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Gesellschaft & Politik

Gebärdensprach-Avatare: KOGEBA nimmt erneut Stellung

Das Kompetenzzentrum Gebärdensprache Bayern zeigt anhand von zwei Beispielen, dass Technik nicht den allgemeinen Mangel an Gebärdensprachdolmetschern nicht ersetzen kann.

Gebärdensprache
(Symbolfoto: Shutterstock)

In der Stellungnahme von KOGEBA e.V. vom 24.11.2023 zu Einsätzen der Avatare in Gebärdensprache wurden besonders die ethischen Bedenken hervorgehoben. Dadurch, dass der Eindruck vermittelt wird, Gebärdensprach-Avatare wären die beste Lösung, da sie schnell und langfristig kostengünstig umzusetzen seien, vor allem, weil im Allgemeinen ein Mangel an Gebärdensprachdolmetschenden besteht, ist die Gefahr eines „Missbrauches“ besonders hoch.

So hat die oben genannte Stellungnahme viel Diskussionsbedarf hervorgerufen. Es wird nochmal durch KOGEBA betont, dass die verschiedenen Aspekte durch die digitale Diskussionsveranstaltung vom 21.06.2023 und im Konsens der aufgelisteten Verbände erarbeitet wurden.

Mit der Stellungnahme werden zwei Beispiele von vielen Beispielen der Umsetzung der Übersetzung durch Gebärdensprach-Avatare aufgezeigt, und der Einsatz der Gebärdensprach-Avatare beim Zeppelinmuseum sowie den Avatar-Baukasten in vielen Kommunen mit tauben Expert*innen näher beleuchtet.

Beispiel 1: Zeppelin Museum

Das Zeppelin Museum hat im Frühjahr 2023 in seiner gebärdensprachlichen Version2 der Webseite vierzehn Videos mit Gebärdensprach-Avataren veröffentlicht. Die Themen reichen von einem Begrüßungsvideo, Lage- und Wegbeschreibungen über Erläuterungen zur App bis hin zur Kunstsammlung und den Zeppelinen selbst. Das ist ein breites Spektrum und auch eine großeHerausforderung, weil viel Fachwissen und translatorische Kompetenz nötig sind, um solche Sachverhalte in Gebärdensprache zu vermitteln.

Leider liegen uns keine Ursprungstexte für die Übersetzungen vor, so dass wir die Qualität der translatorischen Leistung nicht überprüfen können. Daher liegt unser Fokus mehr auf der optischen Erscheinung wie auch der Verständlichkeit der Gebärdensprach-Avatare.
Es ist sofort ersichtlich, dass es sich um eine Kunstfigur handelt. Viele Gebärden sind unstimmig und somit oft nicht verständlich. Bei den Gebärden ist auch festzustellen, dass viele Handstellungen oder Ausführungen sehr ungenau oder schlichtweg falsch sind. Es sind technische Fehler festzustellen. Es gibt einige Stellen, an der der Avatar mal nach rechts und mal nach links verweist.

Das Mundbild der Gebärdensprach-Avatare ist nicht gut umgesetzt worden, zum einen wurden zu viele Grimassen, zum anderen zu komische Zungenbewegungen und unterschiedliche Darstellungen des Mundbildes gezeigt. Zuweilen verdecken die Ausführungen in Gebärdensprache den Mund. Für taube Menschen, die viel auf den Mund sehen, da das für sie bei der Kommunikation ein essenzielles Verständnis bedeutet, ist es daher sehr schwer verständlich. Oft sehen die Augen der Gebärdensprach- Avatare ins Leere, was dann unnatürlich und befremdlich wirkt. Obwohl die meisten Videos nicht von langer Laufzeit sind, ist es aufgrund der vielen Unzulänglichkeiten mühsam, sie bis zum Ende anzuschauen. Es ist anhand dieser nur exemplarischen Aufzählung erkennbar, wie viele Fehler noch vorhanden sind. Im Anhang kann man die angesprochenen Merkmale und Auffälligkeiten explizit mit Angabe von Time Codes der Videos nachvollziehen.

