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Kunerts Perspektiven

E-Roller: Vorsicht, Stolpergefahr!

Die elektrischen Scooter stehen auf Gehwegen, sind kaum hörbar und machen blinden und sehbehinderten Menschen das Leben schwer. Es bedarf dringend neuer Regeln, fordert ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert.

ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert sitzt vor einem PC und arbeitet.
ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Elektromobilität ist in aller Munde. Sei es bei Bussen, PKWs oder bei E-Rollern. Letztere gehören gerade in Großstädten heute zum Stadtbild. Die ausleihbaren Roller – auch Scooter genannt – fahren und parken auch in Hamburg auf allen Wegen und Plätzen. Gerade an touristisch attraktiven Orten – wie in der HafenCity oder der Innenstadt – finden sie sich in sehr großer Zahl.

Für mich sind es neue Barrieren im öffentlichen Raum

Für mich als blinder Fußgänger sind sie eine neue Barriere im öffentlichen Raum. Da sie von den Nutzerinnen und Nutzern überall abgestellt werden können, muss ich tagtäglich an jedem Ort mit ihnen rechnen – auf dem schmalen Gehweg meiner Wohnstraße, vor dem Ausgang des U-Bahnhofs, sogar auf dem Blindenleitstreifen. Überall stehen sie herum. Manchmal liegen sie sogar. Es sind aber nicht nur die Nutzerinnen und Nutzer, die durch ihr Verhalten neue Barrieren schaffen. Auch die Verleiher stellen die Roller schon mal mitten auf dem Bürgersteig ab, oft sind es dann sogar mehrere Roller, die hintereinander aufgestellt werden

Schnell passiert: Ich ramme mir die Lenkstange in die Seite

Für mich bedeutet das jedes Mal Irritation und Stolpergefahr. Leicht passiert es, dass ich die Scooter mit meinem weißen Stock verfehle und so über die Stehfläche stolpere oder mir die Lenkstange in die Seite ramme. Stehen mehrere E-Roller beisammen, verschärft sich das Problem der Orientierung noch. Plötzlich weiß ich nicht, wie ich das Hindernis am besten umgehen kann.

Nicht nur geparkte Roller können zum Problem werden. Da die E-Scooter während der Fahrt kaum hörbar sind, wird es für mich immer dann gefährlich, wenn Nutzerinnen und Nutzer die Straßenverkehrsordnung ignorieren und auf dem Gehweg fahren. Es droht erhebliche Verletzungsgefahr, sowohl für die Nutzenden der Roller wie auch für die anderen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, gerade bei hohem Tempo.

Es bedarf dringend neuer Regeln!

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich bin nicht prinzipiell gegen neue Verkehrsmittel – wenngleich auch das Geschäftsmodell der Verleiher, die schlechten Arbeitsbedingungen bei vielen Anbietern und die problematische Ökobilanz der Roller hinterfragt werden darf. Die Mobilität der Menschen hat sich immer gewandelt. Gerade in Zeiten des Klimawandels braucht es zwingend neue Konzepte. Allerdings – und hier setzt die Kritik der Blinden- und Sehbehindertenvereine, vieler Senioren- und Fußgänger-Organisationen an – bedarf es bei der Einführung neuer Verkehrsmittel klarer Regeln. Themen wie Barrierefreiheit und Verkehrssicherheit sind zwingend mitzudenken, eigentlich bevor die Zulassung erfolgt.

Aus der Erfahrung mit den E-Rollern in den letzten rund zwei Jahren ziehen erste Städte und Bezirke Konsequenzen. So haben sich zum Beispiel Berlin und der Hamburger Bezirk Altona auf den Weg gemacht, feste Aufstellflächen für E-Roller zu definieren, um insbesondere in sehr vollen und engen Straßen das Durcheinander auf den Gehwegen in den Griff zu bekommen. Hiervon profitieren auch wir blinden und sehbehinderten Menschen, zumal wenn die Aufstellflächen noch durch Bodenindikatoren markiert werden, die wir mit unserem weißen Stock ertasten können. Ich hoffe sehr, dass dieses Modell Schule macht.

Verstöße müssen geahndet werden

Außerdem bedarf es noch mehr Aufklärung darüber, dass die Nutzerinnen und Nutzer nicht auf Fußwegen fahren dürfen und dass sie Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer nehmen müssen. Hier stehen zum einen die Verleiher in der Pflicht, zum anderen müssen aber auch Verstöße konsequenter als bisher von Seiten der Aufsichtsbehörden und der Polizei geahndet werden.

So oder so, die Mobilitätswende wirft auch in Sachen Barrierefreiheit und Teilhabe neue Fragen auf. Sofern aber die Belange der Menschen mit Behinderung von Anfang an mitgedacht werden und ein klar definierter rechtlicher Rahmen gesetzt wird, sind all diese Probleme lösbar.

Heiko Kunert (45) ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist seit seinem sieben Lebensjahr blind, engagiert sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft und scheibt auf heikos.blog über Blindheit und das Leben.

Alle Kolumnen von Heiko Kunert auf ROLLINGPLANET
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