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„Das geht uns alle an: Behindertenrechte sind Menschenrechte!“

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL verurteilt den Angriffskrieg auf die Ukraine und warnt vor weiteren internationalen Konflikten.

Ukraine-Konflikt
Polnische Soldaten helfen zwei Frauen im Rollstuhl, die aus der Ukraine geflohen sind, am Grenzübergang in Medyka. Aus der Ukraine sind seit Beginn des russischen Einmarschs mehr als zwei Millionen Menschen geflohen. (Foto: Visar Kryeziu/AP/dpa)

ROLLINGPLANET veröffentlicht hier die Stellungnahme der „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL)“, eine menschenrechtsorientierte Selbstvertretungsorganisation und die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen. Sie wurde nach dem Vorbild der US-amerikanischen „Independent Living Movement“ gegründet, um die Selbstbestimmung behinderter Menschen auch in Deutschland durchzusetzen.

Was wir nicht vergessen dürfen

Unsere Gedanken sind vor allem auch bei allen behinderten Menschen, die in diesen Krieg geraten sind. Menschen mit Behinderungen sind besonders gefährdet in Kriegssituationen: Vielen ist es aufgrund ihrer Beeinträchtigungen gar nicht möglich zu fliehen und sie sind in einem viel stärkeren Maße der Gewalt im Kriegsgebiet und auf der Flucht ausgesetzt.

Seit 2014 herrscht bereits in der Ostukraine Krieg. Seit mittlerweile acht Jahren leiden Menschen unter den Bedingungen in der Ostukraine, nur ist der Konflikt dort in Medien und in den Köpfen der Menschen hier allmählich verdrängt und vergessen worden. Man hat schlichtweg das Interesse daran verloren.

Wir appellieren an alle, die sich jetzt auf verschiedenste Weise für die bisher geflüchteten und die dort verbliebenen Menschen, engagieren, sowie besonders an alle Verbände, Vereine, Institutionen, nicht zu vergessen, dass dieser Krieg einer von vielen in Europa und in der Welt ist: Insgesamt sind Ende 2020 82,4 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht (Quelle: UNHCR).

Millionen Menschen sind auf der Flucht

Schätzungsweise leben ca. 15 Prozent der Weltbevölkerung mit Beeinträchtigungen. Die Anzahl derer, die auf der Flucht sind, wird auf mehrere Millionen geschätzt (Quelle: WHO/UNHCR). Insgesamt herrschen momentan in insgesamt 25 Ländern Krieg und/oder bewaffnete Konflikte auf der Welt.

Und so schlimm es ist: Es wird nicht der letzte Krieg in Europa sein – in Bosnien ist die Lage so brenzlig wie noch nie seit Ende des Bosnienkriegs 1995. In Bergkarabach herrscht seit 1988, in Tschetschenien seit 1994 Krieg. Auch von dort kommen weiterhin Menschen zu uns, genauso wie die Menschen aus Afghanistan, Syrien und so weiter. Nicht auszudenken, wie viel mehr Menschen flüchten müssen aufgrund des Klimawandels und zunehmender Konflikte um Ressourcen. Auch hier bilden Menschen mit Behinderungen wieder das traurige Schlusslicht: Sie sind als erste und am stärksten von den negativen Folgen des Klimawandels betroffen.

Engagement muss nachhaltig sein

Engagement ist eben auch dann besonders effektiv, wenn er denn nachhaltig ist – vor allem dahingehend, dass er nicht endet, wenn ein Konflikt gelöst, befriedet oder abgeebbt zu sein scheint oder „weniger“ geflüchtete Menschen bei uns ankommen. Wenn schutzlose Menschen auf der Flucht, Frauen, Kinder, alte und nachweislich auch behinderte Menschen in völkerrechtswidrigen Push-Back-Verfahren an der kroatisch-bosnischen Grenze im Wald ausgesetzt werden oder Menschen (auch behinderte) an der polnisch-belarussichen Grenze zwischen die Fronten geraten, zu verhungern und zu erfrieren drohen, geht uns das alle an.

Es ist dann unser aller Aufgabe, Druck zu machen: auf die Politik, auf Menschen mit ableistischen, rassistischen und sexistischen Ressentiments; auf die Behörden, die Aufenthaltsanträge willkürlich ablehnen. Hinweisen auf die Unterkünfte, wo die Fahrstühle mit Absicht abgestellt werden, Anträge, die nicht elektronisch auslesbar sind, Hilfsmittel, die wider Rechtens nicht bewilligt werden, Integrationskurse zu knapp bemessen sind für gehörlose Menschen, Kitas behinderte geflüchtete Kinder nicht aufnehmen wollen, behinderten Auszubildenden mit Fluchterfahrung konstant deren Kompetenzen abgesprochen werden – der Finger muss weiterhin in die Wunde gelegt werden.

Rechte von Menschen mit Behinderungen

Die ISL ist nicht nur eine Selbstvertretungsorganisation für behinderte Menschen, sondern auch eine Menschenrechtsorganisation. Wir setzen uns dafür ein, dass die Rechte von Menschen mit Behinderungen nicht vergessen, verletzt und missachtet werden und sie selbstbestimmt leben können.

Wir fordern daher die uneingeschränkte Aufnahme behinderter Geflüchteter aus der Ukraine und allen anderen Menschen mit Behinderungen, die auf der Flucht sind. Ihnen stehen barrierefreie Unterkünfte, Informationen, eine medizinische und therapeutische Versorgung sowie alle weiteren Maßnahmen, die vonnöten sind, uneingeschränkt und sofort zu! Behindertenrechte sind Menschenrechte!

(RP/PM)

Veröffentlicht auf

ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

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