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Bildung & Karriere

Der Geschäftsführer, der das Bett (fast) nie verlässt

Khalid Nadeem Arif hat das Chronische Fatigue-Syndrom und verbringt den Großteil des Tages liegend. Das hält ihn aber nicht davon ab, die Geschicke eines international tätigen Unternehmens zu lenken. Von ROLLINGPLANET-Redakteur Fabian Fuchs

Khalid Nadeem Arif bei der Arbeit. Er liegt mit seinem Laptop auf der Couch.
Khalid Nadeem Arif bei der Arbeit. Aufgrund des Chronischen Fatigue-Syndroms kann er fast nur liegend arbeiten. (Foto: outsourcing4work GmbH)

Khalid Nadeem Arif (52) hat das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS), eine schwere Erkrankung, die zu besonders schneller und anhaltender Erschöpfung führt. An guten Tagen kann er sitzen und einige Schritte mit Krücken gehen – doch meistens verbringt er seinen Tag liegend in einem abgedunkelten Raum, kann oft nicht aufstehen oder gar sprechen. Was man nicht vermutet: Arif führt ein international agierendes Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern vom Bett aus.

„Keiner konnte etwas Unnormales bei mir entdecken“

Arif wurde 1969 in Lahore, Pakistan, geboren. Über Schweden kam er im Alter von 16 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Nach dem Realschulabschluss und einer abgebrochenen Ausbildung als Wirtschaftsassistenz machte der Groß-Gerauer zuerst im Bereich Design, Produktion und Vertrieb von Brillen seine ersten Schritte in die Selbstständigkeit. Vor rund 25 Jahren verlagerte das Unternehmen dann seinen Schwerpunkt auf IT-Dienstleistungen und das Büro wurde zu einem von Arifs Lieblingsorten.

Das alles sollte sich 2007 ändern, als er den ersten CFS-Schub bekam. „Ich war plötzlich für viele Tage wie gelähmt“, erinnert sich der Unternehmer. Arif konnte sich fast nicht mehr bewegen und sprechen, lag tagelang nur im Bett oder auf der Couch. Der ehemalige Leistungssportler, der fast 20 Jahre Taekwondo aktiv ausübte, dachte, er würde es nicht überleben: Er schrieb alle wichtigen Passwörter und Zugangsdaten der Firma nieder und informierte seine Frau, dass sie diese im Safe finden kann. So weit kam es zwar nicht, doch die Beschwerden blieben bestehen.

Khalid Nadeem Arif bei einer Taekwondo-Vorführung vor Publikum. Er setzt zum Tritt an.

Khalid Nadeem Arif (r.) pflegte einen aktiven Lebensstil und betrieb fast 20 Jahre Kampfsport. (Foto: outsourcing4work GmbH)

Neun Jahre dauerte Arifs Odyssee: Ärzte, Heilpraktiker, Krankenhäuser und weitere Spezialisten konnten keine körperliche Ursache ausmachen. Die Ausschlussdiagnose lautete: Depressionen. Darauf folgten jahrelange Therapien und Psychopharmaka, welche zusätzliche starke Schmerzen zur Folge hatten. Arif sagt rückblickend, diese Behandlung habe aus heutiger Sicht für absolut vermeidbare Leiden gesorgt.

Jahre später sollte der Zufall Arifs Leben radikal verändern – in Form einer TV-Berichterstattung über die seltene Krankheit CFS.

„Mir liefen die Tränen runter, ich dachte, sie erzählen meine Geschichte“,

erinnert sich der Unternehmer. Über eine Selbsthilfegruppe fand er einen spezialisierten Arzt, der schließlich die Diagnose stellte. Obwohl die Krankheit weder heil- noch behandelbar ist, führe er seitdem ein anderes und besseres Leben, erzählt er ROLLINGPLANET.

