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Hey, Spasti! So erlebe ich Diskriminierung im Alltag

Was nützen die besten Gesetze, wenn man sie nicht anwendet? fragt sich ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer, der immer wieder Beleidigungen und Benachteiligungen erlebt.

ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer
ROLLINGPLANET-Kolumnist Lorenzo Mayer (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht möchte jetzt diskriminierende Sprache unter Strafe stellen beziehungsweise hohe Strafen für hetzerische Beleidigungen anstreben. Sowas ist sehr löblich und schön, aber ich bezweifele stark, ob die „Täter*innen“ sich davon beeindrucken lassen. Es gibt ja jetzt auch schon Mobbing-Gesetze. Und nichts passiert. Klar brauchen wir härtere Gesetze gegen Diskriminierung, aber was nützen die besten Gesetze, wenn man sie nicht anwendet?

„Warum immer dieser Hass?“

Da stellt sich mir auch die Frage: Warum gibt es Diskriminierung und Mobbing im Alltag überhaupt? Wieso dieser Hass? Besonders in den sozialen Medien. Das kann ich nicht verstehen. Wenn ich zum Beispiel die Fotos einer Influencerin, einem Influencer oder einer anderen Person nicht mag, folge ich doch einfach nicht!

Wozu braucht es dann noch Hasskommentare? Weil es Spaß macht? Die Influencer*innen und Blogger*innen stehen zwar in der Öffentlichkeit, aber das heißt doch nicht, dass man respektlos gegen sie sein darf. Man kann ja durchaus seine Meinung oder Kritik äußern, aber eben immer nur sachlich.

Mobbing und Hasskommentare können dramatische Folge haben – sogar Selbstmord, wie ein neuer trauriger Fall einer Influencerin vor ein paar Monaten zeigte. Das macht mich wirklich betroffen! Mobbing ist genauso schlimm wie körperliche Gewalt oder nicht? Beispiele gibt es ja genug.

„Ich höre öfter: Hey Spasti!“

Ich als Behinderter erlebe auch immer wieder Diskriminierung. Und das macht mich traurig. Ich höre öfter „Hey Spasti“ oder „Vollspast“ und ein mieses Lachen hinter mir. Oder ich werde nur dumm angeglotzt, als ob ich die Pest hätte. Ja, das ist auch eine Art von Kränkung. Dabei gehört Spasti zum normalen Sprachgebrauch unter Jugendlichen. Wenn sich einer komisch bewegt, ist er ein Spasti. Sowas ist aber für mich nicht witzig.

Wenn ich solche Worte auf der Straße höre, versuche ich schnell aus der Situation zu flüchten. Mehr kann ich leider nicht machen. Ich kann nicht aktiv sprechen. Wenn ich es könnte, hätte ich einen passenden Spruch auf Lager.

Ich bewege mich aufgrund meiner Behinderung vielleicht etwas komisch. Was ist so interessant daran? Kann einer mir das mal sagen? Ich habe nur eine Behinderung und mehr nicht. Nein, ich bin auch nicht blöd im Kopf, auch wenn ich nicht aktiv sprechen kann!

Im Netz oder in den sozialen Medien habe ich Mobbing noch selten erlebt, aber das liegt wahrscheinlich nur daran, dass mein privater Blog und ich noch nicht so bekannt sind. Sobald das sich ändert, werde ich auch Hasskommentare bekommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – leider. Bekannt oder gar berühmt zu sein muss aber doch nicht mit Diskriminierung bezahlt werden müssen, oder?

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„Viele Frauen wollen einen nichtbehinderten Versorger“

Auch in der Liebe erfahre ich so eine Art von Diskriminierung. Viele Frauen sehen nur die Behinderung und nicht den Menschen dahinter. Sie wollen oft auch nur einen „nichtbehinderten“ Versorger. Oder sie haben Angst vor der angeblichen Belastung oder davor, was ihre Familie und Freunde sagen. Dabei brauche ich im Alltag wirklich nur minimale Hilfe. Und ich kann außerdem auch viel Hilfe geben. Ich bin ziemlich stark, auch wenn man es nicht so direkt sieht. Das ist zwar keine offene Diskriminierung, aber für mich fühlt es sich gleich so an.

„Auch beruflich erlebe ich Diskriminierung“

Und beruflich erlebe ich es auch. Seit fast drei Jahren bin ich wieder arbeitslos und kein neuer Job ist in Sicht. Wegen meiner schweren Behinderung bekomme ich auf dem Arbeitsmarkt eigentlich keine faire Chance. An meiner guten Schulbildung und Ausbildung kann es ja nicht liegen. Ich habe schließlich Fachabitur und bin gelernter Bürokaufmann. Das Fachabitur machte ich auf einer normalen Höheren Handelsschule. Wahrscheinlich haben Personalchefs Scheu davor, sich mit der Situation von Behinderten auseinanderzusetzen. Wer weiß das schon so genau? Ich gebe auf jeden Fall nicht auf. In der Liebe auch nicht. Irgendwann finde ich schon mein Glück.

Gegen Diskriminierung kämpfe ich unabhängig davon hier auf ROLLINGPLANET, auf meinem Blog, in der lokalen Politik und im Alltag unbeirrt weiter. Wie es bisher läuft, darf es eindeutig nicht weitergehen.

Lorenz(o) Mayer (45) kommt aus Alveslohe in Schleswig-Holstein, ist teilweise spastisch gelähmt und kann nicht sprechen. Auf seinem Blog Lorenzos Welt schreibt er über die allgemeinen Dinge der Welt und setzt sich für Inklusion und Barrierefreiheit ein.

Alle Kolumnen von Lorenzo Mayer auf ROLLINGPLANET
2 Kommentare

2 Comments

  1. Marita Beine

    16. August 2021 um 14:47

    Hallo Lorenz, das hast wieder mal sehr gut zusammengefasst. Leider ist die Diskriminierung von Behinderten sehr hoch. Ich persönlich finde das schlimm.

    • Lorenzo

      21. August 2021 um 10:48

      Danke, Marita. 🙂

      Ja, leider 🙁 Aber ich kämpfe weiter!

      Lorenzo

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