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Die Social Media Challenge

Wir kämpfen jeden Tag mit Barrieren, die uns die Teilhabe an der Gesellschaft erschweren oder sie ganz verhindern. Auch im digitalen Raum. Von ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner

ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner
ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner. (Foto: Mascha Seitz)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Diese Kolumne ist auch als Audio-Version verfügbar, die unsere Autorin selbst gesprochen hat.

 

Das Internet ist für behinderte Menschen Segen und Fluch zugleich. Besonders die sozialen Netzwerke haben uns eine Stimme, eine Plattform gegeben, auf der wir gegen das stigmatisierende Narrativ angehen können, das um Behinderungen herum entstanden ist. Das Internet bietet Barrierearmut, Anonymität und selbstbestimmte Kommunikation. Es gibt uns eine Möglichkeit, unsere Forderungen nach Inklusion und Gleichberechtigung in die Welt hinauszutragen.

Gleichzeitig sind behinderte Menschen in den sozialen Medien unterrepräsentiert. Online sind die Inhalte behinderter Personen sehr viel weniger sichtbar als jene Nichtbehinderter. Nicht nur das: Behindertenfeindlichkeit gehört für die meisten von uns zum digitalen Alltag. Woran kann das liegen und wie gehen Social Media-Plattformen damit um?

Mit Unsichtbarkeit vor Mobbing schützen

2019 deckte netzpolitik.org, eine journalistische Plattform für digitale Freiheitsrechte, einen Skandal auf. TikTok, eine seit 2016 rasant gewachsene App für Videocontent, hatte ihre Moderator*innen angewiesen, die Reichweite von Videos von Menschen mit Behinderung sowie dicken und queeren Personen einzuschränken. Menschen, die sichtbar körperlich behindert waren, Autismus oder das Downsyndrom haben, wurden aus den persönlichen Feeds entfernt, was sie quasi unsichtbar machte. Unabhängig von den Inhalten ihrer Videos.

Die Ironie: TikTok hatte es gut gemeint. Die Motivation dahinter war, diese User*innen vor potenziellem Mobbing zu schützen. Gut gemeint ist aber nicht immer gut gemacht. Tatsächlich war dieses Vorgehen übergriffig und ausgrenzend. Diese positiv diskriminierende Regel gab es laut anonymen Quellen bis Ende 2019. „Positive Diskriminierung” deshalb, weil der vermeintlich gute Schutzversuch vor Mobbing die Ungleichheit noch verstärkte. Behinderte, homosexuelle und dicke Menschen waren durch diese Maßnahmen keine gleichberechtigten Mitglieder auf TikTok.

Behindertenfeindlich und beliebt

Wenn ihr glaubt, das sei schon das Ende der sprichwörtlichen Fahnenstange, muss ich euch enttäuschen. In sozialen Medien, natürlich auch auf TikTok, sind sogenannte „Challenges” sehr beliebt. Dabei führen User*innen eine bestimmte Handlung durch und stellen dann ein Video davon online. Eine große Challenge, an die ich mich spontan erinnere, war die „Ice Bucket Challenge”, die 2014 einen großen Hype auslöste. Das war eine Kampagne, die Spendengelder für die Erforschung und Heilung der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) sammelte. Um mitzumachen, goss man sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf und nominierte danach andere Personen, das auch zu tun. Wenn eine der nominierten Personen nicht mitmachen wollte, musste sie oder er an die ALS Association spenden. Viele Prominente beteiligten sich in dieser Zeit an dieser Kampagne und das mediale Echo war riesig.

Auf TikTok entstand 2020 die sogenannte „Autism Challenge”. Man mag jetzt glauben, dass das eine Kampagne wäre, die auf Autismus aufmerksam machen und Spendengelder sammeln sollte. Tatsächlich bestand diese Challenge aber darin, Autist*innen möglichst abwertend nachzuäffen. Klar, wir bewegen uns manchmal so, dass es auf Nicht-Autist*innen merkwürdig wirken kann. Manche von uns wippen in Stresssituationen vor und zurück. Manche gehen etwas anders oder haben eine sehr ausgeprägte Mimik. Für uns völlig normal. Aber Menschen neigen dazu, allem was anders ist, erstmal negativ zu begegnen.

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Vor zwei oder drei Jahren war ich auf einem Konzert. Es war sehr voll, was für mich als Autistin unangenehm ist, und ich musste sehr eng an Personen vorbeigehen. Ich war so angespannt, dass ich mit den Händen geflattert habe. Die Männer vor mir fanden das sehr amüsant. Sie äfften mich nach und lachten darüber. Für mich war das Erlebnis sehr demütigend, obwohl es nur wenige mitbekamen. Auf TikTok und anderen Plattformen, auf die die „Autism Challenge” überschwappte, sehen dieses herabwürdigende Verhalten aber Hunderttausende oder mehr. Die Plattform, die uns auf paternalistische Art vor Mobbing schützen wollte, machte Mobbing nun zum Hype. Es brauchte sehr viele Proteste von Autist*innen, Organisationen und Vereinen, bis TikTok die meisten dieser Videos löschte. Einige sind leider noch immer im Umlauf – das Internet vergisst nicht.