Was ist das Chronische Fatigue-Syndrom?
Das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) ist eine Erkrankung, die sich hauptsächlich durch eine außergewöhnlich schnelle körperliche und geistige Erschöpfung definiert. In schweren Fällen kann dies zu weitreichenden Behinderungen und sogar zu Pflegebedürftigkeit führen. Tägliche Aufgaben können auch bei minimaler Belastung entkräftend sein, die Erholungsphase kann Tage oder sogar Wochen dauern. Die Ursachen sind unklar.
Neben der Hauptsymptomatik bestehen oft auch neurokognitive Beeinträchtigungen, die belastungsabhängig sein können, unter anderem: Verlangsamtes Denken, Konzentrationsstörungen, Verwirrung, Wortfindungsstörungen, verlangsamte Sprache, Dyslexie, Schmerzen, Schlafstörungen, neurosensorische Störungen, Verlust der Thermostabilität und atembezogene Beeiträchtigungen.
Genaue Zahlen für Deutschland gibt es nicht. Schätzungen gehen von 300.000 bis 400.000 Betroffenen aus. Die meisten Menschen erkranken zwischen 30 und 45 Jahren, Frauen sind dreimal häufiger als Männer betroffen. Die Krankheit ist weder heil- noch therapierbar.

Aufgeben stand nie zur Debatte

Einfach Schluss mit dem Arbeitsleben zu machen kam für Arif nicht in Frage – denn die Firma ist sein größtes Hobby. Er baute das Unternehmen, das heute im Bereich IT- und Personaldienstleistungen tätig ist, radikal um. Die Einrichtung von Remote-Arbeitsplätzen, die das Arbeiten von überall auf der Welt aus möglich machen, war wohl die wichtigste Entscheidung für den zukünftigen Unternehmenserfolg. Heute vermitteln seine Mitarbeiter von über 20 Ländern aus hauptsächlich indische Programmierer an nationale und internationale Geschäftskunden. Ein weiterer Vorteil der Umstrukturierung: Die Corona-Pandemie stellte für den Manager und seine Firma keine Einschränkung dar.

„Um in der COVID-Terminologie zu sprechen, befinde ich mich seit vielen Jahren im harten Lockdown“,

sagt er.

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Khalid Nadeem Arif am Schreibtisch im Büro.

Khalid Nadeem Arif vor seiner Erkrankung: Seine Arbeit war und bleibt sein größtes Hobby. (Foto: outsourcing4work GmbH)

Damit der Betrieb funktioniert, erhielten die Mitarbeiter mehr Verantwortung und mussten befähigt werden, Selbstkontrolle durchzuführen, sagt Arif. So übernimmt bei outsourcing4work das Management die Verantwortung für die Ausarbeitung der Prozesse. Er selbst sei so unabhängig vom Tagesgeschäft und kann sich der strategischen Ausrichtung widmen. Seine Angestellten kommunizieren mit ihm hauptsächlich über Textnachrichten und E-Mails, da ihm die Einhaltung von Terminen aufgrund seiner Krankheit nicht möglich ist.

Trotz seiner Beschwerden arbeitet der Unternehmer pro Woche zwischen 60 und 80 Stunden. CFS habe seine innere Uhr beschädigt und er bleibe oft nachts lange wach, so Arif. Den Großteil der Zeit nehme die Weiterbildung via eLearning, die Kommunikation mit seinen Mitarbeitern und die Analyse von Mitbewerbern und Marksituation ein. Auch für Kongresse, Vorträge und Diskussionen braucht der Unternehmer die Couch nicht zu verlassen: „Es ist fast alles in YouTube vorhanden. Eine wahre Goldgrube“, schwärmt er.

Digitalisierung zur Inklusion nutzen

Lange hat Arif gezögert, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Von einem erfolgreichen Unternehmer erwarte man schließlich Stärke und Präsenz im Unternehmen, so der Groß-Gerauer. Doch er möchte nicht nur Menschen mit Einschränkungen Mut machen. Arif will zeigen, dass die Digitalisierung sowie dezentrale und flexible Organisationsstrukturen große Chancen für Mitarbeiter mit Behinderung böten, allen voran eine einfachere Integration:

„Eine Schwerbehinderung sollte niemals ein Ausschlusskriterium sein.“

Um anderen Firmen diese Organisationsstruktur näherzubringen, veranstaltet das Unternehmen regelmäßig Webinare.

Für die Zukunft hat der Unternehmer viel vor – und will auch etwas zurückgeben. In den nächsten fünf Jahren sollen in seiner ursprünglichen Heimatstadt Rabwah in Pakistan 1.000 neue Remote-Arbeitsplätze entstehen, die den Menschen die Perspektive auf einen gut bezahlten und zukunftsorientierten Job bieten, um ihre Familien zu versorgen.

(RP)

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