes Bein. Was für viele das abrupte Ende sportlicher Ambitionen bedeutet hätte, wurde für McFall zum Wendepunkt. Nach der Amputation lernte er mit Prothese zu gehen, dann zu laufen – und schließlich zu sprinten. Und das auf Weltklasseniveau.

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McFall mit der Goldmedaille, die er beim Visa Paralympic World Cup in Manchester, England, am 13. Mai 2007 im 200-Meter-Sprint gewann. (Foto: Jacklee; original photograph by Tarique Naseem from Bradford, United Kingdom. – Cropped from Paralympic World Cup 2007 009 to remove distracting foreground on bottom right side of photograph., CC BY-SA 2.0, Link)

Bereits 2005 wurde er Mitglied des britischen Leichtathletik-Teams für Menschen mit Behinderung. Bei den Paralympischen Spielen 2008 in Peking gewann er die Bronzemedaille über 100 Meter. Die Sportwelt nahm ihn als ehrgeizigen, aber stets bodenständigen Athleten wahr. „Ich habe nie gedacht: ‚Warum ich?‘, sondern: ‚Was kann ich jetzt daraus machen?‘“, sagte McFall 2008 in einem Interview mit der BBC.

Medizin, Menschlichkeit – und ein neues Ziel: das All

Nach seinem sportlichen Höhepunkt entschied sich John McFall für eine medizinische Laufbahn. Er studierte Medizin an der Cardiff University und spezialisierte sich auf Orthopädie – ein Fachgebiet, das für ihn mehr war als nur Beruf: Es war persönliches Anliegen und Lebensmission zugleich. Er wollte Menschen helfen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie er.

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Doch 2021 öffnete sich für ihn ein völlig neuer Horizont. Die ESA rief in einem historischen Schritt erstmals gezielt auch Menschen mit körperlicher Behinderung zur Bewerbung für das Astronautenkorps auf – ein Pilotprojekt unter dem Titel „Fly!“. McFall zögerte nicht. Er reichte seine Bewerbung ein, wurde ausgewählt – und durchlief eine mehrmonatige intensive Testphase. Ziel war es, herauszufinden, ob und unter welchen Bedingungen ein Mensch mit Amputation für den Weltraumeinsatz geeignet sein kann.

Ein politisches und technisches Signal

Im Frühjahr 2024 stellte die ESA die Ergebnisse ihrer Machbarkeitsstudie vor. Bei einer Pressekonferenz in Paris saß McFall – ganz leger – in kurzer Hose auf dem Podium. Seine schwarze Beinprothese war gut sichtbar. Ein bewusstes Statement: Raumfahrt ist kein exklusiver Club mehr – sie soll offen sein für alle. Vor den anwesenden Journalisten bentonte er: „Ich bin sehr stolz. Zum einen auf das Team, das mich begleitet und unterstützt hat. Aber ich bin auch stolz auf ein verändertes Denken, das wir erreicht haben“.

ESA-Direktor Daniel Neuenschwander erklärte: „Das ist nicht nur ein technisches Projekt – es ist ein politisches Zeichen.“ Die ESA betonte, dass auch eine sechsmonatige Mission auf der ISS für Menschen mit Prothese medizinisch möglich sei. Damit ist McFall nicht nur „Versuchsperson“, sondern potenzieller künftiger Astronaut – mit realer Aussicht auf einen Einsatz im All.

Die Schwerelosigkeit bringt neue Fragen

Für John McFall beginnt damit ein neues Kapitel – aber auch eine neue Phase der Arbeit. Denn bevor er tatsächlich ins All startet, müssen viele Fragen geklärt werden: Welche wissenschaftliche Aufgabe wird er übernehmen? Wie verhält sich eine Beinprothese in Schwerelosigkeit? Welche Anpassungen braucht es im Training, bei Notfallübungen, in Raumanzügen?

Ein konkretes Beispiel bringt McFall selbst: „Ein Problem im All ist: Da gibt es keine Heizung, um nasse Sachen schnell zu trocknen. Meine Prothese nutzt zurzeit Textilien, um Feuchtigkeit zu absorbieren. Wir suchen nach einer neuen Lösung, die auch anderen helfen könnte.“ Tatsächlich haben sich bereits Hersteller gemeldet, die gemeinsam mit ihm an neuen Materialien arbeiten wollen – Prothesen, die sich für den Einsatz unter extremen Bedingungen eignen.

Ein Vorbild für die nächste Generation

John McFall sieht sich nicht nur als Astronautenanwärter, sondern als Vorbild – besonders für Kinder und Jugendliche mit Behinderung: „Ich möchte ihnen zeigen, dass Inklusion überall möglich ist. Auch im All.“

Für ihn steht fest: Die Erkenntnisse aus dem Projekt „Fly!“ sollen nicht nur einem Einzelnen dienen, sondern das Tor für viele öffnen – Menschen, die bisher gar nicht erst daran dachten, dass auch sie zur Raumfahrt beitragen könnten.

Eine Reise zur Internationalen Raumstation ISS scheint mittlerweile realistisch – aber McFall denkt weiter. Seine Vision reicht bis zum Mond. „Die erste Person mit einer Behinderung, die auf dem Mond spaziert – das wäre ein riesiger positiver Fortschritt in der Erforschung des Weltraums durch den Menschen. Ich wäre gerne diese Person.“ Das wäre dann tatsächlich nicht nur ein kleiner Schritt für einen Menschen – sondern ein riesiger Sprung für die Inklusion.

(RP)

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