Hate Speech ist keine Meinung

Warum bekommen diese behindertenfeindlichen Videos so viel Reichweite, der Content von behinderten Personen aber nicht? Das liegt in weiten Teilen daran, dass soziale Netzwerke mit Algorithmen arbeiten, die uns Inhalte auf Basis unseres Such- und Klickverhaltens ausspielen. Ziel ist, uns möglichst lang auf den Plattformen zu halten. Und je mehr Zeit wir in einer App verbringen, desto mehr lernt sie über uns und desto besser passen die angezeigten Inhalte, darunter auch Werbung, zu unseren Interessen. Der Algorithmus gibt unter anderem Inhalten von Personen Vorrang, mit denen man besonders viel interagiert. Auf Aktualität und Originalität reagiert er ebenso positiv. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich die Inhalte meiner Freund*innen, die ich häufig like oder kommentiere, sehr viel häufiger sehe als jene einer Influencerin aus einem anderen Land, der ich folge, aber deren Beiträge ich nur konsumiere, ohne zu liken und zu kommentieren.

Die „Autism Challenge” erreichte Unmengen an Likes, Shares und Kommentare. Sie wurde als originell eingestuft. Immer mehr Menschen haben mitgemacht. Sie bekam also eine enorme Reichweite. Sie war so populär, dass es nicht gelang, sie vollständig aus dem Internet zu entfernen.

Hätte etwas derartiges verhindert werden können? Sicherlich. Ebenso wie es für verhetzende, rassistische und gewaltvolle Inhalte Regeln gibt, sollte es diese auch für Behindertenfeindlichkeit geben. Denn herabwürdigende Beiträge über Behinderung sind Hate Speech. Hate Speech bezeichnet alle Arten, auf die Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Sexismus, Ableismus und Ageismus ausgedrückt wird. Das Ziel von Hate Speech ist, zu beleidigen und Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu diskriminieren, sie aus dem Diskurs und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung zu drängen. Das Streuen falscher Informationen und Lügen gehört ebenso dazu wie Manipulationsversuche, Ausgrenzungen und Aufrufe zu Straftaten. Durch die dehumanisierende Wirkung dieses Hasses kann die Hemmschwelle für Gewalt sinken.

Recht auf Barrierefreiheit

Es ist nicht immer einfach, Hate Speech einzuordnen. Wo hört eine vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckte Äußerung auf, wo beginnt eine strafbare Verhetzung, ein Aufruf zu Gewalt? Mittel und Möglichkeiten gegen diesen Hass zu schaffen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken, ist in meinen Augen aber eine Aufgabe der Plattformen und nicht die der Personengruppen, die das Ziel dieses Hasses sind. Denn je mehr Likes, Kommentare und Shares diese hasserfüllten Beiträge erhalten, desto weiter verbreiten sie sich, desto häufiger werden sie von Algorithmen bevorzugt ausgespielt und desto mehr Möglichkeiten gibt es für andere, auf diesen Zug aufzuspringen und zur Verbreitung von Hate Speech beizutragen.

Wir kämpfen jeden Tag mit Barrieren, die uns die Teilhabe an der Gesellschaft erschweren oder sie ganz verhindern. Auch im digitalen Raum. Aber wir haben das Recht, uns online positiv und selbstbestimmt zu bewegen. Wir müssen uns zeigen dürfen, wie wir es für gut empfinden, und – wenn wir wollen – über unsere Behinderung sprechen können, ohne zur Zielscheibe oder vorsorglich unsichtbar gemacht zu werden. Auch im Internet steht uns Gleichberechtigung und Interaktion auf Augenhöhe zu. Dass wir sie weder online noch offline in ausreichendem Maße bekommen, ist ein Skandal, der viel zu wenig sichtbar ist.

ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner (37) erhielt mit 28 Jahren die Diagnose Autismus. Die in Wien lebende Autorin betreibt unter www.robotinabox.de einen der meistgelesenen Blogs zum Thema Autismus im deutschsprachigen Raum.

Marlies Hübner hat außerdem das sehr lesenswerte Buch „VERSTÖRUNGSTHEORIEN - Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“ geschrieben. Sie können es beim sozialen Buchshop BmitW (Bücher mit Wirkung) bestellen, der Vereine und gesellschaftliche Projekte unterstützt.

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