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Johann Löwe plant einen One-Night-Stand in Frankfurt – die Deutsche Bahn wird’s ihm wahrscheinlich vermasseln

Unser ROLLINGPLANET-Autor ist Rollstuhlfahrer und mag die Deutsche Bahn nicht besonders. Seit er Susi kennenlernen möchte, erst recht nicht mehr.

Ein ICE-Zug der Deutschen Bahn
Deutsche Bahn (Foto: Silas Stein/dpa)
Auch auf dem ROLLINGPLANET vergeht die Zeit rasend schnell. In unserer Rubrik „Best of“ veröffentlichen wir regelmäßig Beiträge, die schon einige Jahre alt sind – aber die wir immer noch lesenswert finden oder/und die über ein wichtiges Thema oder Ereignis berichten.
Dieser Beitrag erschien erstmals am 6. März 2012 und handelt von einem Problem, das leider heute noch aktuell ist: Menschen mit Behinderung, die auf den sogenannten Mobilitätsservice der Deutschen Bahn angewiesen sind, müssen sich am Vortag bis 20.00 Uhr und bei Auslandsverbindungen sogar mindestens 48 Stunden vor Abfahrt anmelden – ansonsten die Gefahr groß ist, nicht mitgenommen zu werden.

Ich gestehe, ich liege seit Jahren mit der Deutschen Bahn im Clinch. Ich habe mich bisher standfest geweigert, auch nur im Traum daran zu denken, den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn 48 Stunden im voraus zu benachrichtigen, wenn ich den Zug nehmen will. Aus Prinzip. Das ist kein Mobilitätsservice, das ist Mobilitätsberaubung.

Was machen Behinderte, die spontan verreisen WOLLEN oder MÜSSEN? Weil sie kurzfristig zu einem Meeting müssen? Oder ein Freund sterbenskrank ist? Sie müssen vorwurfsvolle Belehrungen am Servicepoint über sich ergehen lassen, dass sie sich nicht rechtzeitig angekündigt haben – und riskieren, nicht transportiert zu werden.

Ich bin kein Gefahrengut. Ich bin ein Kunde. Vom Wärterhäuschen bis zum Gleis ist es nicht allzu weit, um mir in den Zug zu helfen. Man könnte erwarten, dass es genügen sollte, ein oder zwei Stunden vorher bei der Bahn anzurufen, damit sich mindestens vier Menschen damit beschäftigen, mich in irgendein Hilfsprogramm einzutragen. In meinem Büro bin ich es gewohnt, auch Arbeiten zu erledigen, die mir mein Chef am Morgen auf den Tisch legt und nicht 48 Stunden vorher.

Ein logistisches Problem

Um im Hilfsprogramm der Deutschen Bahn aufgenommen zu werden, sind mindestens vier Personen erforderlich. Das funktioniert so: Behinderter Kunde (im nachfolgenden logistisches Problem 1 genannt) kommt an und bittet um eine Einstieghilfe. Am Startpunkt 1 befragt Person 1 (die am Servicepoint sitzt) die für die Kurbelbühne zuständige Person 2 (in den unendlichen Weiten der Gleiswelt unterwegs, um logistische Probleme abzufangen), ob sie das logistische Problem 1 verfrachten kann. Person 2 meldet nach umständlichem Nachdenken (und wahrscheinlich seiner unglaublichen Unverzichtbarkeit bewusst) Person 1, dass das geht, weil für die genannte Zeit kein logistisches Problem 2 angemeldet ist. Zwischendurch gönnerhaftes Lächeln von Person 1 an logistisches Problem 1. Person 1 vom Startpunkt 1 ruft Person 1 vom Zielort 2 an und fragt, ob man das logistische Problem 1, das man einzuladen gedenke, auch wieder aus dem Zug herausholen könne. Person 1 vom Zielort 2 ruft Person 2 vom Zielort 2 an. Diese bejaht, obwohl sie gerade einem logistischen Problem 3 in einen Zug geholfen hat und dabei verächtlich geschnauft hat, als hätte sie mit der Hebebühne nicht logistisches Problem 3, sondern Zementsäcke in das Abteil gewuchtet. Person 2 vom Zielort 2 meldet Person 1 vom Startpunkt 1, dass alles in Ordnung ist. Gönnerhaftes, aber, weil viel zu spät angemeldetes logistisches Problem 1, widerwilliges Lächeln.

