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„Der Treck der Hoffnung hat sich endlich in Bewegung gesetzt“

Das Dominikus-Ringeisen-Werk (DRW) evakuiert zusammen mit dem BRK Günzburg 82 mehrfachbehinderte Waisenkinder aus der Ukraine. Nach Tagen des Hoffens und Bangens ist die Gruppe endlich in Polen angekommen, gezeichnet von den Strapazen einer rund 30-stündigen Fahrt. Wie es jetzt weitergeht.

Nach vielen, nervenaufreibenden Tagen der Vorbereitung geht es jetzt los: Dr. Eugen Telnykh (links) und Wolfgang Unger bilden die Vorhut, die die über 120-köpfige Gruppe aus der Ukraine in Polen erstmals begrüßen wird. (Foto: DRW)
Nach vielen, nervenaufreibenden Tagen der Vorbereitung geht es jetzt los: Dr. Eugen Telnykh (links) und Wolfgang Unger bilden die Vorhut, die die über 120-köpfige Gruppe aus der Ukraine in Polen erstmals begrüßen wird. (Foto: DRW)

Eine Behinderteneinrichtung in Schwaben will einem kompletten Waisenheim aus der Ukraine eine neue Heimat während des Krieges geben. Das Dominikus-Ringeisen-Werk aus Ursberg (Landkreis Günzburg) erwarte die erste Gruppe aus dem Waisenhaus in Krywyj Rih im Südosten der Ukraine an diesem Sonntag, teilte einSprecher mit.

Insgesamt sollen 82 mehrfach behinderte Waisen, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen, sowie ihre Begleiter nach Bayern kommen. Es handelt sich um eine rund 120 Menschen umfassende Gruppe. Am Mittwoch seien die Waisen mit ihren Pflegekräften und Angehörigen nach einer eineinhalbtägigen Zugfahrt in Polen angekommen.

Von dort sollen die Menschen nun in den Freistaat gebracht werden. Der Transport soll vom Günzburger Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes unterstützt werden. Flüchtlinge, die bereits in Bayern angekommen sind, sollen ebenfalls helfen.

„Von den 82 Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims können 23 ausschließlich nur liegend transportiert werden“, erklärte der Sprecher. Wie die bettlägerigen Menschen von Polen nach Ursberg kommen, müsse noch geklärt werden.

Das Dominikus-Ringeisen-Werk ist eine kirchliche Stiftung. In Bayern gehört das Werk zu den großen Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für Mehrfachbehinderte und psychisch Kranke mit 30 Standorten in Schwaben, Oberbayern und Unterfranken. In den Heimen des Werkes leben etwa 5000 Menschen, sie werden von mehr als 4600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versorgt.

Nachfolgend schildern wir Details der Hilfsaktion – und veröffentlichen einen Aufruf an interessierte Helferinnen und Helfer.

„Wir sind dankbar für jeden, der kurz- oder längerfristig helfen kann“

Der Krieg in der Ukraine führt täglich die Leiden der Zivilbevölkerung vor Augen. Die Schwächsten, Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderung sind den Kampfhandlungen besonders unerbittlich ausgeliefert. Mit der Zerstörung der Städte wird auch die Arbeit medizinischer und sozialer Einrichtungen sehr erschwert und teilweise unmöglich gemacht. Die Vorräte an Medikamenten, die beispielsweise für Menschen mit schwerer Behinderung überlebenswichtig sind, gehen vielerorts zur Neige.

Über die Caritas hat das DRW einen Hilferuf aus einem Waisenhauses in Krywyi Rih mit 82 jungen Menschen vom Kleinkind bis zum Erwachsenen erhalten und darauf sofort reagiert, erzählt Wolfgang Unger, zentraler DRW-Koordinator für die Geflüchteten, die in Ursberg ein Zuhause auf Zeit finden. Eine polnische Organisation habe anschließend direkten Kontakt zu dem Waisenhaus in Krywyj Rih im Südosten der Ukraine hergestellt. Krywyj Rih ist eine Großstadt mit über 600.000 Einwohnern. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde hier geboren. Schnell war klar: Die Gruppe muss so schnell wie möglich die Stadt verlassen. Täglich rückten die Frontlinien näher. Das DRW machte sich für ihre Aufnahme bereit und wird die Gruppe in einem extra dafür ertüchtigten Gebäude in Ursberg unterbringen. Gemeinsam mit den jungen Menschen mit Behinderung, so die letzten Absprachen, sollen 17 Pflegekräften und deren 20 Familienangehörige kommen, die ebenfalls untergebracht und versorgt werden müssen.

