Nach Angaben der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2021 leben in Syrien über 28 % der Bevölkerung mit einer Behinderung. In den nördlichen Regionen des Landes, insbesondere im Nordosten, liegt dieser Anteil sogar bei fast 40 % (!). Im Vergleich dazu leben in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung, was etwa 9,5 % der hiesigen Gesamtbevölkerung entspricht.
Die hohen Zahlen Schwerbehinderter in Syrien sind hauptsächlich auf die langjährigen bewaffneten Konflikte zurückzuführen, die zu zahlreichen Verletzungen durch Bombardierungen und Beschuss geführt haben. Zudem verschärft die unzureichende medizinische Versorgung die Situation erheblich. Hinzu kommt, dass das verheerende Erdbeben im Februar 2023 die Zahl der Menschen mit Behinderungen weiter ansteigen ließ. Viele Menschen erlitten schwere Verletzungen, die zu dauerhaften Beeinträchtigungen führten.
Syrien liegt im Nahen Osten und grenzt an folgende Länder: Türkei im Norden, Irak im Osten, Jordanien im Süden, Israel und Libanon im Südwesten. Das Mittelmeer bildet die Westgrenze. Die Flugzeit von Frankfurt nach Damaskus beträgt etwa 4 bis 5 Stunden. Da aktuell kaum Direktflüge nach Syrien angeboten werden, können Flüge mit Zwischenstopps je nach Route deutlich länger dauern (8 bis 12 Stunden oder mehr).
Verheerendes Erdbeben – über 5 Millionen Menschen obdachlos
Am 6. Februar 2023 ereigneten sich im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien zwei verheerende Erdbeben mit Magnituden von 7,8 und 7,5. Das erste Beben um 01:17 Uhr UTC hatte sein Epizentrum nahe der türkischen Stadt Gaziantep, das zweite folgte etwa neun Stunden später. Die Katastrophe führte zu massiven Zerstörungen in beiden Ländern. In Syrien waren insbesondere die Regionen Aleppo, Idlib, Latakia und Hama betroffen. Zehntausende Menschen verloren ihr Leben, und bis zu 5,3 Millionen Menschen wurden Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge obdachlos. Die Infrastruktur, einschließlich Krankenhäusern und Schulen, wurde schwer beschädigt oder vollständig zerstört.
Die humanitäre Lage verschärfte sich durch die bereits bestehenden Herausforderungen des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien. Internationale Hilfsorganisationen standen vor erheblichen Schwierigkeiten, da beschädigte Straßen und Grenzübergänge den Zugang zu den betroffenen Gebieten erschwerten.
Die Kombination aus Krieg, Naturkatastrophen und mangelhafter Gesundheitsversorgung hat zu einer alarmierend hohen Zahl von Menschen mit Behinderungen im Land geführt. Insgesamt benötigen etwa 70 % der syrischen Bevölkerung humanitäre Hilfe. Darauf weist die Organisation Handicap International hin.
So schwer haben es Menschen mit Behinderung in Syrien
Menschen mit Behinderungen und ihre Familien in Syrien stehen vor individuell kaum lösbaren Aufgaben. Zu den Hauptproblemen zählen:
Eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung: Die Zerstörung von Gesundheitseinrichtungen und der Mangel an medizinischem Personal erschweren es Menschen mit Behinderungen, notwendige Behandlungen und Therapien zu erhalten. Laut Handicap International sind nur noch 60 % der Krankenhäuser in Betrieb, was die Versorgungslage weiter verschlechtert.
Soziale Isolation und Diskriminierung: In der syrischen Gesellschaft erfahren Menschen mit Behinderungen häufig Ausgrenzung. Der Krieg hat diese Isolation verstärkt, da viele Betroffene aufgrund von Mobilitätseinschränkungen nicht fliehen oder an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen können. Initiativen wie das Amalouna-Zentrum in Ariha versuchen, durch Bildung und psychosoziale Unterstützung die soziale Eingliederung zu fördern.
Gefahr durch explosive Kriegsreste: Große Teile Syriens sind mit Blindgängern und anderen explosiven Überresten kontaminiert. Menschen mit Behinderungen sind besonders gefährdet, da sie oft nicht in der Lage sind, schnell auf Gefahren zu reagieren oder gefährdete Gebiete zu meiden. Im Jahr 2022 wurden durchschnittlich 76 Unfälle pro Tag mit Blindgängern verzeichnet.
Mangel an humanitärer Hilfe: Obwohl 70 % der syrischen Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, haben Menschen mit Behinderungen oft keinen gleichberechtigten Zugang zu dieser Unterstützung.
