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Inklusion im Weinbau: Raus aus der Werkstatt, rein in den Weinberg

Menschen mit Behinderung bauen neue Pflanzen an, helfen beim Schneiden und Biegen der Reben. Wie die Kooperation entstand und welche Erfahrungen die Teilnehmer in den Projekten sammeln konnten. Von Peter Zschunke

Beschäftigte der Behindertenwerkstatt Himmelsthür in Niedersachsen arbeiten auf einem Weinberg des Weinguts Tesch in Langenlonsheim an der Nahe. In vier Teams pflanzen sie zusammen mit Mitarbeitern des Weinguts neue Reben.
Beschäftigte der Behindertenwerkstatt Himmelsthür in Niedersachsen arbeiten auf einem Weinberg des Weinguts Tesch in Langenlonsheim an der Nahe. In vier Teams pflanzen sie zusammen mit Mitarbeitern des Weinguts neue Reben. (Foto: Martin Tesch/Weingut Tesch/dpa)

„Ein Riesling kennt keine Behinderung“, sagt Nahe-Winzer Martin Tesch. In einem Weinberg seiner Spitzenlage Laubenheimer Krone haben jetzt mehr als 20 Beschäftigte der Behindertenwerkstatt Himmelsthür in Niedersachsen zusammen mit Mitarbeitern des Weinguts neue Reben gepflanzt. Eine ähnliche Zusammenarbeit hat auch ein Ingelheimer Weingut gestartet.

„Es sind Hunderttausende einzelner Handgriffe notwendig, damit aus einem kleinen Pflänzchen ein Rebstock wird“, erklärt Tesch, der sich in seinem gleichnamigen Betrieb in Langenlonsheim auf trockene Riesling-Weine spezialisiert hat. Vier Teams von Menschen mit und ohne Behinderung gingen das Projekt an.

„Jeder packte im Rahmen seiner Möglichkeiten an und am Ende jeder Woche hatte jedes Team auf seine Art das gesetzte Ziel erreicht.“

Damit die Gäste aus Niedersachsen neben der Arbeit auch die Umgebung kennenlernen, wurden Ausflüge in die Umgebung organisiert wie eine Schifffahrt auf dem Rhein. Auch bei einem Grillabend konnten die Niedersachsen in die besondere Atmosphäre des Weinguts eintauchen.

Weiterführung der Zusammenarbeit geplant

„Zu einem erfüllten Leben gehört eine sinnvolle Arbeit“, sagt der Geschäftsführer der zur evangelischen Diakonie gehörenden Einrichtung Himmelsthür, Helge Staack. Die Männer und Frauen zwischen 20 und 60 Jahren seien von der Arbeit im Weinberg begeistert gewesen. „Sie hatten ja vorher allein schon aus geografischen Gründen nichts mit Wein zu tun gehabt.“ Ein Teil der Gruppe lebt in Hildesheim, der andere Teil in Wildeshausen im Kreis Oldenburg. Neben der körperlich herausfordernden Arbeit sollte auch der erlebnispädagogische Aspekt nicht zu kurz kommen.

Einige der Weinbergsarbeiterinnen und -arbeiter hatten schon Erfahrung mit der Landwirtschaft, von der Arbeit auf einem Bio-Bauernhof am Rand von Hildesheim. Für andere war das Arbeiten unter freiem Himmel eine ganz neue Erfahrung, da sie in der Werkstatt sonst in der Holzwerkstatt oder in der Verpackung arbeiten.

Die Zusammenarbeit zwischen Behindertenwerkstatt und Weingut soll in den kommenden Jahren weitergeführt werden. Tesch will den neu angelegten Weinberg in der Kronenlage nach der Werkstatt in Niedersachsen benennen, so dass es künftig einen besonderen „Himmelsthür-Wein“ geben wird.

„Die gemeinsame Arbeit war eine der positivsten Erfahrungen, die wir in den letzten Jahrzehnten machen durften“,

sagt der Winzer. Ähnliche Erfahrungen beim Arbeiten mit Menschen mit Behinderung macht der rheinhessische Winzer Kristian Dautermann in Ingelheim: „Jeder erzählt seine eigene Geschichte in den Rebzeilen, das ist für mich das Hauptgeschenk.“

Menschen mit Behinderung sollen sichtbarer werden

Dautermanns älterer Bruder Klaus hat selbst eine Behinderung. „Er ist immer mit dabei gewesen, ohne dass wir ein Thema daraus gemacht hätten.“ Den Anlass für eine größere Zusammenarbeit habe jetzt die Eröffnung eines neuen Ingelheimer Standorts der Mainzer Behindertenwerkstatt von in.betrieb gegeben. „Als lokales Weingut wollen wir das unterstützen“, sagt Dautermann. Mit 15 jungen Menschen der Werkstatt wurde ein Anfang gemacht, sie unterstützten das
besonders arbeitsintensive Schneiden und Biegen von Reben im Frühjahr. Geplant sind noch vier oder fünf Einsätze, „die Traubenlese ist das Ziel“.

Für beide Winzer gehört zu der Zusammenarbeit dazu, Menschen mit Behinderung in der Gemeinde sichtbarer zu machen, sie in den Alltag der Ortsgemeinde zu bringen. „Daher haben wir ganz bewusst die Lage Ingelheimer Kirchenstück ausgewählt, gleich neben der Burgkirche“, sagt Dautermann.

Der nächste Arbeitseinsatz an der Nahe ist für Mai oder Juni 2023 schon geplant. Jetzt wollten gerne noch andere mit dabei sein, sagt Staack. „Am Ende geht es immer um Arbeit – aber eben um Arbeit, die Spaß machen kann.“

(RP/dpa)

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