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„Die Grausamkeiten während der NS-Zeit sollten Menschen mit und ohne Behinderung ein Mahnmal sein“

In Gedenken an die Opfer des Holocaust: Deshallb leuchtete die Allianz-Arena lila beim Bundesligaspiel Bayern München gegen Leipzig – ein Interview aus aktuellem Anlass.

Die Allianz-Arena mit ungewöhnlicher Beleuchtung (Foto: FCB)
Die Allianz-Arena mit ungewöhnlicher Beleuchtung (Foto: FCB)

Im Rahmen des Erinnerungstags im deutschen Fußball, der jährlich im Gedenken an die Opfer des Holocaust an den Spieltagen Ende Januar begangen wird (2022 war es aufgrund einer Spielpause etwas später), macht die die Bundesliga aufmerksam auf Menschen, die während der NS-Diktatur aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung ermordet wurden. Diskriminierung von Menschen mit Behinderung ist außerdem bis heute präsent. „Sport steht für Begegnung, für ein Miteinander“, sagt FC Bayern-Präsident Herbert Hainer: „Niemand darf und soll sich ausgeschlossen fühlen, weder in unserer FC Bayern-Familie noch in unserer Gesellschaft.“

Am Spieltag gegen Leipzig wurde die Allianz Arena am Samstag ein weiteres Mal in Lila beleuchtet, um sich für die Rechte und Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderung einzusetzen. (Bereits am 3. Dezember leuchtete die Allianz Arena am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung in Lila.) Im Interview erklären Kim Krämer, der Behindertenfan-Beauftragte des FC Bayern, sowie Jens Fülle, Sportreferent der Offenen Behindertenarbeit evangelisch in der Region München, was ihnen bei diesem Thema wichtig ist – und blicken auf einen gemeinsamen Inklusions-Aktionstag voraus.

!Nie wieder

Anlässlich des Erinnerungstags 2022 steht im Rahmen der Initiative „!Nie wieder“ das Euthanasie-Programm während der NS-Diktatur im Fokus – was verbinden Sie mit diesem Thema?

Kim Krämer: Die Grausamkeiten während der NS-Zeit sollten Menschen mit und ohne Behinderung heute und in alle Zukunft ein Mahnmal sein, dass sich so etwas nie mehr wiederholen darf. Wir haben in unserem Fanclub Rollwagerl eV auch viele Mitglieder mit Migrationshintergrund, und wir alle sind jeden Tag dazu aufgerufen, Diskriminierung und Ausgrenzung entgegenzuwirken, wo auch immer sie uns begegnet. Daher darf man niemals, wirklich niemals vergessen, was damals in Deutschland passiert ist.

Jens Fülle: Der Blick zurück ist immer wichtig, um gesellschaftliche Zusammenhänge und das Leben generell besser zu verstehen. Neulich habe ich in einem Fußballstadion ein tolles Plakat gesehen: „Nie wieder ist jetzt!“ Der Blick auf die Geschichte ist gerade in Deutschland wichtig, weil er eine große Bedeutung für unser Miteinander im Hier und Jetzt hat. Diese Denkweise, dass Menschen mit Behinderung nicht lebenswert sein sollen, weil sie wirtschaftlich nicht verwertbar sind, hat sich in der NS-Zeit mit dem Euthanasie-Programm zugespitzt, verschwand aber auch nach dem Krieg nicht unmittelbar.

Erst seit den 70ern gibt es flächendeckend Schulen, die sich dem Thema Inklusion widmen. Es hat sich viel getan, aber der Einsatz gegen eine Benachteiligung von Menschen mit Behinderung ist nie abgeschlossen. Als Mensch mit Behinderung braucht man noch heute oft eine dicke Haut, ein dickes Fell und viel Ausdauer, um seine Rechte durchsetzen zu können.

„Wir brauchen noch mehr Willkommenskultur!“

Herr Krämer, Stichwort dickes Fell: Worauf muss man die Menschen heute beim Thema Inklusion am meisten hinweisen?