„Es stellt sich hier die Frage, ob es generell Qualitätskontrollen gab und ob es eine Endabnahme von qualifizierten, tauben Personen gab. Es erscheint unvorstellbar, dass eine taube Person solche Videos mit gutem Gewissen für eine Veröffentlichung freigibt.
Schlussfolgernd ist dringend von solchen Übersetzungen in Gebärdensprache mittels eines Gebärdensprach-Avatars in Museen abzuraten. Man tut weder den tauben Besucher*innen noch den Museen mit ihrem wichtigen Anliegen einen Gefallen.“

Einem Gebärdensprach-Avatar über mehrere Minuten zu folgen ist sehr ermüdend. Hingegen ist eine taube Person mit lebendigen Gebärden zur Übermittlung umfangreicher und fachlicher Informationen vor allem mit Interaktion wesentlich besser geeignet. Insbesondere, wenn es sich dabei um einen ausgebildeten Museum-Signer oder eine Museum-Signerin handelt, was der Gehörlosenverband München und Umland e.V. vorbildlicher Weise auf die Beine gestellt hat. Hörenden Besucher*innen wird ja auch nicht zugemutet, einem mehrminütigen Text mit einer computergenerierten Stimme zuzuhören – und sie würden es auch nicht akzeptieren, wenn dem so wäre.
In einem Museum geht es darum, Wissen möglichst lebendig zu vermitteln und Neugierde zu wecken. Das ist mit einem Gebärdensprach-Avatar nicht möglich. Wir wissen, dass die Museen das Ziel haben, alles inklusiv und barrierefrei zu gestalten. Auch soll dem Zeppelin-Museum hier kein Vorwurf gemacht werden, da man sich um einen barrierefreien Zugang zu den Inhalten mittels der Videos bemüht hat. Audioguides (sei es speziell für Blinde oder auch für hörende Museumsbesucher*innen) werden nicht umsonst auch von professionellen Sprechenden eingesprochen, um das Hörerlebnis möglichst angenehm zu gestalten.

So soll für taube Besucher*innen hier der gleiche Standard angesetzt werden. Insgesamt ist der Einsatz der Gebärdensprach-Avatare bei Museen als sehr kritisch zu betrachten, bzw. abzulehnen.

Beispiel 2: Der kommunale Gebärdensprach-Avatar (KGA)

Seit nahezu zwei Jahren wirbt die Firma Charamel aggressiv mit Webinaren zu ihrem kommunalen Gebärdensprach-Avatar. Nebenbei ist zu erwähnen, dass am Anfang bei der Einladung zu den Webinaren bezüglich den KGA nicht an Barrierefreiheit gedacht wurde, so gab es auch keine Übersetzung in Gebärdensprache. Viele taube Personen waren bei solchen Seminaren dabei, worauf sie sich erstaunt äußerten, mit welchen ambitionierten Zielvorgaben hier geworben wurde. Nun sind die ersten Ergebnisse auf dem Markt.

Auf der Webseite zum kommunalen Gebärdensprach-Avatar3 findet man derzeit die Namen von 70 Kommunen vor. Die Recherchen haben ergeben, dass bereits 23 Kommunen auf ihren Websites einen Gebärdensprach-Avatar einsetzen und weitere vier haben es für die nächste Zeit angekündigt. Nahezu alle haben sich hierbei eine Übersetzung für die “Datenschutzerklärung” und für die “Erklärung zur Barrierefreiheit” entschieden. Diese Videos wurden überprüft. Offenbar wird mit einer Textvorlage gearbeitet und die Kommunen stellen sich das dann selbst zusammen – zumindest wird das so als Baukasten-System angepriesen.

Wir haben im weiteren Verlauf und auch im Anhang exemplarisch die Stadt Gronau ausgewählt undstellen anhand deren Videos die Kritikpunkte zusammen. Sie lassen sich im Wesentlich aber auch auf die Videos der anderen Kommunen übertragen.

Vier Kernforderungen

Das Kompetenzzentrum Gebärdensprache beschreibt seine vier zentralen Forderungen:

  • Ein grundlegendes Umdenken ist erforderlich, um eine uneingeschränkte Selbstbestimmung ohne Diskriminierung zu ermöglichen. Der Staat muss in die Pflicht genommen werden, diese Umsetzung in enger Zusammenarbeit mit den Gehörlosenverbänden voranzutreiben.
  • Es ist festzulegen, dass als erste Grundlage immer Präsenzdolmetschende bzw. Native Signers mit Qualifikation eingesetzt werden müssen.
  • Eine Qualitätssicherung der barrierefreien Digitalisierung mit Deutscher Gebärdensprache ist stets unter Beteiligung von tauben neutralen Expert*innen festzuhalten.
  • Eine klare, genaue Abgrenzung zwischen technischen Einsätzen wie Avatare und Native Signern mit Qualifikation muss festgelegt werden. Beispielsweise können Gebärdensprach-Avatare für kurze Infos wie Bahnhofsdurchsagen eingesetzt werden, aber für Textübersetzungen sind Gebärdensprach-Avatare nicht prädestiniert.

(RP/PM)

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