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Gesellschaft & Politik

„Eigene Kultur und eigene Spiritualität“ in der ersten Gehörlosenpfarrei Deutschland

Im Bistum Trier gibt es die bundesweit einzige Pfarrei von Gehörlosen in der katholischen Kirche: Hier wird in Gebärdensprache gesungen und gebetet. Von Birgit Reichert

Pfarrer Ralf Schmitz feiert den Gottesdienst in Gebärdensprache. Im Bistum Trier gibt es die bundesweit einzige Pfarrei von Gehörlosen in der katholischen Kirche.
Pfarrer Ralf Schmitz feiert den Gottesdienst in Gebärdensprache. Im Bistum Trier gibt es die bundesweit einzige Pfarrei von Gehörlosen in der katholischen Kirche. (Foto: Harald Tittel/dpa)

Die Gemeinde singt. Aber in der Kirche bleibt es still. Ob beim Halleluja oder Gloria: Die Gläubigen in den Bänken bewegen flink ihre Hände und Arme, denn sie singen in Gebärdensprache – also sichtbar, aber nicht hörbar. Die rund 20 Männer und Frauen, die in die Herz-Jesu-Kirche in Trier zum Gottesdienst gekommen sind, sind gehörlos. Sie gehören zu einer besonderen Kirchengemeinde: Der einzigen Pfarrei für gehörlose Menschen in Deutschland.

Nur die Stimme des Pfarrers Ralf Schmitz ist in der Messe zu hören: Er singt, spricht und betet gleichzeitig zur Gebärdensprache – er ist der einzige Hörende in der Gemeinde.

„Es gibt hier eine gleichwertige, ganz andere visuelle Sprache, die unsere Gemeinde kennzeichnet“,

sagt er. Und diese eigene Sprache begründe „eine eigene Kultur und eine eigene Spiritualität“.

Auch ohne Orgelklänge und lauten Chorgesang geht es feierlich zu. Auf dem mit Herbstlaub geschmückten Altar stehen brennende Kerzen, als die Gebärdenkantorin im Gewand vor die Gemeinde tritt. Mit ihren Händen, ihrer Mimik und ihren Lippen trägt sie ausdrucksstark ein Lied vor. Beim Refrain setzen die Gläubigen ein – mit Gebärdensprache. „Mit der Gebärdensprache kann ich genauso gut mit vielen Emotionen in Verbindung mit Gott sein“, sagt Reichertz (67).

Die Frau aus Saarburg, die als Kind durch eine Gehirnhautentzündung ertaubte, ist seit Jahren in der katholischen Pfarrei aktiv. „Es macht mir viel Freude, dass ich gebärdend mitmachen kann“, sagt sie laut Pfarrer Schmitz, der aus der Gebärdensprache übersetzt. Auch Daniel Beinhoff (41), seit kurzem hauptamtlicher Mitarbeiter in der Pfarrei, sagt: „Ich bin hier sehr glücklich.“ Er ist gehörlos und trägt beidseitig Cochlea-Implantate.

Idee stammt aus den USA

Die Gehörlosengemeinde im Bistum Trier war Ende 2000 vom damaligen Trierer Bischof Hermann Josef Spital gegründet worden. Anlass war eine Neuausrichtung der Behindertenseelsorge, erinnert sich Pfarrer Schmitz. Nach einer Reise mit einer Gruppe von Gehörlosen zu Gemeinden ins amerikanische Chicago sei die Idee für eine eigene Gemeinde entstanden. „Sie waren sozusagen unsere Geburtshelfer.“ Die USA seien bei Angeboten für Gehörlose „viel weiter“, sagt Schmitz, der die Gebärdensprache seit 1997 erlernte.

Die gehörlosen Gläubigen verabschieden sich zum Ende des Gottesdienstes in der Herz-Jesu-Kirche mit ihren Hände.

