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Kunerts Perspektiven

„Behindert“ ist kein Schimpfwort

Einer der seltenen sonnigen Sommerabende in Hamburg. Entspannt mit alten Freunden im Biergarten. Ein Pärchen fragt, ob bei uns noch Platz ist und setzt sich zu uns. Von ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert.

ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert sitzt am PC und arbeitet.
ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Etwas später: Tangomusik erklingt. Mein Kumpel: „Oh, da tanzen schon ein paar Leute.“ Unser Tischnachbar: „Naja, im Moment sieht es eher so aus, als würden die für die Paralympics trainieren.“ Kurzes betretenes Schweigen, verlegenes Lachen. Ich bin baff. Später werde ich mich ärgern, dass ich nichts dazu gesagt habe. Ich weiß nicht, ob der Herr gecheckt hat, dass ich blind bin, dass ein Mensch mit Behinderung am Tisch sitzt. So oder so sind solche Sprüche ziemlich armselig.

Individuell muss zwar keine explizite Behindertenfeindlichkeit bestehen, aber solche Aussprüche sind ein Zeichen für unterschwellige Verachtung in unserer Gesellschaft. Und wie häufig höre ich zum Beispiel von Jugendlichen – selbst, wenn ich mit meinem weißen Stock in der Hand neben ihnen in der U-Bahn stehe – Sätze wie „Das ist voll behindert!“

„Behindert“ ist also ein Synonym für etwas Schlechtes, Negatives. Das fühlt sich für Menschen mit Behinderung nicht gut an, kann manchem aufs Gemüt schlagen, kann sich wie eine Abwertung anfühlen. Manch ein Leser mag jetzt sagen, das sei übertrieben. Aber wenn man als Betroffener ein Leben lang den Begriff der Behinderung immer nur negativ besetzt wahrnimmt, prägt sich das ein, schleicht sich ins Unbewusste und wirkt – ob man will oder nicht.

Insofern ist dies ein Appell für einen bewussteren Umgang mit Sprache: „Behindert“, „geisteskrank“ oder „blind“ sind keine Schimpfworte, so einfach ist das!

Heiko Kunert (45) ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist seit seinem sieben Lebensjahr blind, engagiert sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft und scheibt auf heikos.blog über Blindheit und das Leben.

Alle Kolumnen von Heiko Kunert auf ROLLINGPLANET
1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Andreas

    6. September 2021 um 23:18

    Ich sage es mal vorsichtig, das Wort behindert ist leider in unserer Gesellschaft negativ besetzt. Viele denken bei behindert, der ist vielleicht sogar geistig behindert. Ich würde eigentlich lieber nicht sehbehindert sagen, obwohl das Wort es 100-prozentig sagt, sondern seheingeschränkt. Klingt doch nicht gleich so negativ wie sehbehindert oder? Ist alles ein schwieriges Feld, wir sagen ja auch nicht Schwereingeschränktenausweis, nein Schwerbehindertenausweis. Für einen gesunden Menschen sind wir halt behindert und das grenzt uns auch ab, aber man sollte sich halt nicht darüber stellen und abwertend darüber lästern. Und wenn du morgen, auch wenn es keiner will, einen Herzinfarkt bekommst, dann denkst du bestimmt auch anders und bist nicht mehr so schnell am lästern, wenn du einen behinderten Menschen siehst.

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