Aber trotz der Zusicherung des DRW-Vorstands gegenüber polnischer Regierung und ukrainischer Militärverwaltung, die Gruppe nach Deutschland zu bringen, berichtet Wolfgang Unger von zunächst vielen Tagen der Vertröstung, behördlichen Verzögerungen und Nachforderungen nach Papieren. Auch war bis zuletzt noch unklar, wann die Gruppe endlich das lang ersehnte Ticket für den Evakuierungszug, auf den täglich Tausende Ukrainer hoffen, zugeteilt bekommt.

Doch diese Woche die gute Nachricht: Die Gruppe hat den Evakuierungszug erreicht. Das war am Montagabend. Am Mittwochfrüh dann die erlösende Mitteilung: „Sie sind in Polen!“ Im Ort Stalowa Wola an der polnischen Ostgrenze wird die Gruppe registriert, medizinische Untersuchungen sowie die Covid-19-Tests durchgeführt. Berichten zufolge sind viele Personen mangelernährt und dehydriert nach fast 1.100 Kilometern im Zug und psychisch in einem beklagenswerten Zustand.

In Polen angekommen, wolle man die rund 120 Personen, so die Planungen von Wolfgang Unger, gemeinsam mit dem Kreisverband Günzburg des Bayerischen Roten Kreuzes dort abholen. Helfen könnten dabei Geflüchtete, die bereits in Ursberg seien. Sie würden übersetzen und mit anpacken. Von den 82 Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims können 23 ausschließlich nur liegend transportiert werden. Wie man deshalb die bettlägerigen Personen von Polen nach Ursberg bringen könne, wisse man zurzeit noch nicht, so Wolfgang Unger. Noch fehlten die geeigneten Fahrzeuge für den Liegend-Transport. Man sei mit dem Polnischen Roten Kreuz in Verbindung und erwäge weitere Optionen. Für die Fahrt von Polen nach Ursberg rechnet Unger nochmals mit bis zu 18 Stunden mit einigen Zwischenstopps.

Wolfgang Unger ist am 30. März aufgebrochen, um in Polen den Treck der Hoffnung Empfang zu nehmen. Als Vorhut reist er zusammen mit dem Arzt Eugen Telnykh vom Medizinischen Versorgungszentrum Ursberg, einem gebürtigen Ukrainer. Am frühen Morgen des Freitag werden dann zwei Reisebusse der Firma Dirr von Jettingen aus, beladen mit Hygieneartikeln, Medikamenten, klappbaren Rollstühlen und Verpflegung, in Richtung Polen aufbrechen. An Bord werden Helferinnen und Helfer sein, die zumindest die Personen, die reisefähig sind, bereits ab Samstagfrüh auf der Fahrt nach Ursberg begleiten. Wenn alles gut läuft, könnte die erste Gruppe am frühen Sonntagmorgen in Ursberg eintreffen.

Ein zusätzlicher Hilferuf kommt vom DRW aus Ursberg: „Wir benötigen Ehrenamtliche zur Unterstützung der vielfältigen Dinge, die rund um die Aufnahme der Gruppe bei uns in Ursberg anfallen werden, in der Betreuung, zum Spielen und Rausgehen mit den Kindern, zum Vorlesen, aber auch zum Einrichten des Hauses“, sagt Sandra Kranzfelder-Leide vom DRW. Interessenten melden sich bei ihr, Telefon 08281 92-2972 (sandra.kranzfelder-leide@drw.de) oder bei Andrea Schnitzler, 08281 92-2011 (andrea.schnitzler@drw.de). „Wir sind dankbar für jeden, der kurz- oder längerfristig helfen kann“, so Sandra Kranzfelder-Leide.

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