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Das traurige Leben des kastrierten Filippo B.

Filippo Balatri war Eunuch von Peter dem Großen und musste in den Adelshäusern Europas das Publikum unterhalten. ROLLINGPLANET-Autorin Bettina Maier sprach mit der Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke, die tief in die Tagebücher eines Mannes eintauchte, der nicht lieben durfte.

Christine Wunnicke
Christine Wunnicke wurde für die Biografie Balatris mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur ausgezeichnet. Ihr Buch erschien im Allitera Verlag. (Foto: privat)

Der Kastrat Filippo Balatri wurde 1682 als Sohn einer angesehenen Familie im italienischen Pisa geboren. Er führte eines der außergewöhnlichsten Sängerleben der Musikgeschichte. Dank seiner handgeschriebenen Memoiren lässt er uns über 260 Jahre nach seinem Tod an faszinierenden Erlebnissen teilhaben: „Spuckt mir ins Gesicht, wenn ich nicht die Wahrheit sage.“

Eunuchen wurden oft schon im Knabenalter kastriert, weil dies zu einer angeblich hellen und besonders schönen Stimme führte.

„Glaube nicht, dass er seinem Vater das jemals verziehen hat“

Frau Wunnicke, was für ein Mensch war Balatri?

Ein sehr neugieriger, humorvoller, tougher Mann mit schneller Auffassungsgabe, großer Selbst- und Fremdironie, sehr katholisch und ein großartiger Autor. Sein Schicksal ist kaum vorstellbar. Cosimo III. de’ Medici, Großherzog der Toskana, soll die Kastration befohlen haben, um seine schöne knabenhafte Stimme zu bewahren.

Den Eltern blieb nichts anderes übrig, als einzuwillige?

Balatris Geschichte und Herkunft ist untypisch, denn die meisten Kastraten stammten aus deutlich ärmeren Verhältnissen. Dass sein Vater – die Mutter wurde wohl kaum gefragt – diesem Eingriff zugestimmt hat, spricht nicht für ihn. Natürlich hätte er das ablehnen können. Es ist Opportunismus. Ich glaube auch nicht, dass Balatri seinem Vater das jemals wirklich verziehen hat.

Die Operation war lebensgefährlich. Was wurde gemacht?

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„Dieselben Schnitte, die ein Lamm zum Hammel machen“, sagt Balatri. Die Hoden wurden entfernt oder zerquetscht, selbstverständlich unsteril und ohne Betäubung. Es ist keine sehr große Operation, aber viele Jungen sind an einer Sepsis gestorben. Die Sängerkastraten wurden „weiß kastriert“, also nur die Hoden entfernt, nicht „schwarz kastriert“ wie Eunuchen, bei denen der Penis auch entfernt ist. Erhofft hat man sich den Erhalt der Knabenstimme im Erwachsenenalter, also die Stimme des Kindes mit dem Resonanzraum des Mannes, ein Timbre, das es heute nicht mehr gibt. Die Chance, dass kastrierte Sängerknaben wirklich eine schöne Opernstimme bekommen, ist leider nicht sehr groß. Balatri hat viel Glück gehabt.

Wirkte sich die Kastration auch auf die Figur und Muskulatur aus?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem vom Zeitpunkt der Operation ab. Viele Sängerkastraten werden als sehr hochgewachsen oder sehr dick beschrieben, andere als völlig unauffällig oder als eher androgyn. Es ist schwer, diese Berichte einzuordnen, weil viel Fantasie, Begehren und Vorurteile mit einfließen. Unterschiedlich ist übrigens auch die Potenz. Eine Kastration dieser Art bedeutet nicht automatisch, dass eine Erektion nicht mehr möglich ist.

Der junge Filippo hatte Interesse an Frauen, verliebte sich unglücklich. Später kehrte er der Liebe den Rücken …

Kastraten dürfen nicht heiraten, das verbietet die Kirche kategorisch. Es gibt todtraurige Geschichten von Kastraten, die trotz dieses Verbots heiraten wollten, sie gehen alle schlecht aus. Balatri braucht ja sogar einen Dispens, um Mönch werden zu dürfen! Die katholische Kirche betrachtet Kastraten als defekt. Wenn sie sich verlieben, ist es Unzucht und Sünde. Die zwei Liebesgeschichten in Balatris Memoiren sind furchtbar traurig, weil in jeder Hinsicht unerfüllbar. Er ist sehr fromm, und er bekommt furchtbare Schuldgefühle. Man lernt den Katholizismus bei dieser Lektüre wirklich zu hassen.

Wie kann man sich die Stimme des Kastraten Balatri vorstellen – ist sie mit der von Maria Callas oder aktuell Anna Netrebko vergleichbar?

Wahrscheinlich nicht. Es ist schwer zu sagen, weil der einzige Kastrat, von dem man einen Tonträger besitzt (Alessandro Moreschi, † 1922) kein Opernsänger war und auch die Wachswalzentechnik zu schlecht ist, um sich die Stimme wirklich vorstellen zu können. Man muss wahrscheinlich versuchen, das Timbre eines Knabensoprans auf Körperkraft und musikalische Ausbildung eines erwachsenen Mannes hochzurechnen. Das ist sehr schwer. Frauen sind sicherlich besser vergleichbar als Countertenöre.

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Je älter er wurde, desto überdrüssiger wurde er den gesellschaftlichen Verpflichtungen. Machte ihm sein geraubtes Leben zu schaffen?

Nach dem Tod seines Bruders Ferrante, der einzigen konstanten Bezugsperson in seinem Leben, verlor Balatri wirklich etwas die Lust an der Öffentlichkeit, schien mir. Dass er ins Kloster geht, ist für mich sehr verständlich und biografisch fast zwingend. Ich stelle mir gerne vor, dass er in Fürstenfeld noch gute Jahre hatte und auch nie seinen Humor verlor.

Balatri ist zwar nicht der prominenteste Vertreter der vielen kastrierten Sänger dieser Zeit. Durch seine Memoiren weiß man jedoch am meisten über ihn …

Sie sind ein völliges Unikat, im Inhalt, im Genre (gereimte Memoiren) und in der Form (unveröffentlichte Manuskripte). Sie sind eine ganz unersetzliche Quelle, sowohl was das Leben von Sängerkastraten angeht als auch ganz besonders für das Alltagsleben in Russland um 1700. Es sind wahrscheinlich die intimsten Aufzeichnungen eines Ausländers, die es hier überhaupt gibt.

Die Nachtigall des Zaren | Christine Wunnicke | Allitera Verlag | 164 Seten | 14,90 Euro

Bei BmiW kaufen.

(RP)

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