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Ferland Mendy: Fußball statt Rollstuhl – ein königliches Märchen

In der Nachbarschaft gab es einen Platz hinterm Haus. Es war ein Acker aus Steinen, mit Toren, ohne Netze. Dort, im französischen Meulan-en-Yvelines, begann vor über 20 Jahren eine ungewöhnliche Fußballerkarriere. Von ROLLINGPLANET-Autor Tino Böhler

Ferland Mendy schießt den Ball.
Ärzte hatten ihm prognostiziert, dass er möglicherweise sein Leben im Rollstuhl verbringen müsste: Ferland Mendy (Foto: IMAGO/Revierfoto)

Als der spanische Fußball-Rekordmeister Real Madrid im Juni 2019 den französischen Verteidiger Ferland Mendy verpflichtete, war das nach Eden Hazard (für rund 100 Millionen vom FC Chelsea) und Luka Jovic (für rund 60 Millionen Euro) der dritte Neuzugang für die Königlichen. Der französische Linksverteidiger kam für eine Ablösesumme von – in den Medien kolportierten – 50 Millionen Euro von Olympique Lyon. Tagesgeschäft im europäischen Fußball? Doch nicht ganz.

Mendy musste sogar eine Amputation befürchten

Der 1995 als Ferland Sinna Mendy geborene französische Nationalspieler wuchs gemeinsam mit sieben Geschwistern in der Region Île-de-France nördlich von Paris auf. Bereits 2004, im Alter von neun Jahren, wurde der talentierte Nachwuchskicker in die Jugendabteilung von Paris Saint-Germain aufgenommen. Doch ein paar Jahre später zeigte ihm das Leben die gelbe Karte: Aufgrund einer Hüft-Operation wegen Arthritis konnte der Teenager nicht mehr gehen und war auf den Rollstuhl angewiesen.

Nach zwei Monaten im Pariser Necker-Krankenhaus mit zwei eingegipsten Beinen startete Mendy noch im gleichen Jahr die Rehabilitation im „Bullion Center“ – 50 Kilometer südwestlich von Paris – und damit begann eine ganz unglaubliche Kickerlaufbahn. „Bei Bullion konnte ich den Gips entfernen. Aber ich bin lange nicht gelaufen. Ich war eine ganze Weile im Rollstuhl“, erinnert sich Mendy. Selbst über Amputation sei geredet worden. Mendys großes Ziel war ernsthaft in Gefahr, aber Aufgeben war für den begnadeten Verteidiger keine Alternative. Im Leben nicht.

„Ich dachte, ich könnte meinen Traum nie erfüllen. Da verstand ich, dass ich lernen musste, wieder zu gehen“,

so Mendy rückblickend. „Ich verbrachte etwa vier oder fünf Monate in der Rehabilitation. Nach einem Monat lernte ich wieder zu laufen. Ich musste es aber sehr erzwingen, denn es tat ein oder zwei Jahre lang weh.“ Nicht der einzige Rückschlag für den Sohn senegalesischer Eltern: Bereits als Mendy elf Jahre alt war, verlor die Familie den Vater. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem jungen Ferland. Das sollte sich aber ändern.

Das sagt ein Mediziner zu dem Fall

Dr. Axel Schlegel, Allgemeinarzt und Sportmediziner in Dresden, schätzt den Fall Ferland Mendy auf Basis der durch die Presse bekannten Information wie folgt ein:

„Der Verlauf klingt eher nach einer aseptischen Hüftkopfnekrose Morbus Perthes. Eine Arthritis kann durch viele Faktoren ausgelöst werden, dazu zählen etwa Rheuma, Bakterien, reaktiv nach Infektionen, bei Gicht oder auch bei Schuppenflechte. Ohne weitere Informationen kann man zu dem Fall des Fußballers Ferland Mendy nichts Genaues sagen. Symptome der Arthritis sind Überwärmung und Schwellungen der Gelenke, Ruhe- und Belastungsschmerzen.

