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Wahrnehmungssache

Behindert werden, behindert sein

Umschreibungen für das Wort „behindert“ sind nichts anderes als „abled washing“ – der Versuch, sich als besonders behindertenfreundlich darzustellen, ohne es zu sein. Von ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner

ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner
ROLLINGPLANET-Kolumnistin Marlies Hübner. (Foto: Mascha Seitz)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Geht es um Behinderungen, wird in Österreich, wo ich lebe, der Begriff „Menschen mit Beeinträchtigungen“ bevorzugt. Das Wort „behindert“ wird in manchen Berufsgruppen sogar zum No-Go erklärt. Es muss zum Beispiel im pädagogischen Bereich zwingend vermieden werden. Benutzt man es, ruft man Entsetzen hervor und wird umgehend belehrt. Denn nichtbehinderte Menschen, Organisationen, Firmen, NGOs – alle meinen, mit der Floskel „Menschen mit Beeinträchtigungen“ auf der politisch korrekten Seite zu sein. Sie sind es nicht.

Es gibt zahlreiche Euphemismen, wenn es um das Thema Behinderung geht: Menschen mit Handicap, Menschen mit Besonderheiten oder besonderen Bedürfnissen, Andersbegabte. Aber Euphemismen erreichen nur, dass Nichtbehinderte sich besser fühlen, sie verändern nicht, verbessern nicht. Sie bilden nicht die Lebensrealität Behinderter ab, denn auf die Toilette zu gehen oder ein Gebäude zu betreten sind keine „besonderen Bedürfnisse“. Am Leben teilzuhaben ist kein „besonderes Bedürfnis“. Etwas, was ganz normal ist, „besonders“ zu nennen, ergibt keinen Sinn und exkludiert die betroffene Person. Auch „Handicap“ ist ein Begriff, den behinderte Menschen aus vielerlei Gründen ablehnen, was Nichtbehinderte stoisch ignorieren.

Beschönigende Begriffe schaffen keine Inklusion, im Gegenteil. Euphemismen, bei denen sich die Verhältnisse nicht ändern, nehmen im Laufe der Zeit die negative Konnotation des Vorgängerausdrucks an. Wenn das hinter dem Begriff liegende Konzept von Diskriminierung und Abwertung nicht dekonstruiert wird, nehmen die neuen Begriffe die alten Muster und Bedeutungen an. Man gerät in die sogenannte Euphemismus-Tretmühle. Und schon bald ist man auf der Suche nach einem noch blumigeren Ausdruck, statt das eigentliche Problem zu lösen.

Schönfärberei

Umschreibungen für das Wort „behindert“ sind nichts anderes als „abled washing“ – der Versuch, sich als besonders behindertenfreundlich darzustellen, ohne es zu sein. Der Begriff ist abgeleitet vom schon länger gebräuchlichen „greenwashing“. Damit bezeichnet man Unternehmen, die durch PR- und Marketingmaßnahmen umweltfreundlich und verantwortungsbewusst erscheinen möchten, ohne dass sie es mit konkreten Ergebnissen belegen oder beweisen können. Einen positiveren Ausdruck für einen vermeintlichen Missstand zu finden, verbessert den Missstand nicht. Aber man erreicht, dass der Missstand für eine Zeit lang weniger sichtbar ist.

Was genau ist das konkrete Problem an dem beliebten Ausdruck „Menschen mit Beeinträchtigungen“?

Wenn wir von Behinderung sprechen, dann meinen wir damit Behinderung im sozialen Modell. Beim sozialen Modell der Behinderung ist nicht der behinderte Mensch und dessen individuelles, tragisches Schicksal das Problem. Diese Sicht gilt als veraltet und wird im medizinischen Modell dargestellt. In dieses medizinische Modell verorte ich nach meinem Empfinden auch das Wort „beeinträchtigt“, ebenso wie ich ihm „beschädigt“ und „eingeschränkt“ zuordnen würde.

Das soziale Modell identifiziert die Gesellschaft als Problem. Diese baut Barrieren, so dass von der Norm abweichende Menschen keine oder unzureichende Teilhabe an der Gesellschaft haben, also behindert werden.