Die gehörlosen Gläubigen verabschieden sich zum Ende des Gottesdienstes in der Herz-Jesu-Kirche mit ihren Hände. (Foto: Harald Tittel/dpa)

Nach kirchlichem Recht ist die Pfarrei eine Personalpfarrei: „Wir haben die gleichen Rechte und Pflichten wie alle Ortspfarreien des Bistums“, sagt Schmitz. Entscheidend für eine Personalpfarrei sei, dass es ein anderes Merkmal als die räumliche Zugehörigkeit gebe, das die Gläubigen verbinde. „Und das ist bei uns die Gebärdensprache.“ Die Pfarrei hat wie andere auch ein eigenes Pfarrbüro, einen Kirchengemeinderat – und eben einen eigenen Pfarrer.

In anderen Bistümern ist die Gehörlosenseelsorge laut Schmitz bei Seelsorgestellen angegliedert. Es gebe auch Gebärdensprachmessen, aber keinen eigenen Pfarrgemeinderat oder eigenständige Verwaltung von finanziellen Mitteln. Das sei angesichts von Strukturreformen nicht ohne: Es bestehe da die Gefahr, dass die Behindertenseelsorge immer weiter gekürzt werde. Bundesweit gebe es heute vier bis fünf Pfarrer, die Gebärdensprache könnten. „Als ich angefangen habe, waren wir vielleicht noch zehn.“

Nachwuchsmangel führt zu Vernetzung

Die Pfarrei im Bistum Trier umfasst drei Bezirke: Trier, Koblenz und Saarbrücken. Und an jedem Ort gibt einmal im Monat einen Gottesdienst in Gebärdensprache. „Zweiter Sonntag im Monat ist Saarbrücken, dritter Koblenz und vierter Trier“, sagt der gebürtige Rheinländer Schmitz. Zudem habe es in der Vergangenheit immer wieder Austausch und Veranstaltungen mit Gehörlosen in benachbarten Luxemburg gegeben. „Dort spricht man die deutsche Gebärdensprache.“

Wie viele gehörlose Katholiken im Bistum Trier genau leben – das sei schwer zu sagen, meint Schmitz. Im Schnitt könne man davon ausgehen, dass einer von 1.000 Menschen im traditionellen Sinn gehörlos sei. Bei knapp 1,3 Millionen Katholiken seien das bistumsweit dann rechnerisch rund 1.300. Bei den jüngsten Wahlen zum Kirchengemeinderat standen 500 Wahlberechtigte in der Liste, „weil die jemand von uns kennt“.

Auch der Gesang ist in Gebärdensprache. Hier singt Kantorin Beate Reichertz mit den Gläubigen.

Auch der Gesang ist in Gebärdensprache. Hier singt Kantorin Beate Reichertz mit den Gläubigen. (Foto: Harald Tittel/dpa)

Der demografische Wandel durch Überalterung schlägt auch in der Gemeinde durch. „Wir hatten lange einen Chor. Der tritt jetzt nur noch bei besonderen Ereignissen auf“, sagt Schmitz (62). Hinzu komme, dass der Nachwuchs fehle – auch, weil sich die Situation mit inklusivem Unterricht an Regelschulen verändert habe. „Die gemeinsame Kultur entsteht nicht mehr.“ Auf der anderen Seite gebe es auch neue Dinge. Zusammen mit „Münchner Kollegen“ sei eine bundesweite Website „taub und katholisch“ entstanden. „Da sind wir sehr gut vernetzt.“ Corona habe den Angeboten einen richtigen Schub gegeben.

Daniel Beinhoff, der bis vor kurzem noch als Erzieher in einer Kita in Bad Kreuznach gearbeitet hat, wünscht sich in Deutschland mehr solche Gemeinden wie im Bistum Trier. Und mehr Inklusion für seine Kirche: So wie an Ostern, wo es in Herz-Jesu einen inklusiven Gottesdienst gebe. Hörende werden zur Feier in der Gehörlosengemeinde eingeladen und gebärden das Halleluja gemeinsam. „Solche Angebote müsste es noch mehr geben“, meint er.

(RP/dpa)

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