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Arbeitsmarkt: Blinde und sehbehinderte Menschen werden ausgegrenzt

Wie Unwissenheit, Barrieren und die Bewilligungspraxis der Kostenträger unnötigerweise den Zugang zum Berufsleben versperren. Von ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert

ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert sitzt vor einem PC und arbeitet.
ROLLINGPLANET-Kolumnist Heiko Kunert. (Foto: privat)
Unsere Kolumnisten schreiben unabhängig von ROLLINGPLANET. Ihre Meinung kann, muss aber nicht die der Redaktion sein.

Der Zugang blinder und sehbehinderter Menschen zum Arbeitsmarkt ist zumeist versperrt. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen zur Beschäftigungsquote blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland – weder von der Arbeitsagentur noch vom Statistischen Bundesamt oder vom Arbeitsministerium. Es gibt aber Schätzungen, wonach weniger als 30 Prozent der blinden Menschen im erwerbsfähigen Alter auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Doch was sind die Hürden auf dem Arbeitsmarkt? Und wie kann man sie abbauen?

Oft braucht es nur technische Hilfsmittel

Die Unwissenheit über die Arbeitsweise blinder und sehbehinderter Menschen kann bereits eine Hürde zum Arbeitsmarkt darstellen. Viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber können sich nicht vorstellen, wie blinde und sehbehinderte Menschen produktiv arbeiten. Dabei benötigen sie häufig nur technische Hilfsmittel, zum Beispiel bei der Arbeit am PC: Blinde Menschen arbeiten in der Regel mithilfe einer Screenreader-Software, bei der der Bildschirminhalt von einer synthetischen Sprachausgabe vorgelesen wird. Neben der Sprachausgabe nutzen blinde Menschen häufig zusätzlich eine Braillezeile, ein Gerät, das Zeile für Zeile den Bildschirminhalt in der Punktschrift ausgibt. Mit der Maus können blinde Menschen nicht arbeiten, stattdessen setzen sie auf eine Vielzahl von Kurztastenbefehlen.

Sehbehinderte Menschen nutzen meist eine Vergrößerungssoftware, mit der sie Bildschirminhalte stark heranzoomen, aber auch individuell Anpassungen an der Kontrastierung und an der visuellen Darstellung vornehmen können. Daneben setzen viele zusätzlich auf die Sprachausgabe. Neben den technischen Helfern spielt aber auch die menschliche Unterstützung im Berufsleben eine Rolle. Eine Arbeitsassistenz unterstützt blinde und sehbehinderte Menschen, etwa indem sie im Büro die Post vorliest oder einscannt, beim Erstellen visuell komplexer PowerPoint-Präsentationen hilft oder zu Terminen begleitet.

Wo bleibt die kreative Anpassung?

Vor dem Hintergrund der Unwissenheit laden potentielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber entsprechende Bewerberinnen und Bewerber häufig gar nicht erst zum Gespräch ein. Selbst wenn ein Bewerbungsgespräch stattfindet, ist der Blick auf den potenziellen neuen Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin häufig defizit-orientiert. Statt zu schauen, was der Mensch mit Behinderung besonders gut kann, wird in den Vordergrund gerückt, was er nicht kann. Statt durch kreative Anpassungen der Arbeitsabläufe und der Aufgabenverteilung im Betrieb eine geeignete Stelle für den blinden oder sehbehinderten Menschen zu schaffen, wird er als für die Stelle ungeeignet beurteilt, obwohl er vielleicht nur für einen kleinen Teil des Jobs das Sehen bräuchte.

Eine weitere Hürde kann das Fehlen barrierefreier IT am Arbeitsplatz sein. Zum Beispiel wird in einem Unternehmen eine neue Software implementiert, ohne dass diese vorher auf Barrierefreiheit überprüft wurde. In solchen Fällen kommt es nicht selten vor, dass bisher perfekt in den Arbeitsalltag integrierte Menschen plötzlich nicht mehr mitarbeiten können – eine Situation, die weder für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch für die Arbeitgebenden erfreulich ist.

Auch eine ungeeignete, schlecht qualifizierte Arbeitsassistenz kann zum Problem werden. Dies kann aus zu geringen Stundensätzen resultieren. Zwar besteht grundsätzlich ein Anrecht auf die Finanzierung von Arbeitsassistenz, allerdings vertreten die Kostenträger häufig die Ansicht, dass die Assistentinnen und Assistenten keinerlei Vorkenntnisse benötigten, sondern lediglich das Sehen ersetzen müssen. Daher wird oft nur ein Stundensatz bewilligt, der knapp über dem Mindestlohn liegt. Das ist vollkommen praxisfern.

Eine weitere Hürde auf dem Arbeitsmarkt stellt die Bewilligungspraxis der Kostenträger – Arbeitsagentur, Rentenversicherung, Integrationsämter – allgemein dar. Viel zu oft dauert die Bewilligung von Hilfsmitteln oder von Arbeitsassistenz zu lange. Gerade wenn man ein neues Arbeitsverhältnis aufnimmt, ist man darauf angewiesen, frühzeitig mit Hilfsmitteln und Assistenz versorgt zu sein. Ansonsten vergeht die Probezeit, ohne dass man eigenständig seine Arbeitsfähigkeit beweisen konnte. Häufig sind Kündigungen dann die Folge.

Schließlich habe ich auch den Eindruck, dass die Kostenträger bei der Gewährung des sogenannten Eingliederungszuschusses zunehmend sparen. Hierbei handelt es sich um einen befristeten Lohnzuschuss, der Firmen motivieren soll, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Wenn Unternehmen statt früher 70 Prozent im ersten Jahr heute vielleicht nur 30 Prozent bekommen, ist das nicht förderlich.

Die Folge: Massive Arbeitslosigkeit

All diese Barrieren tragen zu der massiven Arbeitslosigkeit unter blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland bei, viel zu häufig sogar zu Langzeitarbeitslosigkeit. Hinzu kommt, dass klassische Blinden-Berufe wie Schreibkraft, Telefonist oder Masseur immer weniger nachgefragt werden. Auch vor diesem Hintergrund steigt der Druck, neue Berufsfelder zu erschließen.

Es braucht sicherlich mehr Aufklärung – sowohl bei Arbeitgebenden als auch bei Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern der Arbeitsagentur usw. und auch bei den Betroffenen, die selbst oft zu wenig über mögliche Berufsbilder und Fördermittel wissen. Und es braucht mehr Kreativität bei der Vermittlung in Arbeit. Gerade weil die Gruppe der blinden und sehbehinderten Menschen im erwerbsfähigen Alter sehr klein und zudem sehr heterogen ist, muss individuelle Betreuung bei der Jobsuche und bei der Einarbeitung ins Unternehmen unbedingt gewährleistet sein.

Heiko Kunert (45) ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist seit seinem sieben Lebensjahr blind, engagiert sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft und scheibt auf heikos.blog über Blindheit und das Leben.

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