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Paralympics

Die (leider) ungewöhnlichsten Paralympics der Geschichte sind zu Ende

„Arigato, Tokio“: Am Schluss gab es eine harmonische Kakophonie mit einer Botschaft der Vielfalt. Und wie fällt die deutsche Bilanz aus? Von Tobias Brinkmann, Lars Nicolaysen und Holger Schmidt

Farbenfrohe Abschlussfeier der Paralympischen Sommerspiele im japanischen Tokio.
Farbenfrohe Abschlussfeier der Paralympischen Sommerspiele im japanischen Tokio. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
Zwei Rollstuhlfahrerinnen, eine gehbehinderte Frau und ein Riese auf Stelzen bei der Darbietung.

Nach diesen Darbietungen wünschen Beobachter wünschen Japan eine inklusivere Gesellschaft. (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Auch die Abschlussfeier im Olympic Stadium blieb wegen Corona ohne Publikum: Andrew Parsons (m.), Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, hält auf der Bühne die Paralympische Flagge, neben ihm Seiko Hashimoto (l.), Präsidentin des Organisationskomitees der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio, und Anne Hidalgo (r.), Bürgermeisterin von Paris.

Auch die Abschlussfeier im Olympic Stadium blieb wegen Corona ohne Publikum: Andrew Parsons (m.), Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, hält auf der Bühne die Paralympische Flagge, neben ihm Seiko Hashimoto (l.), Präsidentin des Organisationskomitees der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio, und Anne Hidalgo (r.), Bürgermeisterin von Paris. Die nächsten Paralympischen Sommerspiele finden 2024 in Paris statt. (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Natascha Hiltrop (m.), Sportschützin und Gold- und Silbermedaillengewinnerin, trug die deutsche Fahne. (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Natascha Hiltrop (m.), Sportschützin und Gold- und Silbermedaillengewinnerin, trug die deutsche Fahne. (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Mit einer verspielt-bunten Kostümshow hat Gastgeber Japan die XVI. Sommer-Paralympics in Tokio fantasievoll zum Abschluss gebracht. Ganz dem etwas schräg klingenden Titel der Abschlussfeier „Harmonious Cacophony“ folgend führten die Darsteller aus ganz Japan zu fetziger Digitalmusik eine Kakophonie an grellbunten Tanzdarbietungen auf, die die Botschaft dieser Spiele vermitteln sollten: Eine Welt, in der die Menschen mit all ihren Unterschieden in bunter Vielfalt harmonisch zusammenleben können. „Arigato, Tokio“, („Danke, Tokio“) rief Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, den Japanern zu Hause an den Fernsehern in seiner Abschlussrede im Olympiastadion der japanischen Hauptstadt zu.

Um 21.52 Uhr Ortszeit erklärte der Brasilianer die Sommerspiele für beendet. Die Abschlusszeremonie ging pandemiebedingt wie auch die sportlichen Wettkämpfe bis auf rund 3000 Ehrengäste, Offizielle und Journalisten ohne Zuschauer über die Bühne. Der japanische Kronprinz Akishino vertrat wie bei Olympia seinen älteren Bruder, Kaiser Naruhito, der die Spiele eröffnet hatte. Da die Sportler angewiesen waren, Japan zwei Tage nach ihrem letzten Wettkampf zu verlassen, war von den 134 deutschen Athletinnen und Athleten maximal noch ein Drittel anwesend. 40 Nationen hatten sogar keine Sportler mehr dabei.

Im Medaillenspiegel belegte Deutschland nach zwölf Wettkampftagen mit 13 Mal Gold und insgesamt 43 Medaillen Rang zwölf. Die deutsche Fahne trug Sportschützin Natascha Hiltrop, die in Tokio zunächst das erste Schieß-Gold seit 2004 holte und zudem einmal Silber gewann. Für das Flüchtlings-Team trug der in Halle an der Saale lebende Syrer Anas Al Khalifa die erste Fahne ins Stadion. Er war in Tokio mit dem Kanu gestartet. Wie schon bei der olympischen Schlussfeier vor knapp vier Wochen gab Paris bei einer begeisternden und einheizenden Videopräsentation einen Vorgeschmack auf die Spiele in drei Jahren.

„Einfach sensationell“

Die Spiele in Japan seien „einfach sensationell“ gewesen, zog IPC-Präsident Parsons Bilanz – und zollte den Gastgebern seinen Dank und Respekt. Er habe keinen Zweifel daran, dass die japanische Bevölkerung nicht nur stolz auf die Leistungen ihrer Athletinnen und Athleten sei, sondern auch darauf, in der Lage gewesen zu sein, die Spiele angesichts der Corona-Pandemie überhaupt zu veranstalten.

„Natürlich war es nicht positiv, hier keine Zuschauer zu haben, aber ich denke, die japanische Bevölkerung hat diese Spiele am Ende wirklich ins Herz geschlossen.“

Tokio und viele weitere Gebiete des Landes sind angesichts stark gestiegener Infektionszahlen weiterhin im Corona-Notstand. Daher gab es schon im Vorfeld der Olympischen Spiele viel Kritik an der Austragung inmitten der Pandemie. Kurz vor dem Ende der Paralympics kündigte Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga, der der Abschlussfeier ebenfalls beiwohnte, seinen Rückzug als Premier an. Seine Umfragewerte waren wegen seines als langsam und unzureichend scharf kritisierten Umgangs mit der Pandemie und seinem sturen Festhalten an Olympia und den Paralympics in den Keller gestürzt.

