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Gesellschaft & Politik

Gehörloser Aktivist tritt in den Hungerstreik

Steffen Helbing protestierte bereits im Oktober vor dem Bundestag für bessere Teilhabe von Hörgeschädigten. Nun geht er einen drastischen Schritt weiter. Von ROLLINGPLANET-Redakteur Fabian Fuchs

Steffen Helbing mit seiner Frau vor dem Bundeskanzleramt. Im Pagodenzelt will er bis zu vier Wochen in den Hungerstreik gehen.
Steffen Helbing mit seiner Frau vor dem Bundeskanzleramt. Im Pagodenzelt will er bis zu vier Wochen in den Hungerstreik gehen. (Foto: privat/Facebook)

Die UN-Behindertenkonvention ist hierzulande bereits seit 2009 in Kraft. Bund und Länder verpflichteten sich, eine Benachteiligung von Menschen mit Behinderung zu verhindern und geeignete Maßnahmen für die vollständige Teilhabe zu treffen. Dazu gehört auch, dass nach Willen der Konvention für Hörgeschädigte Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung gestellt werden sollen – sowohl im privaten Bereich als auch für ein inklusives Bildungssystem von Grund- bis Hochschulbildung. Bis heute hat sich wenig verbessert, beklagen gehörlose Aktivisten.

„Große Koalition hat versagt“

Einer von ihnen ist Steffen Helbing, der seit seiner Geburt gehörlos ist und sich mit Gebärdensprache verständigt. Aufgrund eines Arbeitsunfalls ist zudem sein linker Arm gelähmt und er auf einen Rollstuhl angewiesen. Seither ist Helbing nicht mehr arbeitsfähig. Er „ist ein kommunikativer, enthusiastischer Typ“, beschreibt die taz den gelernten Modellbauer, der mit 18 Jahren aus Ost-Berlin in den Westen geflüchtet war.

Seit 16 Jahren ist Helbing aktiv in der Politik und war unter anderem Bundestags- und Europaparlamentskandidat der CDU Berlin. Seit Oktober 2018 war er im Vorstand des Deutschen Gehörlosen-Bundes (DGB), trat jedoch im Februar dieses Jahres als 2. Vorsitzender zurück.

Vor der Bundestagswahl, Anfang Oktober, machte Helbing vor dem Bundestag auf die Situation der Gehörlosen in Deutschland aufmerksam. In 16 Jahren CDU-geführter Regierungen hat sich seiner Aussage nach zu wenig verbessert. Der 51-Jährige kündigte an, dass er in den Hungerstreik treten werde, falls die Bundespolitiker ihn und sein Anliegen ignorieren.

Seine zentralen Forderungen:

  • Recht auf Kommunikationsassistenz im privaten Bereich in Form von Schreibkorrekturen
  • Gleichhohes Gehörlosengeld von 1.185 Euro in allen Bundesländern
  • Projekte für Menschen mit Hörbehinderung fördern
  • Bedingungslose und einkommensunabhängige Kostenübernahme für Kommunikationsassistenz oder Gebärdensprachdolmetscher zum Zugang zu öffentlicher, politischer und kultureller Teilhabe
  • Recht auf Kommunikationsassistenz für private Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
  • Fonds aus staatlichen Geldern zur Absicherung der Kommunikation mittels Dolmetschenden
  • Recht auf Bildung in allen Lebenslagen ohne kommunikative Barrieren

Kampf für selbstbestimmtes Leben

Seit gestern macht Helbing ernst: Er befindet sich nun tatsächlich im Hungerstreik.

„Damit wir Menschen mit Hörbehinderung selbstbestimmt am Leben teilhaben können, benötigen wir Gebärdensprachdolmetscher*innen und Kommunikationsassistent*innen für eine barrierefreie Kommunikation. Dies ist noch immer nicht in allen Bereichen selbstverständlich. Damit sich endlich etwas ändert, müssen wir kämpfen!“,

begründet Helbing sein Vorgehen in einer Mitteilung.

In einem Pagodenzelt mit festen Wänden und Türen will er die nächsten Wochen vor dem Kanzleramt wohnen und dauerhaft rund um die Uhr Mahnwache halten. Den Hungerstreik will er bis zu vier Wochen fortführen.

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Ganz unbekannt kommt einem die Aktion nicht vor: Im September hatte ein Hungerstreik von sieben Umweltschutzaktivisten am Kanzleramt bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Der Streik hatte am 30. August in der Nähe des Berliner Reichstagsgebäudes begonnen. Die Klimaaktivisten forderten ein öffentliches Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grünen sowie die Einsetzung eines Klima-Bürgerrats. Der Protest endete nach drei Wochen, nachdem die Spitzenkandidaten Armin Laschet (CDU/CSU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) Einzelgespräche nach der Wahl angeboten und ein Ende der Aktion gefordert hatten.

So viel Aufmerksamkeit würden sich auch Helbing und mit ihm viele andere gehörlose Menschen wünschen.

(RP)

Lesen Sie auch das ROLLINGPLANET-Interview mit Steffen Helbing: Warten auf Olaf Scholz – Helbing will seine Aktion erst beenden, wenn der vermutlich nächste Bundeskanzler mit ihm spricht.

Veröffentlicht auf

ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

1 Kommentar

1 Comment

  1. Olivia

    22. Oktober 2021 um 9:39

    https://rollingplanet.de/gehoerloser-aktivist-tritt-in-den-hungerstreik/

    Steffen und Gerlinde Helbing kämpfen wegen für uns Gerechtigkeit.
    Er wird diesen Monat keine Mahlzeiten und Er strikt wegen Hungerstreik. Er ist ein starke Kämpfer auch wegen Unwetter .
    In diesen Pavillon – Raum ist ein verdammten langen Tagen zum bewohnen und ich kann nicht vorstellen . Ich und mein Mann denken an Euch und wir haben selbstverständlich gespendet . Wir hoffen , dass ihr gut geht , wegen Hungerstreik . Machen wir uns sorgen wegen Steffen Helbing. Ich wünsche euch schönen Wochenende noch .
    Verdammten lange Tagen kämpfen die beiden . Hut ab .

    Sendet aus Hamburg liebe grüße Olivia und Ralf

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