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Afghanistan-Veteran Focken: Paralympics-Debüt mit Trauma

Die Lage in Afghanistan geht an dem kriegsversehrten Sportschützen alles andere als spurlos vorbei. Für die Vorbereitung auf die Spiele half das nicht. Wie der Oldenburger seine Schicksalsschläge überwand. Von Tobias Brinkmann

Tim Focken beim Zielen mit dem Gewehr
Tim Focken wurde bei seinem Afghanistan-Einsatz von den Taliban aus einem Hinterhalt angeschossen. (Foto: Martin Bargiel/Behinderten Sportverband Niedersachsen BSN/dpa)

Keine Zeitungen, kein Fernsehen. Nein, Tim Focken wollte eigentlich gar nichts hören oder sehen. Die Bilder von Afghanistans Zurückeroberung durch die Taliban haben den kriegsversehrten Sportschützen schwer belastet. „Eine ganz hohe Traurigkeit und Ängste werden hervorgerufen“, sagte der Oldenburger im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Ausgerechnet vor der ersehnten Premiere am Samstag und der ersten Teilnahme eines kriegsversehrten Bundeswehrsoldaten an den Paralympics holte ihn zuletzt die Vergangenheit wieder ein. Der musste er sich stellen.

Hilfe durch psychologische Betreuung

In Afghanistan wurde der Bundeswehrsoldat im Oktober 2010 von den Taliban angeschossen, aus dem Hinterhalt. Eine Rettungsodyssee mit einer Notoperation in Koblenz inklusive. Seinen linken Arm kann der 37-Jährige seitdem nicht mehr richtig bewegen, er hat einee sogenannten Oberarmplexuslähmung.

Die aktuelle Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban und den gleichzeitigen Erinnerungen im Hinterkopf waren nicht die besten Begleitumstände einer Paralympics-Vorbereitung. Daher suchte Focken die „Truppenpsychologie auf. Mich nur auf den Sport zu fokussieren, ist mir nicht mehr gelungen“, erklärte er.

Die psychologische Betreuung habe „gut getan“, berichtete er. „Ich koppel das Negative nun mit dem Positiven“, sagte Focken.

„Sobald ich Afghanistan mit Krieg, Bomben, Tod höre, verbinde ich es mit etwas Positivem. Dies hilft mir, mich dahin zu bringen, wo es mir gut geht.“

Der Niedersachse lässt sich sonst durch kaum etwas aus der Ruhe bringen. Einzig das durchgehende Piepen eines Staubsaugroboters im Athletendorf nervte ihn während des Gesprächs etwas.

Schicksalswendungen einfach annehmen

Mit seiner Situation hat sich Focken abgefunden. „Es ist mein Schicksal, seitdem ich es angenommen habe“, betonte der zweimalige Familienvater. „Ich habe nicht mehr gefragt: wieso, weshalb, warum? Ich habe es angenommen. Es ist nun einfach so.“ Keinen Zorn hegt er angesichts des abrupten Endes seines eigentlich geplanten Werdegangs.

Portrait Thomas de Maizère

Der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière plante eine Sportförderung für Menschen mit Behinderung in der Bundeswehr. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Denn es gibt auch die positiven Schicksalswendungen für Focken. Knapp anderthalb Jahre später plante der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière eine Sportförderung für behinderte Menschen in der Bundeswehr.

„Meine große Hoffnung ist, dass einer oder zwei einer solchen Gruppe verwundete Soldaten von uns sind“,

sagte der CDU-Politiker damals und hoffte zudem auf eine dann folgende Paralympics-Teilnahme eines versehrten Soldaten.

Focken ist am Samstag der Erste, der bei den Paralympics starten wird. „Deutschland hier vertreten zu dürfen, ist unbeschreiblich“, schwärmte er. Der Weg nach Tokio hatte einige Höhen, aber auch einige Tiefen. Er kam 2014 in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Ohne Wettkampferfahrung traute man es ihm zu, als Sportschütze für Furore zu sorgen – mit Blick in Richtung Paralympics-Teilnahme.

Neue berufliche Zukunft gefunden

Nicht immer sah Focken aber dieses Ziel vor Augen. Die Nachwirkungen seiner Verwundung, die Bilder vom Krieg im Kopf. „Egal, wie tief man fällt, es öffnet sich ein neuer Weg. Man muss ihn nur gehen, egal wie steinig er ist“, sagte der Schütze. Er hatte Glück, weil er den Anforderungen gerecht und durch eine Vielzahl an Übungen und Trainingslagern immer besser wurde. Er hatte wieder eine berufliche Zukunft.

Darunter litt aber auch das Familienleben.

„270 Tage im Jahr war ich gefordert. Ich war auf keinem Geburtstag meiner Kinder, war bei der Einschulung nicht da. Ich war nirgendwo da, nur um dieses eine Ziel zu erreichen: Paralympics“,

sagte er ergriffen. Dabei ist seine Familie stets sein großer Rückhalt. „Mein Fundament“, nennt er sie.

Heute ist er ein etabliertes Mitglied im Schießkader. Am Samstag hofft er bei seinem Paralympics-Debüt auf eine Finalteilnahme, vielleicht träumt Focken aber auch von einer Medaille. Im Schlaf kann er den Ablauf vor einem Schuss erklären – am Ende fliegt die Patrone bestenfalls in die 10,9.

Eine andere Patronenhülse hat seinen Platz in einer Vitrine in der Heimat gefunden. Als Andenken an seine Verwundung. „Das Kapitel ist abgeschlossen“, sagte er. Ein Neues startet am Samstag.

(RP/dpa)

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