Kim Krämer: Inklusion beginnt grundsätzlich in den Köpfen. Man muss über das Thema Inklusion sprechen, um darauf aufmerksam zu machen. Ich kann aber sagen, dass im deutschen Fußball und gerade beim FC Bayern in der Hinsicht schon viel passiert, teilweise mehr als in anderen Lebensbereichen. Man stößt im Alltag leider insgesamt zu oft noch immer an Grenzen.

Jens Fülle: Wir brauchen noch mehr Willkommenskultur in allen Lebensbereichen, um ein Umdenken und Offenheit für das Thema zu erreichen. Der erste Schritt ist Barrierefreiheit auch in den Köpfen der Menschen, dann entsteht etwas. Sportvereine und der Fußball sind hier ein wunderbarer Brückenbauer, weil wir hier unkomplizierte Begegnungen schaffen können und damit gemeinsame Erfahrungen. Wenn wir immer nur getrennte Wege gehen, sind auch die Lebenswege getrennt. Es geht auch darum, Berührungsängste abzubauen. Das gelingt über gemeinsame Erfahrungen, und hier ist der Sport ein wunderbares Modul.

Präsident Herbert Hainer sagt, beim Sport soll sich keiner ausgeschlossen fühlen.

Kim Krämer: Der FC Bayern hat schon immer mit den Menschen mit Behinderung gesprochen – und nicht nur über sie. Wir sind sehr froh, dass wir zum Beispiel beim Bau der Allianz Arena bereits 2002 in die Planungen einbezogen wurden. Das war ein großer Inklusions-Moment für uns alle. Der FC Bayern ist hier europaweit stilprägend. Ohne Barrierefreiheit keine Inklusion. Wenn in der Allianz Arena keine Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung geschaffen worden wären, wäre jede Stufe eine unüberwindbare Hürde – und es könnte nichts Gemeinsames stattfinden. Einfach, weil es nicht geht.

Es geht um Aufklärung und Umsetzung. Inklusion ist ein mächtiges Wort – und ein permanenter Prozess: Du kannst nicht mit dem Finger schnipsen und alles ist geregelt. Man muss bei dem Thema immer am Ball bleiben, und das ist beim FC Bayern absolut der Fall. Ich habe auch mal überschlagen, dass sich der Club das Thema einiges kosten lässt: In der Allianz Arena hat auf einige Reihen in der Kategorie 1 bewusst auf Plätze verzichtet, um die Sicht von Rollstuhlfahrern zu gewährleisten. Er verzichtet hier auf rund eine Million Euro Einnahmen, die er mit regulären Plätzen bekäme.

„Inklusion ist keine Einbahnstraße

Es wird ein Aktionstag zum Thema Inklusion stattfinden, sobald es Corona zulässt – was wird passieren, und was erhoffen Sie sich davon?

Jens Fülle: Wir mischen bei solchen Events immer die Mannschaften, weil es darum geht, neue Menschen kennenzulernen. Dass wir mit dem FC Bayern gemeinsam so einen Aktionstag umsetzen, ist ein extrem wichtiges Signal des Miteinanders, auch für viele kleine Vereine, die sich zunehmend in diesem Thema engagieren. Vor zwei Jahren haben wir schon einmal eine gemeinsame Trainingseinheit mit den FC Bayern Frauen umgesetzt – davon schwärmen unsere Sportlerinnen und Sportler noch heute. Wir machen bei solchen Veranstaltungen auch immer die Erfahrung, dass Inklusion keine Einbahnstraße ist: Auch Menschen ohne Behinderung lernen, wie facettenreich das Leben ist, dass nicht alles rund läuft und man dennoch mit Freude immer nach vorne schauen kann. Solche Events sind eine Win-Win-Situation. Wir freuen uns sehr über den Doppelpass mit der FC Bayern-Familie.

(RP/FCB)

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ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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