Blindenfussball

Bundesliga-Finale der Blindenfußballer

Veröffentlicht von

Zum vierten Mal in Serie stehen die Blindenfußballer des FC St. Pauli im Endspiel. Gegen den MTV Stuttgart am Samstag in Magdeburg geht es um mehr als um den deutschen Meistertitel. Von Magdalena Tröndle

Serdal Celebi (r.), Blinden-Fußballer des FC St. Pauli, spielt beim 11. Blindenfußball Masters auf dem Gelände des Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte am Borgweg einen Ball. Celebi ist als erster blinder Fußballspieler nominiert für das “Tor des Monats” der ARD-“Sportschau”. (Foto: Axel Heimken/dpa)

Wer Blindenfußballern der Bundesliga beim Spielen zuschaut, der fragt sich fast unweigerlich: Sind die wirklich blind? Als sehender Mensch ist es kaum zu begreifen, was da auf dem Platz passiert. Dribbeln, Passen, Tore schießen – ohne auch nur ein bisschen was zu sehen.

“Für mich ist es die große Freiheit, wenn ich mich auf dem Platz ohne Hilfsmittel ganz frei bewegen kann”,

sagt Serdal Celebi. Der Stürmer des FC St. Pauli, der im August 2018 als erster blinder Fußballer das “Tor des Monats” (ARD) schoss, spielt mit seinem Team an diesem Samstag um die deutsche Meisterschaft.

Das Finale am Samstag (15.45 Uhr) auf dem Domplatz in Magdeburg gegen den MTV Stuttgart “wird ein spannendes und kampfbetontes Spiel”, sagt Pauli-Trainer Wolf Schmidt, der mit seiner Erfahrung ein gefragter Mann ist. Seit diesem Jahr unterrichtet er unter anderem einen Blindenfußball-Trainer per Telefon im Südsudan.

Gleiche Bedingungen für alle

Beim Blindenfußball bleibt der Blindenstock zusammengeklappt, der Blindenhund zu Hause. Die Augen der Spieler werden abgeklebt, darüber kommt eine Dunkelbrille. Es sollen die gleichen Bedingungen für alle gelten, falls noch ein paar wenige Prozente an Sehfähigkeit geblieben sind. Darüber: Ein Kopfschutz, der vor unsanften Zusammenstößen schützen soll. Der Ball hat Rasseln.

Die Spieler rufen das spanische Wort “Voy”, was so viel bedeutet, wie “ich komme”. Der einzig sehende Feldspieler ist der Torwart: Er dirigiert seine Vorderleute, darf seinen Zwei-Meter-Raum aber nicht verlassen. Orientierung für die vier blinden Spieler jeder Mannschaft liefern noch die Banden an den Seitenlinien, die Begrenzung des 20 Mal 40 Meter großen Spielfeldes. Außerdem gibt es pro Mannschaft zwei “sehende Guides” und die Trainer, die vom Spielfeldrand aus Anweisungen geben dürfen.

Die psychische Anstrengung ist manchmal härter als die physische, weil der Kopf durch die äußeren Einflüsse dauerhaft belastet wird, sagt Rasmus Narjes, Nationalspieler und Kapitän der Hamburger.

“Sich orientieren, kommunizieren, den Ball die ganze Zeit über hören, die Torhüter und die Mitspieler wahrnehmen, die Gegenspieler umlaufen, den Ball führen: Es sind viele Dimensionen, die beim Blindenfußball aufeinandertreffen”,

erklärt der 20-Jährige, der Jura in Hamburg studiert. Hinzu komme die Lautstärke der Fans, manchmal auch ein schwieriger Platz, das Pfeifen des Windes und dass man mit den eigenen Emotionen fertig werden muss.

Die Taktik erklärt Trainer Schmidt mithilfe einer “taktilen Taktiktafel”, einem maßstabgetreuen Minispielfeld mit kleinen Figuren darauf, an dem die Mannschaft verschiedene Spielsituationen erfühlen und besprechen kann. St. Pauli steht zum vierten Mal in Serie im Endspiel. 2018 und 2019 ging das Finale verloren. Die Stuttgarter werden von Torjäger und Nationalmannschaftskapitän Alexander Fangmann angeführt.

Spieler erhalten kein Gehalt

Im internationalen Vergleich spielen die deutschen Blindenfußballer nicht ganz oben mit. Ein Grund: Die blinden Nationalspieler bekommen, anders als etwa in England, hierzulande kein Gehalt. Das mache die Vereinbarkeit von Sport, Job und Familie sehr schwierig, sagt Trainer Schmidt. Celebi nutzte die Popularität seines “Tor des Monats”, um für seinen Sport zu werben. In den Jahren 2014 und 2015 hatt er im Nationalteam bei der Welt- und Europameisterschaft mitgespielt – und hierfür Urlaub genommen. Hinzu kamen intensive Lehrgänge am Wochenende. “Das war mir irgendwann einfach zu stressig”, sagt Celebi.

Auch Kapitän Narjes, der blind zur Welt gekommen ist, hat viel investiert in seine Karriere. Als er zwölf Jahre alt war, startete er bei St. Pauli. Sieben Jahre lang pendelte er zweimal pro Woche aus dem 75 Kilometer entfernten Volkwardingen (Niedersachsen) in die Hansestadt zum Training: Zwei Stunden dauerte die Fahrt mit der Bahn und Blindenstock von der Haustür zum Trainingsplatz. Dreimal umsteigen – und dann das Ganze wieder zurück.

“Man muss den Sport schon lieben, um das zu tun”,

sagt er rückblickend.

Und das tut er. “Man kann laufen, wie man möchte. Man kann agieren, wie man möchte. Das ist eine Sache, die man sonst als Blinder nicht immer hat. Auf dem Platz ist man völlig frei”, sagt Narjes. Der Fußball habe ihm geholfen, sich durchzusetzen, gerade in der Pubertät gegen seine Mitschüler. “Um als Blinder im Leben Fuß zu fassen, braucht man schon eine ziemlich breite Brust und viel Selbstvertrauen.” Das habe ihm der Fußball gegeben.

(RP/dpa)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.