Behinderung ist in diesem Modell kein Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern das Produkt sozialer Organisation. Es stellt Behinderung in den Kontext sozialer Unterdrückung und Diskriminierung und macht es damit zu einem sozialen Problem. Dieses Modell steht im direkten Gegensatz zum medizinischen und verneint körperliche Ursachen als behindernd. Das ist eine Chance, Unterdrückungsmechanismen aufzuzeigen, gleichzeitig aber auch einer der größten Kritikpunkte am sozialen Modell.

Das kulturelle Modell der Behinderung geht noch einen Schritt weiter. Es stellt die individuellen Probleme und die sozialen Barrieren in Frage und will wissen: „Wie und warum wird – historisch, sozial und kulturell – eine Randgruppe wie die „der Behinderten“ überhaupt hergestellt?“ (Anne Waldschmidt, 2005) Wir werden in diesem Modell dazu aufgefordert, uns konkret mit Ausgrenzungsmechanismen, ihrem Entstehen und ihrem Grund auseinanderzusetzen. Wie entsteht die Kategorie Behinderung und was bedeutet die ihr entgegenstehende „Normalität“? Warum gibt es diese zwei scheinbar gegensätzlichen Gruppen? Wie bedingen sie einander?

Problemverschiebungen

Sieht man sich das alles an einem konkreten Beispiel an, zum Beispiel an meinem Autismus, so bin ich damit genau richtig so wie ich bin. Ich habe für mich gesehen kein Problem. Das Problem entsteht, wenn der Faktor Gesellschaft dazukommt. Ich habe keine volle Teilhabe an der Gesellschaft. Sie ist nicht inklusiv und stellt mir viele Barrieren entgegen. Das betrifft ausnahmslos jeden Lebensbereich – Freizeit, Arbeit, Gesundheitsversorgung, kulturelle Teilhabe. Spreche ich von mir als behindertem Menschen, dann mit dem Hintergrund, dass die Gesellschaft mir Teilhabe verwehrt und somit die Behinderung entsteht.

Der Begriff „Mensch mit Beeinträchtigung“ schiebt meiner Meinung nach das Problem aber zu mir, anders als das Wort „Behinderung“, das ich als wertneutrale Beschreibung verstehe. Bin ich beeinträchtigt, dann bin ich fehlerhaft. Ich als individuelle Person bin schuld daran, nicht an der Gesellschaft teilhaben zu können, weil ich ja diese Beeinträchtigung habe, die mich davon abhält. Die Gesellschaft ist fein raus, sie hat die Verantwortung über die mangelnde Teilhabe zu mir abgeschoben. Super, oder?

Mit diesem kleinen Perspektivenwechsel sind wir mitten in dem weit verbreiteten behindertenfeindlichen Denken, mit dem man Menschen in Heime und Werkstätten weitab der Gesellschaft schiebt. Sie haben ja Schuld, sie sind fehlerhaft. Sie schaffen es nicht, an der Gesellschaft, so wie sie ist, teilzuhaben. Da kann man nichts machen, außer ein bisschen Mitleid haben und ab und an spenden. Der behinderte Mensch als almosenempfangend, als wohlfahrtsbedürftig. Als wäre das Konstrukt, in dem wir leben, in Stein gemeißelt, unveränderlich und bestünde genauso seit Anbeginn der Zeiten.

Valide Selbstbezeichnungen

Auch wenn der Begriff „Mensch mit Behinderung“ in der UN-Behindertenrechtskonvention verwendet wird und somit eine ausreichende Grundlage als valide Selbstbezeichnung hat, ist mir bewusst, dass es auch Behinderte gibt, die das anders sehen. Wir sind keine homogene Gruppe, die nur eine einheitliche Meinung vertritt. Ich respektiere jede behinderte Person, die anders genannt werden will, nicht aber nichtbehinderte Personen, die die Begrifflichkeiten über unseren Kopf hinweg festlegen wollen.