Wenn die Grunderkrankung als Auslöser der Arthritis bekannt ist, kann man sie sehr gut behandeln. So schwere Verläufe, dass sogar eine Amputation in Erwägung gezogen wird, können eigentlich nur bei bakteriellen Infektionen mit Gefahr einer Sepsis (Keimstreuung) auftreten und sind mir persönlich aber nicht bekannt.“

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Der große Real-Traum wird (doch noch) wahr

Ferland Sinna Mendy kämpft sich zurück ins Leben – und damit auf den grünen Rasen. Mit 17 Jahren wechselt er zum französischen Viertligisten Mantois und nur ein Jahr danach zu Zweitligist Le Havre.

„Als ich klein war, liebte ich es, Witze zu machen. Jetzt habe ich die Sprachbarriere, wenn ich Witze machen möchte, aber in Lyon und Le Havre war ich sehr scherzhaft“,

erzählt Mendy über seinen – allen Schicksalsschlägen zum Trotz – nie abhanden gekommenen Sinn für Humor. Kein Scherz dagegen war seine Ligue 1-Premiere im August 2017 bei Olympique Lyon. Ein Jahr später wurde er von Nationaltrainer Didier Deschamps in die Équipe Tricolore berufen.

Eine Fußballsaison später geht es die Karriereleiter weiter nach oben und der große Traum des Ferland Mendy doch noch in Erfüllung: „Mein Kindheitstraum war es, für Real Madrid zu spielen, und am Ende konnte ich es erreichen. Es war eine echte Befriedigung. Es ist ein Traum, für das beste Team der Welt zu spielen. Es gibt nicht viele solche Möglichkeiten im Leben, und wenn man eine bekommt, muss man sie nutzen. Am Tag der Vorstellung war ich sehr nervös, so viele Leute vor mir zu sehen. Es war das erste Mal, dass mir das passiert ist. Als ich auf das Spielfeld vom Bernabéu sprang, war ich beeindruckt.“

Tor von Mendy sichert CL-Sieg in Bergamo

Ferland Mendy im Zweikampf.

Ferland Mendy (l.) zeigte bei seinem Debüt-Spiel gegen Villarreal vollen Einsatz. Am Ende reichte es dennoch nur für ein 2:2. (Foto: BaguxBlanco/BPI/Shutterstock)

Sein offizielles Debüt in der 1. Mannschaft von Real Madrid fand am 1. September 2019 beim Auswärtskick gegen Villarreal statt, an dessen Ende ein mageres 2:2 stand. Bis heute hat Fußballkünstler Mendy in 29 Spielen für Real 2477 Minuten auf dem Platz absolviert und dabei sogar zwei Tore geschossen, darunter das so wichtige 1:0 im Champions League-Spiel gegen Atlanta Bergamo am 24. Februar 2021. Der Treffer des 25-Jährigen fünf Minuten vor Schluss reichte aus, um die erste Hürde auf dem Weg ins Viertelfinale der Königsklasse zu überwinden.

Doch Ferland Mendy gibt sich durchaus auch selbstkritisch: „Wenn ich scheitere, weiß ich genau, wo ich es getan habe. Ich spreche am Ende eines Spiels mit meinen Schwestern und weiß, dass ich in diesen Minuten nicht gut abgeschnitten habe. Ich bin selbstkritisch. Ich weiß, wann ich gut war und wann nicht.“

„Es sind Dinge, die mich mental stärker gemacht haben“

Scheitern kommt aktuell aber eher selten vor bei Ferland Mendy. Bei Real hat er seine fußballerische Heimat gefunden und ist auf der Linksverteidigerposition heute erste Wahl – und dafür sehr dankbar: „Dieses Trikot zu tragen, ist ein Vergnügen und ich werde alles geben, wenn ich es anziehe. Am Ende der Rehabilitation begann ich, auf Krücken zu gehen, und dann wurde mir beigebracht, gerade zu gehen. Ein Jahr später berührte ich einen Ball. Es sind Dinge, die ich nicht vergesse und die mich mental stärker gemacht haben.“

Doch Mendy weiß auch um die Bedeutung von Familie, Freunden und Herkunft für seinen Erfolg: „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in meinem Dorf auf mich achten. Also besuche ich sie von Zeit zu Zeit, weil meine engen Freunde immer noch dort leben. Ich weiß, woher ich komme. Ich komme von unten, aber mit meiner Arbeit und wenn alles gut geht, werde ich das Maximum anstreben, das ich erreichen kann.“

(RP)

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