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Im Rolli und Internet auf der Suche nach Mr. Right

Birgit Lind ist 56 Jahre alt, hat Multiple Sklerose und arbeitet als freie Journalistin. Hier berichtet sie von ihren Abenteuern, die sie als Single im Netz erlebte.

Man sieht die beiden Hände einer Frau, die die Tastatur eines Laptops bedienen. Auf dem Bildschirm mit durchgängig rotem Hintergrund sieht man in weiß ein Herz in eienr Sprechblase und darunter den Text „Find Mr. Right“.
(Foto: Shutterstock)
Auch auf dem ROLLINGPLANET vergeht die Zeit rasend schnell. In unserer Rubrik „Best of“ veröffentlichen wir regelmäßig Beiträge, die schon einige Jahre alt sind – aber die wir immer noch lesenswert finden oder/und die über ein wichtiges Thema oder Ereignis berichten.
Dieser Beitrag erschien erstmals am 9. August 2012.

„Nein, ich suche nicht, ich lasse mich finden“, habe ich mir zuversichtlich eingeredet, nachdem die letzte langjährige Partnerschaft zu Ende gegangen war. Man trennt sich in friedlichem Einvernehmen und wünscht sich gegenseitig ein schönes Leben. So etwas passiert doch jeden Tag, oder?

Eines vorweg: Ich bin doppelt gehandicapt. Mit Multiple Sklerose und Rolli habe ich mich recht gut arrangiert. Schlimmer ist die fürchterliche Angst vorm Alleinsein, die ich irgendwie Zeit meines Lebens mit mir herumschleppe.

Wie groß war die Überraschung, als ich im Winter 2008 beim „Nach-Hilfsmitteln-Googeln“ zufällig auf „handicap-love“, die „seriöse Partnerbörse für Menschen mit Behinderung“ stieß! Sowas gibt’s auch? Genial! Also loggte ich mich ein, erstellte ein – offenes und ehrliches – Profil mit Foto und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Nur nicht suchen, sich FINDEN lassen! Und mein Postfach füllte sich! Binnen kürzester Zeit erfuhr ich, dass ich sympathisch sei, attraktiv und eine charismatische Ausstrahlung besäße.

Birgit Lind im Rollstuhl, mit übereinander geschlagenen Beinen

Birgit Lind (Foto: Privat)

Frauen haben auch innere Werte…

Okay, Männer, aber ich habe da auch noch so zwei, drei innere Werte… Da waren Herren, die sich mir gleich mitsamt Haus und Hof anpriesen (geht das nicht ein bisschen ZU schnell?), andere, die weder bildungs-, interessen- noch altersmäßig zu mir passten bis hin zur richtig dummen Anmache derer, die „nur“ die Fotos betrachten, aber zu faul sind, Profile durchzulesen.

Gut, jeder hier hat sein Päckchen zu tragen und verdient Respekt, dachte ich und antwortete auf „nicht passende“ Anfragen freundlich, aber bestimmt: Danke für deine Nachricht! Gerne können wir uns schreiben, aber eine Beziehung ist leider nicht möglich. Und schwupps – waren die meisten dann auch ganz schnell verschwunden.

Es war eine interessante, spannende Zeit. Erstaunt stellte ich fest, dass sich eine Menge „Ungehandicapter“ im Forum tummeln, die gerne in ihrem Profilstatus „getrennt“ angeben, jedoch verheiratet sind!

Treffen mit unterschiedlichem Ausgang

Und dann schrieben mich einige dieser „getrennt Lebenden“, gesunden, sportlichen, beruflich erfolgreichen Männer an, die mich als Frau im Rolli – man höre und staune – attraktiv finden! Vom hohen Norden bis in die Schweiz. So lernte ich den einen oder anderen „Kandidaten“ persönlich kennen.

Manche waren „Eintagsfliegen“, nettes Essen im Restaurant, Höflichkeiten austauschen und…tschüss! Aber es hat sich auch die eine oder andere wirklich tolle Freundschaft ergeben.

Mehr nicht, denn… kein Herr im fortgeschrittenen Alter hat die Ambition, seine gesicherten wirtschaftlichen Verhältnisse aufzugeben oder gar die Ehefrau zu verlassen für ein neues Leben mit einer Rollifahrerin.

Endlich: Mr. Right & Perfect!

Und dann kam „ER“: Mr. Right & Perfect! Unternehmer aus Niedersachsen, attraktiv, nett, geschieden. Klare Absprache: Nach meinem Umzug an den Rhein, den ich gerade plante, erst mal eine Weile Fernbeziehung und dann wird’s ernst! Jedoch neigte der Herr dazu, Verabredungen nicht einzuhalten („die viele Arbeit in der Firma…, sorry, mein Herz, ich komme hier gerade nicht weg…“).

Im frostig-kalten Februar 2010 habe ich es alleine geschafft, mit Sack und Pack und Rolli von Stuttgart nach Mainz umzuziehen. Der Niedersachse hielt weiterhin keine Verabredung ein, dümpelte aber tagtäglich stundenlang in besagter Partnerbörse. Zweimal in eine „Geschäftsreise“ eingebaut, reichte es dann gerade mal zu zwei gemeinsamen Abendessen, danach wieder Funkstille. Inzwischen ist der Herr ganz von der Bildfläche verschwunden. Schlimmer noch, es stellte sich heraus, dass er gleichzeitig auf mehreren Hochzeiten tanzte. Und da ist er bei Weitem nicht der Einzige!

Keinen Freund, aber eine Freundin gefunden

Meine Erkenntnis: C’est la vie! Ich komme doch wunderbar zurecht, jobbe wieder als freie Journalistin, habe organisatorisch alles im Griff. Aber leider… nichts macht alleine wirklich Spaß. Alleine frühstücken, unterwegs sein, abends vor dem Fernseher hocken, alles nicht so prickelnd. Und der Wunsch, einmal in den Arm genommen zu werden und sich so richtig fallenlassen zu können… Abschließende Feststellung: Wenn auf jedes Töpfchen ein Deckelchen passt, dann bin ich wohl ein Wok!

Ach ja, noch was zur Handicap- Partnerbörse: Immerhin habe ich über sie meine beste Freundin gefunden. Ebenfalls Single, MS, Rolli und wohnt gleich drüben auf der anderen Rheinseite in Wiesbaden!

Dieser Bericht ist erstmals bei „dabei“, dem Magazin der DMSG Hessen, erschienen. Wir veröffentlich ihn mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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