Marlies Hübner erhielt mit 27 Jahren die Diagnose Autismus. Die in Wien lebende Autorin betreibt unter www.robotinabox.de einen der meistgelesenen Blogs zum Thema Autismus im deutschsprachigen Raum.

Marlies Hübner hat außerdem das sehr lesenswerte Buch „VERSTÖRUNGSTHEORIEN - Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“ geschrieben. Sie können es beim sozialen Buchshop BmitW (Bücher mit Wirkung) bestellen, der Vereine und gesellschaftliche Projekte unterstützt.

Alle Kolumnen von Marlies Hübner auf ROLLINGPLANET
Veröffentlicht auf

ROLLINGPLANET ist seit 2021 Deutschlands Onlinemagazin für Menschen mit Behinderung und alle anderen. ROLLINGPLANET ist ein Non-Profit-Projekt, realisiert vom Verein Menschen, Medien und Inklusion e.V., München. Mehr über unser Team erfahren Sie hier.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Werner Heinen

    23. Oktober 2021 um 14:01

    Vielen Dank für diesen Perspektivenwechsel zu den Begrifflichkeiten die Menschen tatsächlich immer wieder exklusivieren und nicht, wie es für uns alle Menschen gut wäre, zu inkusivieren. Es ist über viele hunderte Jahre ein gesamtgesellschaftliches Problem. Viele Menschen die sich als klüger vor allem als stärker sehen, möchten keine gleichlautende Ebene leben und vor allem auch kommunizieren. Beim Menschenbild, der Natur und den weltlichen Gegebenheiten können wir dies festmachen, dass es hier schwer scheint, ein Gleichgewicht und Gleichstellung kaum zu erreichen ist. Solange wir alle nicht Inklusiv denken, so wird es nicht möglich sein, Inklusiv zu handeln. Oft grenzen wir uns mit unserer Meinungsbildung selbst aus. Es wäre schön, wenn wir uns einfach so entgegnen, wie wir sind! Akzeptanz der Diversität könnte der Schlüssel dazu sein. Herzliche Grüße

  2. Tobias Mandelartz

    27. Oktober 2021 um 13:34

    Ich habe – lang ist es nun schon her – einen tollen und für mich wertvollen Zivildienst in einer WG mit “besonderen Menschen” machen dürfen. Und wurde schnell belehrt was man sagen darf und was nicht. “Das Wetter ist heute ja verrückt!” – “Ich hab wahnsinnigen Hunger!” – “Das ist ja ein irres Lied!” Das alles – und ähnliches – wurde mir strengstens verboten von meinen Mitbewohnern, und ich hab da erst bemerkt wie sehr diese Begriffe in den ganz normalen Sprachgebrauch Einzug gehalten hatten, auch wenn sie nicht abwertend gemeint waren. Wenn ich aber heute anerkennend zu jemandem sage dass er/sie “total crazy” sei denke ich ganz kurz nach und sag es dann trotzdem 🙂

  3. Jean-Jacques Bertschi

    18. November 2021 um 15:21

    Ich setze mich seit Jahrzehnten für behinderte und für hochbegabte Menschen ein. Als Dr. phil. I mit – hoffentlich – Praxisbezug hat mich Rhetorik und Semantik immer speziell fasziniert. Ich komme letztlich zu einem simplen Schluss: Menschen die fast ausschliesslich Zeit dafür haben, anderen immer neue Euphemismen vorzuschreiben, meinen es nicht ernst. Wer es ernst meint, tut etwas. Und wenn sich ein behinderter Mensch verletzt fühlt, entschuldigt man sich. Ende.
    In der Praxis müssen wir zur Stärkung der Teilhabe vor allem von einer “Weshalb?” Grundhaltung zu einer “Weshalb nicht?” Haltung kommen.
    Wortklaubereien sind häufig verdächtig: Schulkinder mit Schwierigkeiten überwiesen wir erst in die “Spez.” (Schweiz: Spezialklasse), dann der Sonderklasse, anschliessend in der Kleinklasse, heute in der besonderen Klasse – verändert/genützt hat das ganze Geflunker gar niemandem.

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