Suga geht, doch was bleibt, da ist sich IPC-Präsident Parsons sicher, ist, dass die Paralympics in Tokio dauerhaft die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Menschen mit Behinderungen verändern werden. Die zukünftige Generation der Japaner werde „eine inklusivere Einstellung haben als die vorherigen Generationen“, sagte der IPC-Präsident.

Beucher sieht bei Paralympics „mehr Licht“ für deutsches Team

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des deutschen Behindertensportverbandes, trägt eine rote Maske.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des deutschen Behindertensportverbandes, im Interview. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Fahne von Friedhelm Julius Beucher hielt nicht ganz bis zur Schlussfeier. Am Tag vor dem Ende der Paralympics in Tokio zeigt der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) seine Deutschland-Flagge, die er in den Tagen zuvor kaum aus der Hand gelegt hatte. Ein großes Stück hängt zerfetzt vom Stab. „Das ist das Ergebnis von zwölf Tagen Schwenkerei“, sagt Beucher lachend.

Der Chef der deutschen Behindertensportler war in Japan viel unterwegs. Teilweise an drei Sportstätten am Tag. Und er hat alles erlebt. Jubel und Frust, Triumphe und Dramen, Tränen der Freude und welche der Trauer. „Definitiv mehr Licht“ habe er aus deutscher Sicht bei diesen Paralympics gesehen, beteuert Beucher. Und auch Deutschlands Chef de Mission Karl Quade ist grundsätzlich zufrieden. Nach auch programmbedingt schwachem Start „hatten wir die erwartet starke zweite Woche“, sagt Quade: „Wir bewegen uns ungefähr an der Stelle, an der wir uns vorher gesehen haben.“

Medaillen-Bilanz mit Licht und Schatten

Doch das deutsche Abschneiden muss man differenziert betrachten. Mit 43 Medaillen waren es sechs mehr als die 37 bei Olympia. Mit zwar deutlich weniger Athleten, aber in deutlich mehr Entscheidungen. Mit 13 mal Gold holte das DBS-Team drei mehr als die Olympioniken, allerdings auch fünf weniger als in Rio. Dort war Deutschland noch Sechster im Medaillenspiegel gewesen, nun wurde als Zwölfter das Ziel Top 10 knapp verpasst.

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In der Breite ist die Ausbeute verbessert. Statt in nur drei Sportarten wie in Rio holten die deutschen Behindertensportler in Japan in sieben Sportarten Gold. Doch im Radsport (drei statt acht) und in der Leichtathletik (vier statt neun) gab es deutlich weniger Titel. „Das war nicht zu kompensieren“, sagt Quade.

Es bleiben allerdings viele Geschichten und Gesichter. „Leuchttürme für ihre Sportart, aber auch für die Gesellschaft“ nennt Beucher diese Athleten. Wie Prothesen-Sprinter Johannes Floors, der sich nach Gold über 400 Meter nun „Fastest man on no legs“ nennen darf – schnellster Mann ohne Beine. Wie Kollege Felix Streng, der die 100 Meter gewann. Wie der 19 Jahre alte Schwimmer Taliso Engel, von Ex-Sprinter Heinrich Popow als „Justin Bieber des Para-Sports“ bezeichnet, der mit Weltrekorden im Vorlauf und im Finale über 100 Meter Brust das erste deutsche Schwimm-Gold seit 2012 holte.

„Das sind Perspektiven“

Wie Elena Krawzow, die nach den „Playboy“-Fotos im Vorjahr auch im Wasser eine gute Figur machte und zehn Minuten nach Engel Gold nachlegte. Oder wie Kanutin Edina Müller, die erst den Kampf gewann, ihren zweijährigen Sohn Liam mit nach Japan holen zu dürfen und dann vor seinen Augen siegte. Und damit das Kunststück von Handbikerin Annika Zeyen nachmachte, neun Jahre nach dem gemeinsamen Basketball-Gold in einer anderen Sportart zu triumphieren. „Das schaffen nur Ausnahmeathleten“, sagt Beucher. Der Präsident denkt auch an „die wunderbare Überraschung im Schießen“: das erste Schützen-Gold seit 2004 durch die Schlussfeier-Fahnenträgerin Natascha Hiltrop.

Die Medaillenbilanz wollen Quade und Beucher eingeordnet wissen. Nationen wie Aserbaidschan, das seine 19 Medaillen auf drei Sportarten verteilte, hätten sich nur „gezielt sportartenspezifisch weiterentwickelt“, sagt der Präsident. So holten die Aserbaidschaner insgesamt nicht mal halb so viele Plaketten wie Deutschland, das zudem über 60 Platzierungen zwischen vier und acht verbuchte. „Vor allem durch junge Athleten“, wie Quade betont. „Das sind Perspektiven“, ergänzt Beucher. Dennoch sei schon „vor der Analyse klar zu sagen, dass wir ein Defizit in der Nachwuchsförderung und Nachwuchssichtung haben“.

Positiv bleibt zuletzt vor allem, dass der DBS in seinem 275 Personen starken Team keinen positiven Corona-Test zu beklagen hatte. Und dass das Thema während der Spiele überhaupt zum Randthema wurde. „Wir sind bang hingefahren und fahren glücklich zurück“, sagt Beucher: „Der Sport hat im Zentrum der Berichterstattung und unseres Erlebens gestanden und nicht das Virus. Und wir sind froh, dass wir kein Superspreader-Event hinterlassen haben.“

Die in den vergangenen Tagen aus deutscher Sicht wichtigsten Ereignisse, Ergebnisse und Stimmen der Spiele hat ROLLINGPLANET im Paralympics-Ticker zusammengefasst.

(RP/dpa)

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