Ich bin Wiederholungstäter

Dieser Akt dauert in der Regel mindestens 20 Minuten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bin ich explodiert. Ich nehme in Kauf, mich am Servicepoint wie Rumpelstilzchen aufzuführen. Ich lasse mich beschimpfen, dass ich meine Zugfahrt nicht 48 Stunden vorher wie vorgeschrieben registriert habe. Zwischendurch habe ich Mitleid mit Menschen, die in dieser Bürokratie beschäftigt sind, und versuche, still zu halten. Meine Selbstbeherrschung hält leider nicht lange an. Dann flippe ich in der Regel aus. „Ich will, verdammt nochmal, selbst dann verreisen dürfen, wenn mir das nicht 48 Stunden vorher eingefallen ist!“, brülle ich die unglaublich unverständnisvoll blickende Dame am Servicepoint an, von der ich hoffe, dass sie mich vom letzten Mal nicht erkannt hat.

Mein erstes Mal

Nun ist ein dringender Fall eingetreten, der keine Fehlplanung und Energieverluste im Vorfeld der Reise zulässt. Ich bin mit einer hinreißenden Frau, die ich im Chat kennen gelernt habe, einig geworden. Susi. Ich in München, Susi in Frankfurt. Wir haben uns für Donnerstag Nacht verabredet. Ich bin schon so aufgeregt, dass ich nicht mehr zuverlässig nachrechnen kann, ob zwischen unserer heutigen Absprache für den One-Night-Stand bis zum geplanten Abfahrtstermin noch 48 Stunden liegen. Es ist mir egal. Ich muss es tun. Das erste Mal in meinem Leben. Diesen Mobilitätsservice der Deutschen Bahn rechtzeitig informieren.

Ich klicke mich durch die Webseiten der Deutschen Bahn: „Hier finden Sie das barrierefrei Formular zur Anmeldung“. Ich starte das PDF-Formular. Ich beantworte alle Fragen, obwohl ich keine Sozialhilfe, sondern nur mit einem Zug zu einem One-Night-Stand und am nächsten Morgen zurück will:

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Vorname, Name, Adresse, Straße, Festnetznummer, Mobilnummer, E-Mail, Schwerbehinderten-Aktenzeichen, Merkzeichen, benötigte Art der Hilfe, ob ich mit oder ohne Begleitung reise, wie viele Gepäckstücke ich dabei habe, mich mit einem Rollator oder einen Rollstuhl fortbewege (macht das für die Einstieghilfe einen Unterschied?), Art der Behinderung, Art des Rollstuhls (Faltrollstuhl, Festrollstuhl, Elektrorollstuhl, ich werde informiert: „Höchstmaße gemäß ISO-Norm: Breite bis 700 mm, Länge bis 1.200 mm, bei Überschreitung der Maße ist eine Beförderung ausgeschlossen“), Gewicht des Rollstuhls, ob ich selbst einsteigen kann (ob ich wohl dann dieses Formular ausfüllen würde?), Treffpunkt, Zugverbindung (okay, Jungs, das geht in Ordnung) – endlich… der Button „Formular senden“.

Und dann… erhalte ich diese Fehlermeldung: „Beim Senden ist ein Fehler aufgetreten. Inhalt des Typs tex/html kann nicht verarbeitet werden.“

Fehlermeldung – das Formular kann nicht gesendet werden.

Liebe Deutsche Bahn, Ihr wolltet das nicht anders. Es ist mir egal, falls die Fehlermeldung an meinem Computer liegt. Nein, ich werde morgen nicht die angegebene Service-Telefonnummer anrufen. Am Donnerstag stehe ich an eurem Servicepoint. Wenn man mich nicht mitnimmt, werde ich einen Tobsuchtsanfall bekommen, der in die Geschichte eingehen wird, und sämtliche Kondome auf Person 1 am Startpunkt 1 werfen. Versprochen.

(RP)

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