Die Kombination dieser Faktoren führt dazu, dass Menschen mit Behinderungen in Syrien zu den am stärksten gefährdeten Gruppen gehören.
Assads Verbrechen, Ende und Flucht
Eine Allianz islamistischer Rebellengruppen, angeführt von Hay’at Tahrir al-Sham (HTS), startete in den vergangenen Tagen eine überraschende Offensive und eroberte mehrere bedeutende Städte, darunter Aleppo, Hama und Homs. Am 8. Dezember 2024 drangen die Rebellen in die Hauptstadt Damaskus ein, was zum Sturz des langjährigen Präsidenten Baschar al-Assad führte.
Baschar al-Assad wird für zahlreiche schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen während des syrischen Bürgerkriegs verantwortlich gemacht. Sein Terrorregime wurde offen durch Russland und Iran unterstützt.
Mehrfach wurde das Assad-Regime des Einsatzes von Giftgas beschuldigt, darunter der verheerende Angriff auf Ghuta im August 2013, bei dem Hunderte Zivilisten ums Leben kamen. Systematische Folter und Massenhinrichtungen: In Gefängnissen wie dem berüchtigten Sednaya wurden Tausende Häftlinge gefoltert und hingerichtet. Zwischen 2011 und 2016 sollen dort etwa 13.000 Menschen getötet worden sein. Perfide waren auch Belagerungen und Hungertaktiken: Städte wie Aleppo und Homs wurden belagert, wobei die Zivilbevölkerung gezielt von lebenswichtigen Gütern abgeschnitten wurde, um sogenannte „Widerstandsnester“ auszuhungern. Wahllose Bombardierungen (Einsatz von Fassbomben und anderen nicht präzisionsgelenkten Waffen in dicht besiedelten Gebieten) führte zu massiven zivilen Verlusten und Zerstörungen.
Nach dem Sturz seines Regimes ist Assad nach Russland geflohen, das ihm aus „humanitären Gründen“ Asyl gewährte.
Syrische Flüchtlinge in Deutschland
Trotz der furchtbaren Situation in Syrien gibt es in Deutschland nach einer anfänglichen „Welcome“-Kultur wenig Verständnis für Flüchtlinge aus diesem Land. In Deutschland leben derzeit rund 974.000 Menschen mit syrischer Herkunft (das entspricht ungefähr 3,9 % der syrischen Bevölkerung). Davon besitzen etwa 321.000 den Flüchtlingsstatus, während rund 329.000 subsidiären Schutz genießen. Im Jahr 2024 wurden bis Ende November etwa 75.000 Asylanträge von syrischen Staatsangehörigen gestellt, was Syrien zum häufigsten Herkunftsland von Asylbewerbern in Deutschland macht.
In Deutschland hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) heute als Reaktion auf die unklare politische Situation in Syrien bekannt gegeben, alle Entscheidungen über Asylanträge von syrischen Staatsbürgern vorerst auszusetzen. Diese Maßnahme betrifft insgesamt 47.270 Anträge, davon rund 46.000 Erstanträge.
Überlebt
Menschen mit syrischer Herkunft, die trotz ihrer Behinderung überlebt haben.
Nujeen Mustafa
Geboren 1999 in Kobanî, Syrien, lebt Nujeen mit einer spastischen Lähmung. 2015 floh sie im Rollstuhl gemeinsam mit ihrer Schwester nach Deutschland. Heute setzt sie sich als Botschafterin für die Initiative „Empowerment Now“ von Handicap International für die Rechte geflüchteter Menschen mit Behinderung ein.
Anas Al Khalifa
Geboren 1993 in Hama, Syrien, floh Anas 2015 nach Deutschland. Nach einem Arbeitsunfall 2018, der ihn auf einen Rollstuhl angewiesen machte, begann er mit dem Parakanu-Sport. 2021 nahm er als Teil des Refugee Paralympic Teams an den Paralympischen Spielen in Tokio teil.
Ibrahim Al Hussein
Geboren 1988 in Syrien, verlor Ibrahim während des Krieges einen Teil seines rechten Beins. Er floh nach Griechenland und wurde Schwimmer. 2016 repräsentierte er das Independent Paralympic Athletes Team bei den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro.
Faysal Bayrakdar
Nach seiner Flucht aus Syrien und trotz einer Behinderung, die sein rechtes Bein betrifft, erfüllte sich Faysal in Nürnberg den Traum, Bademeister zu werden. Seine Geschichte steht für gelungene Integration und persönlichen Erfolg.
(RP)
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