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Inklusion auf dem Arbeitsmarkt: Kurze Erholung, aber schlechte Prognose für Menschen mit Behinderung

Der Inklusionsbarometer zeigt: Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt macht keine Fortschritte, Arbeitslosenquote mehr als doppelt so hoch. Aktion Mensch attestiert Unternehmen erneut mangelnde Einstellungsbereitschaft.

Der neue Inklusionsbarometer der Aktion Mensch ist erschienen.

Auf den ersten Blick vermeldet das diesjährige Inklusionsbarometer Arbeit gute Nachrichten: Die Anzahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung ist ebenso gesunken wie die Arbeitslosenquote – die Nachwehen der Corona-Pandemie scheinen überwunden. Doch trotz dieser positiven Entwicklung sind Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt weiterhin strukturell diskriminiert. Nicht nur konjunkturelle Schwankungen, sondern vor allem die unzureichende Einstellungsbereitschaft von Unternehmen stehen einer wirklichen Verbesserung entgegen. Nach wie vor beschäftigt mehr als ein Viertel der dazu verpflichteten Betriebe in Deutschland keine Menschen mit Behinderung.

Konjunkturelle Schwäche: Neuer Rückschlag für Inklusion

Insgesamt zeichnet das elfte Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institutes ein gespaltenes Bild. Zwar hat sich die Anzahl der Arbeitslosen mit Behinderung im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent auf 163.507 reduziert, doch die Erholung währt nur kurz: Betrachtet man die Entwicklung im laufenden Jahr, so zeigt sich, dass der Wert seit April wieder höher liegt als im Jahr 2022. „Der konjunkturelle Abschwung ist mittlerweile auch auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Wir rechnen in Deutschland mit einer um 0,5 Prozent schrumpfenden gesamtwirtschaftlichen Leistung, die auch die Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Behinderung einmal mehr eintrübt“, kommentiert Prof. Dr. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes.

Keine Gleichberechtigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Obgleich die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderung 2022 auf einen Tiefstwert von fast 11 Prozent gesunken ist, liegt sie noch immer mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Quote – die zudem im Vergleich stärker sinkt. Der Anteil der langzeitarbeitslosen Menschen mit Behinderung hat sich leicht auf rund 46 Prozent verbessert, doch vergrößert sich auch hier der Abstand zu langzeitarbeitslosen Menschen ohne Behinderung. Zudem stagniert die Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit, die einen weiteren Missstand in puncto Chancengleichheit beschreibt: Menschen ohne Behinderung haben eine mehr als doppelt so hohe Chance, einen neuen Arbeitsplatz zu finden als Menschen mit Behinderung. „Die Schere muss endlich kleiner denn größer werden, die Verbesserung nachhaltiger. Von einer Gleichberechtigung ist Deutschland noch immer meilenweit entfernt – und das fast 15 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention, die das Recht auf Teilhabe am Arbeitsmarkt beschreibt“, mahnt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch.

Appell an Unternehmen: Einstellungswiderstand überwinden

Entscheidend für die Zukunft der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist die Einstellungsbereitschaft der Arbeitgeber*innen. Auch hier macht sich Ernüchterung breit: Fast 175.000 Unternehmen in Deutschland sind gesetzlich dazu aufgefordert, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Der Anteil der Arbeitgeber*innen, die alle Pflichtarbeitsplätze besetzen, fällt jedoch auf 39 Prozent und markiert damit sogar den niedrigsten Wert seit Erscheinen des ersten Inklusionsbarometers. Keinerlei Menschen mit Behinderung beschäftigt dagegen noch immer mehr als jedes vierte Unternehmen. Für Marx ist das nicht nachvollziehbar: „Wie können Unternehmen es sich in Zeiten des immer brisanter werdenden Fachkräftemangels leisten, so leichtfertig auf die Potenziale von Inklusion zu verzichten? Insbesondere, da wir aus unserer Studienarbeit wissen, dass es unter Menschen mit Behinderung im Vergleich mehr gut qualifizierte Fachkräfte gibt.“

Einheitliche Ansprechstellen für Arbeitgeber*innen als Brückenbauer

Ein wichtiger Hebel können die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber*innen – kurz: EAA – sein, die zum 1. Januar 2022 ihre Arbeit aufnahmen. Sie unterstützen Unternehmen hinsichtlich der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung und sollen eine verlässliche Beratung und Begleitung gewährleisten. Die ersten Erfahrungen sind ermutigend: Im vergangenen Jahr hatten die EAA insgesamt bereits über 10.000 Betriebskontakte.

(RP/PM)

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